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WILLI-Reportage | Raus aus dem Durcheinander

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Vom Lockdown in den Burnout – Eine Mutter berichtet:

Der erste Lockdown im März 2020 kam für mich  total plötzlich. Zwar habe ich die rasende Verbreitung des Virus beobachtet, konnte mir aber nicht vorstellen, dass es unser Leben kontrollieren könnte. Mein Mann war da realistischer, er warnte gleich vor dem, was da auf uns zukommen würde und besorgte frühzeitig Desinfektionsmittel und Masken. Ich schmunzelte darüber, bis es ernst wurde.

Plötzlich war also tatsächlich Lockdown und Home-Office angesagt. Ich habe meinen Büro-Rechner, Unterlagen, Ordner und Daten die ich für ein Arbeiten von zuhause benötige eingepackt und habe mir im Wohnzimmer ein Not-Büro eingerichtet. Gleichzeitig haben wir unseren beiden Kindern – vierte und fünfte Klasse – einen ruhigen Platz für das Homeschooling geschaffen. Mein Mann durfte als „systemrelevant“ weiterarbeiten, er war also fortan unser Kontakt nach außen und ich dachte anfänglich nicht, dass ich ihn dafür mal beneiden würde.

Zuerst tat die Corona-Auszeit wirklich gut

Anfänglich fand ich die Lockdown-Situation spannend. Dadurch dass auch die Freizeit- und Sportaktivitäten und damit der Termindruck der ganzen Familie wegfielen, fühlte sich das Leben entschleunigt an und ich ließ mich gespannt darauf ein. Meinen Job im Homeoffice erfüllte ich gewissenhaft, ich machte ja das, was ich immer gemacht habe, allerdings wurde der Kontakt zu einigen wichtigen Kollegen immer weniger und fiel teilweise sogar ganz weg. Mein Ehrgeiz erwachte, den widrigen Umständen nicht klein beizugeben, meine Aufgaben weiterhin so zu erfüllen, wie das Team es von mir gewohnt war. Ich versuchte die Arbeit der fehlenden Anderen aufzufangen, meine gewohnte Gesamtleistung zu erbringen und gleichzeitig erreichbar zu sein, für alle die, die mich zur Arbeitszeit an meinem Arbeitsplatz erwarteten.

„Mama, ich kapier das nicht.“

Was für mich galt, erwartete ich auch von meinen Kindern. Die Schulzeiten mussten eingehalten werden. Pünktlich um 7 Uhr 45 saßen sie in ihren Zimmern mit den ersten Aufgaben für den Tag. Ich ließ sie dann optimistisch mit ihren Aufgaben alleine zurück, um mich meiner Arbeit widmen zu können. Pustekuchen, das funktionierte leider nicht. Ständig standen sie an meinem Schreibtisch. „Mama, ich kapier’ das nicht.“ Nun, es war verständlich, denn das schriftliche Multiplizieren hatten sie in der Schule noch nicht durchgenommen, sollten aber genau diese Aufgaben aus dem Mathebuch lösen. Ich geriet in einen Zwiespalt: wie kann ich das jetzt erklären und gleichzeitig meiner Arbeitszeit gerecht werden – und – wie funktioniert doch gleich noch mal das schriftliche Multiplizieren? Es begann die Zeit in der ich und „Lehrer Schmidt“ mit seinem Online-Unterricht beste Freunde wurden.

Mehr und mehr gab es schon morgens Wirrwarr zwischen eigener Arbeit und Schulaufgaben und entsprechend geriet ich unter Druck, was ich oft auch lautstark meinen Kindern zeigte. Irgendwann saßen Beide heulend in ihren Zimmern und ich merkte, dass es bei uns nicht gut lief. Es war mein Verhalten, dass die beiden verunsicherte. Meine andauernde Ungeduld war einfach demotivierend und überhaupt nicht fair. Ich musste etwas ändern. Also beschloss ich, die Schulaufgaben und die Kinder als oberste Priorität anzusehen. Meine geregelte Arbeitszeit war damit dahin, dies musste ich mit Nacharbeiten kompensieren. Dies kollidierte dann allerdings wiederum mit meinen Haushaltsarbeiten, die ich für gewöhnlich nach meiner Arbeitszeit zu erledigen hatte. Egal, die Arbeitszeiten wurden ja immer flexibler und konnten dahin geschoben werden, wo Platz war.

