PORTRÄT :: „Heimat ist da, wo die Seele wohnt.“

Man muss gar nicht so weit schauen, um zu erkennen, dass um uns herum Menschen leben, die einfach großartig und faszinierend sind. Sie sind nicht prominent und stehen in keinem Rampenlicht und trotzdem sind sie einzigartig in dem, was sie tun und was sie erlebt haben. Die Autorin Renate Weilmann und der Fotograf Bernhard Dedera geben in ihrem Buch „spiegelblicke“ Einblicke in das Leben von Menschen unserer Region. Einige davon stellen sie im WILLI vor.

Manfred Jenz, Kunsthandwerker, Bogenbauer, Schreiner, Baurestaurator, Lebenskünstler

Nach Manfred zu fragen ist sinnlos im Flecken. Alle nennen ihn Gigi. Sogar er selbst. Und schuld ist dieser Vogel auf dem Dach seines Elternhauses, das nun von ihm bewohnt wird. Vor über hundert Jahren, im Jahre 1910, breitete sich ein Feuer von hier aus. Es ergriff die Nachbarhäuser und richtete großen Schaden an. Und um solcherlei in Zukunft zu vermeiden, wurde ein Schutzbann in Form eines Hahnes aufs Dach gesetzt. Ein Hahn heißt „Gockel“, hier am Übergang zwischen Kraichgau und Zabergäu, genauer gesagt ein „Gigler“. Und als der kleine Schulbub Manfred einst gefragt wurde, zu welchen der zahlreichen im Ort vertretenen Jenzens er denn gehöre, antwortete er: „Zum Gigler Jenz“, doch weil der Bub so aufgeregt war, wurde aus „Gigler“ „Gi-gi-gi-gler“. So werden Namen geboren. Und Legenden.

Seit dem 16. Jahrhundert hat seine Familie hier gewohnt. Sein Vater ist hier geboren. Seine Eltern seien damals in den 1950ern bereits etwas Besonderes gewesen. Sie pflanzten Rüben, Heu für die Kühe, Kartoffeln, Gemüse, Wein, hielten Schweine, Hühner und allerlei Kleinvieh. Freie Bauern halt, frei vom Druck der Massenproduktion. Und vor dem Haus stand der Misthaufen. Für den sich Klein-Gigi schämte.„Aussiedlerhöfe“ wurden geboren. Gigis Vater entschied sich dagegen. Meine Wurzeln sind hier, sagte er.

„Ich will die Wurzeln meiner Eltern weiter wachsen lassen“, philosophiert Manfred Jenz, „doch oft habe ich auch schon gedacht, ich brauche mehr Platz!“

Heimat sei da, wo die Seele wohnt, sagt einer, der die Heimat nie verlassen hat. Seine Seele wohne hier überall. In der Natur, den Bäumen, kurz gesagt, dort, wo er ist.

Wir trinken Tee in seiner Wohnstube, die gleichzeitig Werkstatt und Mittelpunkt seines Hauses ist. Man merkt diesem Heim an, das es sich mehrfach an sich verändernde Lebenssituationen anpassen musste. Es wirkt wie Matrjoschkas, russische Holzpüppchen, die ineinander verschachtelt, jedes mal eine neue, kleine Überraschung darbieten. Der Bogenbauer erzählt, wie er als Kind seinen Eltern in der Landwirtschaft half, und wie es ihn einschränkte und gleichzeitig bereicherte. Zeit zum Spielen gab es auch und die Plätze seiner Kindheit im Ort blieben in seiner Erinnerung.

Was ihm nicht gefällt, sind Industrieanlagen, Baustellen, Autobahnen. Er sagt es beinahe flüsternd, als sei es ein Frevel, dies laut auszusprechen. Als sei er, wie er es von seinen Eltern seinerzeit dachte, ein Außergewöhnlicher, ein Sonderling, einer, der nicht mehr mitkommt mit der neuen Zeit und ihrer Geschwindigkeit. Einer, der nicht mehr mitkommen möchte, betont er. Der, der noch immer den Misthaufen neben der Haustür hat statt eines großzügigen Gehöftes am Dorfrand. Handwerk sollte im Dorf stattfinden, heutzutage seien Handwerksstätten ausgelagert und den Kindern werde dadurch der Zugang verwehrt.

Manfred Jenz ist freischaffender Kunsthandwerker. Seine handgefertigten Pfeile und Bögen sind weit über die Region hinaus bekannt und geschätzt. Auf Mittelaltermärkten bietet er seine Ware an. Als Zeitreisender fühlt er sich. Und es gefällt ihm.

