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Evelyn Nagel, Stefan Holm und Cornelia Heilmann (auf dem Wahlplakat). Foto: Sonja Ramm

THEATER IN BRUCHSAL | Groteske politische Schlammschlacht: BLB zeigt absurde Politsatire

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12.11.2021 | „Ohne Empörung keine Demokratie, keine Menschenrechte, kein Klimaschutz, keine MeToo-Debatte“, so die Dramatikerin Theresia Walser. Aber was passiert, wenn Empörung nur noch wütende Selbsterregung ist?

Diese Absurdität stellt die „Meisterin der Bühnengroteske“ in ihrem Stück „Die Empörten“ aus, das am 20. November um 19.30 Uhr im Hexagon Premiere hat. Es ist eine „finstere Komödie“ über Rechtspopulismus und den Zerfall der Sprache.

Aufgebrachte Bürgerinnen und Bürger ziehen in „Empörungschören“ durch die Straßen von Irbertsheim. Doch wer sind diese Empörten, die ihrer Wut da lauthals Gehör verschaffen? In seiner Inszenierung treibt Alexander Schilling das überreizte Gesellschaftsklima, in dem das Stück spielt, lustvoll auf die Spitze.

Ein junger Mann ist mit dem Auto in eine Menschenmenge gerast. Er selbst und ein Muslim starben, mehrere Personen wurden schwer verletzt. War es ein tragischer Unfall? Ein erweiterter Selbstmord? Ein islamistischer Terroranschlag? Und vor allem: Wer ist der Täter, der angeblich „Allahu Akbar“ geschrien haben soll? Das Volk verlangt Aufklärung!

Einzig die amtierende Bürgermeisterin Corinna Schaad weiß, dass der Schuldige ausgerechnet ihr Halbbruder Moritz ist. Ein Skandal wäre für die Amtsträgerin tödlich, denn der Wahlkampf ist in vollem Gange. Trotz jahrelanger Funkstille ist ihr Bruder Anton bald zur Stelle, um die Leiche von Moritz aus der Totenhalle zu klauen und sie in eine Truhe im Rathaus zu verstecken. In dieser wurde im Laufe der Geschichte schon so einiges entsorgt. Luther soll sich vor seinen Verfolgern darin versteckt haben. Es gibt Mutmaßungen, nach denen man Hitler in dieser Kiste zuletzt aus dem Bunker über die Grenze transportieren wollte, bis hin zu der kruden Vermutung, dass Stalins Schnurrbart heimlich in der Truhe aufbewahrt wurde.

Foto: Sonja Ramm

Nun will Schaads Konkurrentin, die Rechtspopulistin Elsa Lerchenberg, diese Truhe unbedingt als Rednerpodest verwenden. Denn im Nebenraum werden bereits Vorbereitungen für die Trauerfeier der Opfer des Unfalls getroffen und sie will die aufgeheizte Stimmung in der Stadt nutzen, um wieder einmal über die Gefahr der „Überfremdung“ zu sprechen. Als sich herausstellt, dass Schaads wetterwendischer Sekretär Pilgrim für die beiden Polithyänen auch noch identische Trauerreden geschrieben hat, beginnt ein erbitterter Kampf um die Deutungshoheit der jüngsten Ereignisse. In diesem Hochdruckkessel dienen die Toten nur noch als Projektionsfläche für die eigenen Ängste, weltanschauliche Obsessionen und politisches Überleben.

In uns allen, so legt Walsers groteske Politsatire nahe, steckt ein Faschist. Mit scharfem Wortwitz und schwarzem Humor macht „Die Empörten“ den Zerfall der Identitäten und der Sprache sichtbar und rechnet mit unserer hysterischen Gesellschaft ab.

So entsteht in dem Stück ein Raum, der geflutet wird vom Phrasenmüll einer vergifteten Migrations- und Integrationsdebatte: Tolerante aber mitunter auch fremdenfeindliche Muslime kollidieren mit Rechtspopulisten sowie opportunistischen Liberalen – und allen, die zwischen den Fronten stehen.

„Walsers wortverspielter Wahnwitz kann keinesfalls realistisch dargestellt werden“, so Regisseur Alexander Schilling, „vielmehr geht es um das groteske Spiel mit Wirklichkeiten, dazu ist es notwendig, Absurditäten radikal auszuspielen, damit der Schwall aus Fremdenhass und ‚biodeutscher Idiotie‘ nicht nur als Textungetüm auf der Bühne steht.“ In seiner Inszenierung will Schilling die Empörung, in die sich die Figuren bis ins Wahnhafte hineinsteigern, entblößen. „Nichts ist schöner, als über Dinge, die grauenvoll und tieftraurig sind, lachen zu können. Im Idealfall lacht das Publikum und fragt sich dann auf dem Heimweg: ‚Worüber habe ich da eigentlich gerade gelacht?‘.“ Das Lachen wird dabei zum Schlüssel, der die Zuschauerinnen und Zuschauer dazu anregt, ihre eigenen Einstellungen zu überdenken oder vielleicht erst zu entdecken, es macht uns gewissermaßen selbst sichtbar. Das Stück führt uns Biodeutschen auf grotesk zugespitzte Weise unsere eingeschränkte Wahrnehmung vor, deren blinder Fleck wir selbst sind, und entlarvt unser Diskriminieren aus Denkfaulheit.“

Auch die Ausstattung von Katharina Andes tritt einem simplen Realismus entgegen. Holzumrahmte Stellwände, die mit leeren Bilderrahmen versehen sind, deuten das Interieur eines kommunalen Rathaussaals an. Ein Fenster in der leeren Bilderreihe dient als Schaukasten, in dessen Rahmung nicht nur Elsa Lerchenberg eifrig posiert, sondern in der sich jeder seine eigene Bürgermeisterkandidatin vorstellen kann. Die berühmt-berüchtigte hölzerne Truhe, auf der sich die Figuren unermüdlich austoben, wird zum wortwörtlichen Dreh- und Angelpunkt des Geschehens.

In diesen Rathausmauern steckt eine nervöse Akustik. Die Hysterie, die sich innerhalb der vier Wände ausbreitet, ist das Abziehbild des Empörungsgegröles auf der Straße. Durch das erlösende Lachen wird der widersprüchliche Status quo unserer gespaltenen Gesellschaft freigesetzt und die Doppelmoral der politischen Konflikte unserer Zeit entlarvt.

 

Die Vorstellung findet unter Berücksichtigung der aktuellen Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg statt.

Mit: Cornelia Heilmann, Stefan Holm, Fabian Jung, Evelyn Nagel, Elena Weber, Inszenierung: Alexander Schilling, Ausstattung: Katharina Andes

Premiere: 20. November 2021, 19.30 Uhr, Stadttheater, Hexagon

Weitere Vorstellung in Bruchsal: 26. November, 3./12./19. Dezember 2021, 14./15./16. Januar 2022, 19.30 Uhr

Karten erhalten Sie unter Tel. 07251.72723 und unter www.reservix.de

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