Es begann die schlaflose Zeit

Nach außen blieb ich entspannt. Wenn die Kinder kamen, legte ich (zwar innerlich immer noch sehr genervt) meine Sachen zur Seite und erklärte ruhig die Aufgaben. Das funktionierte, es gab kein Geheule mehr und wir kamen mit dem Unterrichtsstoff super voran. Dazwischen füllte ich die Spülmaschine mit Geschirr, schmiss die Waschmaschine an, saugte –  ach ja und kochte Mittag und Abendessen und zwischendurch war Einkaufen das Highlight überhaupt, um aus dem Haus zu kommen. Das alles, aufgefüllt mit  Arbeitszeit, ergab einen langen anstrengenden Arbeitstag bis in den späten Abend. Abends konnte ich wenigsten ungestört arbeiten, hatte aber trotzdem ein fortwährend schlechtes Gewissen – unbegründet, schließlich erfüllte ich meinen Job wie immer. Das ungute Gefühl nahm ich mit ins Bett, um mir immer pünktlich um drei Uhr morgens genau darüber Gedanken zu machen. Das war die Zeit in der ich aufwachte und für zwei Stunden Löcher in die Luft starte, Disneys Lustige Taschenbücher las oder Schafherden zählte.

Das ganze Leben ein einziger Einheitsbrei

So kam die Zeit in der ich durchweg müde war, kraftlos und irgendwie gleichgültig. Ich nahm am Leben teil, erfüllte meine Jobs wunderte mich aber über Gespräche und Zusagen, die ich anscheinend getätigt hatte, mich Tage später jedoch nicht mehr daran erinnern konnte. Mein Mann verzweifelte an mir und mutmaßte eine angehende Demenz. Tatsächlich bemerkte ich, dass irgendwas in meinem Kopf nicht mehr normal lief und äußerte ihm gegenüber scherzhaft mein künftiges Leben in der Klapse verbringen zu müssen. Zusehends verlor ich die Lust an Dingen, die mich früher erheiterten und mir Spaß machten. Ich hatte keine Struktur und keine Energie mehr. Wenn ich mir was vornahm, konnte ich es nicht einhalten. Schließlich konnte ich überhaupt keine Prioritäten mehr setzen, ich erkannte sie nicht mal mehr. Im Haushalt wusste ich nicht wo ich anfangen soll, mein ganzes Leben schwamm in einem einzigen Einheitsbrei.

Der Kampf mit den Prioritäten. Welche Dinge sind wirklich wichtig? Was bringt dich weiter? Was schätzt du? Wenn der Kopf zu voll ist um überhaupt noch Prioritäten setzen zu können, dann müssen wir uns Zeit nehmen, um ein paar Aspekte neu zu überdenken und neu zu ordnen. Alte Routinen müssen rausgeschmissen werden, damit sich neue etablieren können.

Dann kam der Tag X, es war ein Sonntag an dem ich mit meinem Mann vor dem Fernseher saß und plötzlich aufsprang, weil mein Herz zu rasen begann. Mir wurde schwindelig, meine Füße und Arme schliefen ein, ich konnte nicht mehr stehen. „So“, dachte ich, „jetzt hast du einen Herzinfarkt und hoffentlich überlebst du den.“ Bis der Krankenwagen kam, redete ich mir ein, dass es bestimmt bald besser werden würde. In der Notaufnahme des Krankenhauses dauerte es einige Stunden bis mein Herzrasen und der viel zu hohe Blutdruck wieder unter Kontrolle waren. Spät abends durfte ich dann doch nach Hause, mit der Bitte, mich vom Hausarzt gründlich durchchecken zu lassen. Jedoch noch bevor ich den Termin beim Hausarzt hatte, fand ich mich ein zweites Mal im Krankenhaus wieder. Gleiche Symptome, gleicher Ablauf.

