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Region | Erinnerungen füllen Lücken

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Gerne machen wir auch in der April-Ausgabe ein Plätzchen frei für Menschen, die den Luftangriff auf Bruchsal am 1. März 1945 erlebten und uns ihre Erinnerungen weitergeben möchten. Zeitzeugen liefern wertvolle Berichte die Lücken in der Stadtgeschichte füllen

Aus dem RegioMagazin WILLI 04/17

Erinnerungen von Karl Simon aus Weiher

<div class="clear"></div><div style="margin-top:"20"px; margin-bottom:"20"px;" class="divider divider-"dotted""></div>Geboren wurde ich 1930 in Karlsruhe, gewohnt habe ich in Weiher.
1942 kam ich auf das Schlossgymnasium, das war da wo heute der Pfarrsaal der Hofparrei ist. Aus Weiher waren wir damals vier Buben, die jeden Tag mit dem Zug nach Bruchsal fuhren.

Wenn nachts Fliegeralarm war, durften wir immer zwei Stunden später in die Schule gehen. Wenn eine Klassenarbeit bevorstand, war das oft gar nicht so unangenehm. Wenn wir in der Schule waren und es Fliegeralarm gab, sind wir in den Keller gegangen, das kam sehr oft vor.

Am 1. März 1945 haben wir gerade zwischen Bruchsal und Ubstadt Schützengräben ausgehoben. Wir sahen den Bomberverband und das alamierende Rauchzeichen der ersten Maschine. Wir wussten gleich: Jetzt zerbomben sie unser schönes Bruchsal.

Es waren drei Wellen und insgesamt 120 Maschinen, die ihre volle Bombenlast über Bruchsal abgeworfen haben. Am nächsten Morgen mussten wir in Bruchsal vor dem Gasthaus Bären antreten, um die ersten Aufräumarbeiten zu verrichten. Wir sahen Leute mit schlimmsten Verbrennungen und stark blutend die ins Krankenhaus gebracht wurden. Das war furchtbar.

Deutsche Artillerie beschoss Weiher

Über heiße rauchende Trümmer mussten wir maschieren bis zur Kaiserstraße. Ein Junge wollte nicht mit, da seine Schuhsohlen Löcher hatten. Er wurde angeschrien und sollte dann barfuß laufen, das vergesse ich nie. Vor dem Rathaus mussten wir Trümmer wegräumen, da gab es riesige Bombentrichter. Vereinzelt sind immer noch Flugzeuge geflogen. Ich erinnere mich, dass wir Angst hatten, dass nochmal Bomben fliegen könnten und wir hatten Angst vor Blindgänger oder Zeitzünder die unter den Trümmern liegen könnten. Abends sind wir dann wieder heim gelaufen.

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Karl Simon (rechts), 1940 in Weiher

Später habe ich miterlebt, wie die amerikanischen Panzer in Weiher einfuhren, vor Angst bin ich ins Haus zurück, wo die Großmutter gerade in der Küche beschäftigt war. Plötzlich kam ein amerikanischer Soldat herein. Wir haben ihn gefragt, ob er auch etwas Suppe haben will. Er hat nicht Ja gesagt, aber gewartet bis wir fertig waren und hat dann auch etwas gegessen.

Später hat er gesagt wir sollen in einen Bunker gehen, denn man weiß nicht was die Nacht noch bringt. Inzwischen sind die Frauen auf die Straße gerannt und haben gerufen: „Die Amerikaner sind da, jetzt sind wir frei!“. Doch in diesem Augenblick hat die deutsche Artillerie Weiher beschossen.

100 Granaten haben Weiher getroffen und großen Schaden angerichtet. Zwei Personen sind dabei ums Leben gekommen. Die Amerikaner haben anschließend bei uns übernachtet. Der Soldat, der bei uns war, hat uns eine Decke gebracht und uns versichert, dass dem Haus nichts passieren wird und wir ruhig Schutz suchen können. Daraufhin sind meine Großmutter und ich in die Zigarrenfabrik wo sich ein Luftschutzkeller befand. Am nächsten Tag waren die Amerikaner weg aber sie haben alles sauber und unberührt hinterlassen.

Im Anschluss sind die Franzosen gekommen. Vor denen haben wir immer Angst gehabt. Die haben hier ihr Unwesen getrieben und unter anderem das Vieh aus dem Stall geholt. Die Jahre nach 1945 waren sehr schlecht.

In Weiher gab es zwar noch viel Landwirtschaft, es gab aber auch viele Leute, die keine Landwirtschaft betrieben haben und denen es nicht so gut ging. Es wurde getauscht, auch Leute aus den Städten sind gekommen und brachten Kleidung oder Glühbirnen mit und bekamen dafür Tabak oder Lebensmittel.
Nach der Währungsreform ist es besser geworden.

