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Bürgermeister Ulrich Hintermayer (rechte Seite und der Leiter der Stadtwerke Gerhard Süpfle. Foto: lfk

KRAICHTAL :: Bürgerversammlung in Gochsheim – Sind wir nicht alle ein bisschen Wasser?

Ein Landfunker-Kommentar

Kraichtal – Eine Landschaft zum Durchatmen, so das Logo der Stadt. Tief Luft geholt wurde an dem Abend. Die Bürger holten so tief Luft, dass ein wahrer Sturm der Entrüstung gen Bühne blies. Der lange Atem des Bürgermeister und der Stadtverwaltung hielt dagegen.

Ein lehreiches Bühnenstück lief am Mittwochabend in der Mehrzweckhalle in Gochsheim. In mindestens drei Akten ging es um das „Lebensmittel Nummer Eins“ – Wasser. In den Hauptrollen: Der Bürgermeister Ullrich Hintermayer, und seine neun Verbündeten gegen ungefähr 300 wütenden Bürger von Gochsheim. Die Aufführung ließ nichts missen. Harte Fakten, scharfe Mono- und Dialoge, Ausraster. Dass es in der aufgeheizten Stimmung nicht zu handgreiflichen Ausschreitungen kam, wäre nur die letzte Hürde gewesen, die es noch zu überwinden gegolten hätte. Und wie in jeder guten Geschichte gab es die einfache Schwarz-Weiß-Malerei der Kontrahenten. Jeder hat seine Sorgen und Bedenken und jeder hat ein wenig Recht.

„VARIANTE 2“

Kraichtal muss die Wasserversorgung für die nächsten 50 Jahre sicherstellen. Deswegen hat sich der Gemeinderat für die kostengünstigste „Variante 2“ entschieden. Ein gemeinsamer Hochbehälter für Oberacker, Münzesheim und Kraichtal, mit Ringleitung, um die sichere und nachhaltige Wasserversorgung dieser Stadtteile zu gewährleisten. Da regt sich noch keiner auf, das finden alle gut. Der Knackpunkt liegt bei den sich verändernden Wasserwerten, wovon insbesondere die Gochsheimer betroffen wären.

Das kommt von der geplanten Beimischung aus heimischem Wasser. Die Bürgerinitiative Gochsheim (BIG) möchte keine Beimischung aus „hartem“ Wasser zu ihrem „weichen“ Bodenseewasser. Dagegen kommt auch kein Arzt vom Gesundheitsamt an. Der erklärt, dass mineralreiches Wasser sogar gesünder sei, da nutzt es auch nichts, wenn ein Lebensmittelchemiker erklärt, dass  zu weiches Wasser die Metalle der Leitungen angreift. Es hilft auch nicht ein Mann vom Landwirtschaftsamt, der die Sorge über die Erhöhung des Nitratgehaltes klein redet und detailliert aufzeigt, dass sich die heimischen Quellen sehr gut von der Nitratverschmutzung durch Düngemittel der Landwirtschaft erholt haben und der Wert unter der gesetzlichen Richtlinie von 50 mg je Liter liegt.

Ist es ein beschwichtigendes Argument wenn man sagt, dass in einem Kilogramm Spinat die circa 50-fache Menge an Nitrat nachzuweisen ist, wenn man nicht jeden Tag 1 Kilogramm Spinat isst, dafür aber durchschnittlich 127 Liter Wasser täglich verbrauche? Da bekommt man den Eindruck, dass die Bedenken der Bürger nicht gehört werden wollen. Oder sind das alle Warmduscher?

FRUSTRATION

Man kann die Frustration der Gochsheimerin verstehen, die an das Mikro in der Saalmitte tritt und sagt: „ Sie (Bürgermeister Hintermayer) wollen die Bürger totreden mit Zahlen und Fakten. Sie haben das Thema verfehlt“. Und wenn der Bürgermeister darauf antwortet, er wolle doch nur informieren und auch die Mitarbeiter der Stadtverwaltung darauf pochen, dass in dem Bürger-Antrag für diese Bürgerversammlung nur stand, dass Informationen zum Thema „Wasser in Kraichtal“ Gegenstand sei, dann fragt sich der interessierte Wasserverbraucher natürlich schon, was man denn beantragen muss, damit „Futter bei die Fische kommt“.

Mehrfach wurde die Frage gestellt: „Bekommen wir eine Wasserenthärtungsanlage und können wir nicht einfach das reine Bodenseewasser behalten?“ Je später es wurde, umso deutlicher konnte man aus dem Gesagtem „herausarbeiten“, dass eigentlich noch gar nichts so wirklich fest beschlossen wurde! Eigentlich wurde nur die berüchtigte „Variante 2“ festgelegt. Die Kosten, die Auswirkungen, die zusätzlichen Maßnahmen werden jetzt erst ausgearbeitet und geprüft, es kann sich also das Blatt noch wenden! Warum man das nicht einfach am ANFANG des dreistündigen Bühnenmarathons sagt?

Stattdessen verkämpfen sich fünf Fachleute in Vorträgen über die Wichtigkeit des Wassers – eine Information, die jedem im Saal bewusst war. Kostentabellen, die jedoch nicht die Kosten für die „Bürgerwunschvariante“ aufgelistet hatten – da vom Gemeinderat nicht angefordert. Man wollte wohl dem Bürger demonstrieren, mit welch ausufernden Problemen sich ein Gemeinderat für ein scheinbar kleines Problem auseinander zu setzen hat. Das schien das Anliegen von „denen da oben“ zu sein. Leider nicht das von „denen da unten“. Und deshalb war nun einmal keiner gekommen.


REPRÄSENTATIVE DEMOKRATIE

Ulrich Hintermayer wollte die Bürger informieren, nicht aber ihnen zuhören. Warum sonst lässt man neun Fachleute auflaufen, beantwortet aber selbst nicht eine Frage, reagiert auf keinen Vorwurf und äußert sich nur, um die Buhrufe des Publikums zum Schweigen zu bringen? Fairerweise muss man sagen, dass es für viele Fragen noch keine Antwort gibt, weil man sich erst jetzt eingehend mit den Folgethemen der Wasserversorgungsmaßnahmen beschäftigen kann.

Man hatte sich wohl vom Stadtoberhaupt gewünscht, dass er die Leute selbst anspricht und mit ihnen redet. Immerhin wurde angekündigt, dass die Bürger über alle weiteren Planungsschritte „umfangreich“ informiert werden sollen und gerne zahlreich zu den öffentlichen Gemeinderatssitzungen erscheinen dürfen. Aber was heißt nun das? Entscheidungsbeteiligung oder zur Kenntnis nehmen, was entschieden ist?

Aber das ist nun mal repräsentative Demokratie. Alle paar Jahre dürfen wir unsere Volksvertreter wählen, die dann für uns Entscheidungen treffen. Wenn uns die nicht passen, können wir beim nächsten Mal andere wählen. Ob die Gochsheimer so schnell verzeihen? Bestimmt, wir haben unseren Politikern schon Schlimmeres verziehen als härteres Wasser mit höherem Nitratgehalt. Und Gochsheim ist nun einmal nicht der Nabel der Unterwasserwelt.
Kraichtal- Eine Landschaft zum Durchatmen. Wem am Ende die Luft ausgeht, das wird sich zeigen. Hauptsache die Aquablaue Krawatte weht nicht davon.

Siehe auch

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