Herzrasen und hoher Blutdruck

Nach etlichen Arztterminen, Blutuntersuchungen, nach einem Langzeit-EKG und Blutdruckmessungen, Ultraschall und diversen Checks, kam die Diagnose: „Sie sind körperlich völlig gesund.“ Mir fiel ein Stein vom Herzen, alles andere könne ja dann nicht so schlimm sein. Dass es nun ein psychisches Problem sein musste, war meinem Arzt und auch mir klar. Es stand also plötzlich das Wort „Burnout“ im Raum. Je mehr ich darüber nachdachte um so plausibler wurde mir das Ganze. Ich hatte Warnsignale zwar bemerkt aber ignoriert. Heute ein Vierteljahr nach dem ersten Anfall schwankt mein Blutdruck immer noch gewaltig und mein Puls ist permanent zu hoch.

Hauptsächlich in Ruhephasen ereilen mich dann Panik-Attacken, ich bemerke den schnellen Herzschlag, wiederkehrende Schwindelanfälle und Übelkeitsattacken. Atemübungen helfen mir hier eigentlich ganz gut, mich in den Griff zu bekommen. Ich habe nun Notfallmedikamente die ich zu meiner eigenen Beruhigung immer bei mir trage und nehme jeden Morgen blutdrucksenkende Tabletten. Außerdem habe ich eine Überweisung zu einem Psychotherapeuten erhalten und versuche nun dem Übeltäter in meinem Hirn auf die Spur zu kommen. Ansonsten arbeite ich an mir, versuche bei einem Anfall keine Panik zu bekommen und mich zu entspannen. Vor allem aber versuche ich falsche Abläufe, die sich in eineinhalb Jahren Corona in meinem Hirn festgefressen haben zu unterbrechen, um wieder Prioritäten setzen zu können. Auch versuche ich meine körperliche Angespanntheit, durch gezielte Atmung und Lockerungsübungen zu lösen, wann immer es mir bewusst wird und treibe wieder aktiv Sport.

Seit vier Wochen arbeite ich tageweise wieder im Büro und merke: es tut mir gut. Die räumliche Trennung von Arbeit und zuhause zeigt meinem Gehirn wieder Grenzen. Zur Normalität ist es noch ein weiter Weg. Aber ich gestehe mir den „Burnout“ ein, nehme ihn an und rede darüber, mit der festen Absicht ihn irgendwann hinter mir zu lassen, ebenso wie diese ganze scheiß Corona-Pandemie.

Text: Name der Autorin ist der Redaktion bekannt

Aus RegioMagazin WILLI 12/2021

PANIKATTACKE – Was tun?

1. Gefühle einordnen: Versuchen Sie sich klarzumachen, dass Sie einen ­­Angstanfall haben, der wieder vorbeigeht. Ihr Leben ist nicht in Gefahr.

2. Bewusst atmen: Stellen Sie sich schulterbreit hin. Versuchen Sie locker zu stehen und sich nicht zu verkrampfen. Legen Sie die Hände flach auf den Bauch. Atmen Sie durch die Nase so tief ein, dass die Bauchdecke gegen ihre Hände drückt. Atem Sie danach lange die Luft aus dem Mund wieder aus. Drücken Sie dabei ganz leicht auf Ihren gewölbten Bauch. Wiederholen Sie diese Atemübung. Möglicherweise wird Ihnen schwindelig werden. Das liegt daran, dass Ihr Gehirn nicht mehr daran gewöhnt ist soviel Sauerstoff aufzunehmen. Am Ende schütteln Sie noch Ihre Beine und Arme aus und Sie haben nun genügend Sauerstoff getankt und fühlen Entspannung.

3. Gesünder leben: Ein bewusster Lebensstil hilft, die Wahrscheinlichkeit für erneute Panikattacken zu senken. Vermeiden Sie Substanzen, die Panik verstärken können – zum Beispiel Nikotin, Koffein und Alkohol. Essen und schlafen Sie regelmäßig.

4. Dem eigenen Körper vertrauen: Schonen Sie sich trotz Panik-Symptomen wie Herzrasen nicht. Beim Sport zum Beispiel merken Sie, dass ein schneller Puls auch durch körperliche Betätigung entsteht und eine normale Reaktion ist. So lernen Sie, Ihrem Körper wieder zu vertrauen. Die Führung übernehmen: Versuchen Sie, sich im Alltag nicht von der Angst bestimmen zu lassen. Ziehen Sie sich nicht zurück, und vermeiden Sie nicht Situationen, die Sie beunruhigen.

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