„Der Holzweg ist ein wichtiger Weg“, philosophiert er mit seinem für ihn so typischen schelmischen Lachen. Vom Holz käme sehr viel, sinniert er. „Wir stehen drauf, wir sitzen drauf, wir schlafen drauf, es versteckt uns und ernährt uns“, zählt Gigi auf, der von sich sagt, er könne sehen, hören, fühlen, ob und wie Holz richtig bearbeitet wird.

„Holz ist kein einfaches Material, es ist so unterschiedlich wie wir Menschen“.

Alles Technische ist nicht seine Ausrichtung. Der Gedanke, dass die Natur wachsen lässt, was man braucht gefällt ihm. Er hat eine ausgeprägte Liebe zur naturgegebenen Form. Und er schildert, wie so ein Bogen entsteht, wie er, der das Holz bearbeitet, bereits Bäume anders sieht, ihren Wuchs, ihre Formen, teils lustige, teils sinnliche, ja sogar erotische. Wenn er die Klinge über das Holz zieht, hört er schon am Klang, wo Unregelmäßigkeiten sind.

„Heimat ist da, wo die Seele wohnt.“

„Es ist eine hohe Kunst, mit Holz so umzugehen, zu erkennen, was man herausholen kann, welchen Belastungen ich es aussetzen kann“, erzählt er strahlend.


INFO-BOX

Neben den natürlichen Grenzen des Holzes ist es der Augenblick des Loslassens, der ihn beim Bogenschießen fasziniert. Und dass es etwas mit der richtigen Haltung zu tun hat. Und es könne schon mal passieren, dass der Bogen überspannt wird, wenn die Schere zu weit auseinander geht zwischen dem, was wir erreichen wollen und dem, was wir erreichen können. Da kann dann schon mal ein Schuss daneben gehen, sagt einer, der aus Erfahrung spricht.


„Früher war man ein Teil vom Ganzen“

Gigi braucht es erdig. Ohne technischen Schnickschnack. Nur er und sein Bogen. Ein gewachsenes Stück Holz. Aufrecht stehen, spannen, entspannen, loslassen können, das gibt Struktur. Struktur sei wichtig, nicht nur hierbei. Den Bogen zu überspannen kann einem auch im Leben passieren. In einer Beziehung beispielsweise. „Wenn man die Grenze nicht sieht“, sagt er. Vermisst er die Individualität unter den Menschen? „Nun ja, … überall individuelle Menschen mit individuellen Klingeltönen …“, lautet seine ironische Antwort.

„Wir sind uns heute selbst viel, viel wichtiger. Früher war man ein Teil von dem Ganzen. Der Gedanke gefällt mir!“
Lade dir jemanden Gefährlichen zum Tee ein, soll Beuys gesagt haben, lese ich an Gigis Tür. Umarme Bäume, lerne Schlangen beobachten, pflanze unmögliche Gärten. Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.

Schuld an allem ist dieser Vogel. Dieser rote Feuervogel auf dem Dach. In welche Himmelsrichtung schaut er denn nun? Nach Osten Richtung Kraichgau? Nach Westen Richtung Zabergäu? Oder dreht er sich gar heimlich? Des Nachts, wenn alle Katzen grau sind und alle Kürnbacher schlafen? Schaut sich die Welt von oben an? Hüben und drüben. Und er denkt über Gigis Worte nach. Und er hadert damit, hier oben festzusitzen und genießt dennoch den freien Blick bis zum Horizont und darüber hinaus. Und er fragt sich, ob das auch für Gigler gilt, was der Gigi da gesagt hat:

„Wir können zwar vieles, doch dürfen wir auch vieles?“

Text: Renate Weilmann, Bilder: Bernhard Dedera

Kommentiere gern zu diesem Thema

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

DIE NEUSTEN
FILMBERICHTE
VON
KRAICHGAU TV

00:02:27

130 Jahre Karl Hubbuch: Kunst und Geschichte im Graf-Eberstein-Schloss

Zum 130. Geburtstag des Künstlers Karl Hubbuch widmet das Graf-Eberstein-Schloss in Kraichtal-Gochsheim einem der bedeutendsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit eine besondere Ausstellung. 15.07.2026 | Besucherinnen...
00:04:09

SO WAR’S | Musik für den guten Zweck: Rockn’TARY begeistert auf dem Rohrbacher Hof

Die Benefizband ROckn’TARY begeisterte ihr Publikum auf dem Rohrbacher Hof. Die Einnahmen des Konzertwochenendes kommen lokalen Projekten zugute. 15.07.2026 | Vor der malerischen Kulisse sorgte...