Fotos aus dem Album von Karl Simon

Erinnerungen von Herbert Durst aus Heidelsheim

hdurst1Ich bin im Dezember 1928 geboren. Den Krieg habe ich als Schüler miterlebt. Am 1. März mussten wir westlich der Peterskirche Schützen- und Panzergräben ausheben. Wir sahen wie Jagdbomber auftauchten und über dem Bruchsaler Bahnhof Bomben abwarf.

Es war ein schöner Tag mit ein paar Wolken am Himmel. Von Süden her aus Untergrombach kam uns dann eine Fliegerstaffel aus der Sonne entgegen. Wir dachten, dass die uns im Moment nichts machen und seitlich an uns vorbei fliegen.

Aber dann haben sie die weißen Signalraketen abgeworfen. Daraufhin haben wir uns in einem Erdbunker versteckt. Als der Spuk vorbei war sind wir raus und haben gesehen, dass der ganze Klosterberg, dort wo heute das Paulusheim und das Altenheim stehen, in Flammen steht.

Wir 14/15-jährigen Jungen sind dann nach Bruchsal rein um zu helfen. Gekommen sind wir nur bis zur großen Brücke, in die Innenstadt war eine einzige Feuerwand, ein Durchkommen unmöglich. Letzlich haben wir geholfen Brände in der Klostergasse zu löschen.

Am nächsten Tag sollten wir weiter schanzen, haben aber gemerkt, dass das jetzt nichts mehr bringt und Helfen sinnvoller ist. Wir halfen dann in der Wilderichstraße den Zugang zum Keller einer Lebensmittelgroßhandlung freizuschaufeln. Im Keller wurden die Lebensmittel gelagert. Durch die Brandhitze, war die Butter und der Käse auf dem ganzen Boden Knöchelhoch zerlaufen. Die Bruchsaler kamen mit Eimern und holten die Butter vom Boden.

Die Tage später haben wir Bomentrichter vor dem Rathaus und im Luisenpark zu geschüttet. Ende März sollte der Volkssturm ausrücken. Die Jungen und Älteren über 60 versammelten sich außerhalb von Heidelsheim, ca. 60 Personen und dann hieß es Abmarsch Richtung Pforzheim.

Bei Obergrombach haben wir die Delegation aus Karlsdorf getroffen, die nur aus drei Personen bestand. Da dachten unsere Männer: „Wir sind zu viele!“ und wir beschlossen zu verschwinden. Bei Wössingen haben drei ältere Jungs und ich uns nachts auf den Weg gemacht und sind seitlich durch die Büsche abgehauen und heim – Fahnenflucht! Unsere Angst war dann, dass die SS uns erwischt und uns erschießt oder aufhängt.

“Wir hatten Angst, dass die SS uns erschießt oder aufhängt”

Ende März ist ja dann der Franzose über den Rhein gekommen. Ich war dann sogar drei Tage in Kriegsgefangenschaft. Sie haben mich mitgenommen und zusammen mit anderen in den Keller des Gasthauses Adler in Heidelsheim gesperrt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch ein Hakenkreuz auf meinem Arm. Das habe ich dann schnell abgemacht und unter den Steinen versteckt.

Angst hatten wir eigentlich nicht, wir waren nur froh es bis dahin geschafft und überlebt zu haben. Am dritten Tag bin ich dann zum Kommandant gekommen und er wollte wissen warum ich kein Soldat sei. Ich habe ihm geantwortet, dass ich zu klein bin und wurde frei gelassen.

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Wohnhaus von Herbert Durst in Heidelsheim zu Kriegszeiten.

Die Alliierten haben damals jedes Haus durchsucht und vieles mitgenommen: Hühner, Hasen, Schnaps und sie haben Frauen vergewaltigt. Auch die Heidelsheimer Glocken sind damals geklaut worden aber eine ist dageblieben. Zu der Zeit war ich Leutjunge und als im Mai 1945 Frieden war, habe ich die Glocke geläutet – ich habe den Frieden eingeläutet.

Den Heidelsheimern ging es ganz gut in der Nachkriegszeit, wir hatten genug Vorräte, man begann zu tauschen.

Im Juni 1945 sind dann die Amerikaner gekommen und da herrschte dann wieder Ordnung. Sie versorgten die Bevölkerung, hatten erste Zeitungen, Kaugummi, das fanden wir Jugendliche toll.

Nach Kriegsende hat jeder versucht das Leben wieder aufzubauen. Ich wurde dann Beamter und wurde Ratsschreiber im Rathaus Heidelsheim, später arbeitete ich im Bauamt Bruchsal.

Fotos aus dem Album von Herbert Durst, Stadtarchiv Bruchsal

 

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