SO WAR’S | Brusler Dorscht: Drei Tage Sommerfest unter Kastanien

Der Brusler Dorscht machte seinem Namen auch in diesem Jahr wieder alle Ehre. Bei sommerlichen Temperaturen wurde der Kastanienplatz am Belvedere drei Tage lang...

AUSSTELLUNGSTIPP: Ein Bild von einer Stadt | Bruchsals Geschichte in Gemälden

Die Ausstellung „Ein Bild von einer Stadt“ im Bruchsaler Rathaus nimmt Besucherinnen und Besucher mit auf eine spannende Reise durch die Geschichte der Stadt. 15.07.2026...

Fast 200 Arbeitsplätze für die Energiewende: Östringen bekommt ein neues Regionalzentrum der Netze BW

ÖSTRINGEN, 16. Juli | Mit einem kräftigen „Und richtig mit Schmackes!“ fiel der Startschuss für das neue Regionalzentrum der Netze BW. Warum dieser Bau...
00:16:36

Theatersommer! Raus aus dem Wohnzimmer, rein in den Schlossgarten!

Bruchsal, im Juli 2026 | Wir warnen Sie lieber gleich: Wer dieses Interview bis zum Ende schaut, wird dem Bruchsaler Theatersommer kaum noch widerstehen...

SO WAR’S | Blaulichttag in Bruchsal: Wenn Helfer ihre Arbeit sichtbar machen

Beim Bruchsaler Blaulichttag wurde schnell deutlich, wie viele Organisationen im Ernstfall für unsere Sicherheit im Einsatz sind. 09.07.2026 | Trotz hochsommerlicher Temperaturen präsentierten sich rund...

SO WAR’S | Alle Neune für den Sieg: Kegelturnier beim Sommerfest in Ubstadt

Beim Sommerfest des Kegelvereins „Schöner Kranz“ Ubstadt wurde nicht nur gefeiert, sondern auch ordentlich um Holz gekämpft. 09.07.2026 | Während am Wochenende beim Kleebühlturnier Mannschaften...

SO WAR’S | Ein Eis für die Vielfalt: Brusl Pride mit erfrischendem Alternativprogramm

Eigentlich sollte im Rahmen des Pride Month wieder ein buntes Familienfest in der Bruchsaler Innenstadt stattfinden. Doch die extreme Hitze machte den Plänen kurzfristig...

Top-Aufrufe diese Woche

UPDATE: Amerikanische WK-II-Splitterbombe in wenigen Minuten entschärft

Bruchsal, 16. Juli 2026 | Die am Donnerstagnachmittag bei Bauarbeiten in der Viktoriaanlage entdeckte Fliegerbombe ist erfolgreich entschärft worden. Die Evakuierung wurde aufgehoben, der...

Zur Zeit interessant

Blaulicht kompakt: Von Schienenalarm bis Wohnungseinbruch – Einsatzreiches Wochenende von Polizei und Feuerwehr

BRUCHSAL/KRONAU/STUTENSEE, 13. Juli 2026 | Mehrere Einsätze für Feuerwehr,...

Nächtliche Kletteraktion: In 40 Metern Höhe geht es für zwei Jugendliche nicht mehr weiter

STUTENSEE-BÜCHIG, 15. JULI 2026 | Zwei Jugendliche sind am...

130 Jahre Karl Hubbuch: Kunst und Geschichte im Graf-Eberstein-Schloss

Zum 130. Geburtstag des Künstlers Karl Hubbuch widmet das...

Neff in Bretten: Aus Schließung wird vielleicht nur eine halbe Schließung

Bretten, 14. Juli 2026 | Für den Neff-Standort in...

Unser-Kopf-Sprung-Tipp | 17.-19.7. | Schwimmbadfest Odenheim mit Gaudispielen und Musik

Datum: 17.07.2026 · 19:00 Uhr – 19.07.2026 · 01:00...

UPDATE: Amerikanische WK-II-Splitterbombe in wenigen Minuten entschärft

Bruchsal, 16. Juli 2026 | Die am Donnerstagnachmittag bei...

Kommentiere gern zu diesem Thema

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Anzeige

spot_img
spot_img
spot_img

Auch interessant

Das Bruchsaler Kulturfenster zeigt Fundstücke unserer Stadtgeschichte: Alle 14 Tage zur Wochenmitte öffnen Dr. Tamara Frey vom Stadtarchiv Bruchsal und Regina Bender vom Städtischen Museum für Euch das „Bruchsaler Kulturfenster“. Die beiden Expertinnen picken sich spannende Details heraus und erzählen die Geschichte dahinter.

Es gibt noch mehr zu entdecken