RAINwurf | Ein harmloser Herr?

21.2.23 | Gastkommentar von Rainer Kaufmann

Im Heimatlexikon der Stadt Bruchsal aus dem Jahr 1996 informiert die damalige Historische Kommission der Stadt als Herausgeber über einen gewissen Siegfried Federle und dessen Lebenslauf. Federle, geboren 1893 in Stockach, war ab 1924 zunächst Lehrer an der Bruchsaler Gewerbeschule, danach Leiter des Badischen Berufs- und Fachschulwesens und dann von 1935 bis 1945 Ministerialrat in Berlin als Referent für das Meisterschulwesen.

Siegfried Federle, 1926

Eine Blitzkarriere, für die vermutlich, so das Bruchsaler Heimatlexikon, „seine linientreue Einstellung während des III. Reichs nicht ohne Einfluss“ war. Nach dem Krieg heißt es dann weiter, schlug er sich als Kleinsiedler in der Nähe von Berlin, danach als Hüttenwart beim Alpenverein durch. Unbedingt erwähnt werden musste im Heimatlexikon, dass der anscheinend eher harmlose Mitläufer und Nazi-Karrierist im Jahr 1929 nach eigenen Plänen in Bruchsal das „Aufsehen erregende erste Flachdachhaus“ (Augsteiner 13) errichten ließ, in dem bis zu dessen Tod im Jahr 1980 ausgerechnet der frühere NS-Propagandaleiter Karl Geitz wohnte, einer der übelsten Nazi-Funktionäre Bruchsals.

Weiter heißt es im Heimatlexikon der Stadt Bruchsal: „Federle war 2. Kustos der Städtischen Sammlungen Bruchsals (Vorgänger des Städtischen Museums) sowie 1932 Gründungsmitglied und als bekannter Weltkriegsflieger auch der erste Vorsitzende der Bruchsaler Segelfliegergruppe. Von ihm stammen eine ganze Reihe von Veröffentlichungen heimatkundlichen und familienkundlichen Inhalts, die sich zu einem nicht geringen Teil auf Bruchsal beziehen.“

Denn so harmlos, wie Federle im Heimatlexikon der Stadt Bruchsal dargestellt wird, war er nämlich nicht.

Und von diesen Veröffentlichungen ist kürzlich eine aufgetaucht, die es wert ist, ausführlich zitiert zu werden, wobei die Frage nicht unterdrückt werden kann, ob der Lexikon-Autor Robert Megerle diesen Artikel kannte und ihn geflissentlich übersah oder nicht. Denn so harmlos, wie Federle im Heimatlexikon der Stadt Bruchsal dargestellt wird, war er nämlich nicht. Hier Auszüge aus der Zeitschrift „Mein Heimatland“ aus dem Jahr 1935. In der Serie „Badische Köpfe“ beschäftigte sich Federle mit „Franz Sigel – Der amerikanische General – 1824-1902“. Sigel war einer der militärischen Führer der Badischen Revolution 1849 und machte dann im amerikanischen Exil eine zweite militärische Karriere als General in den Befreiungskriegen. Zu diesem Lebensabschnitt Sigels die historisch bemerkenswerte Analyse des NS-Propagandisten Federle:

„Unendlich viel kostbares deutsches Blut ist nach Nordamerika geflossen und hat nicht unwesentlich am Aufbau des stolzen Organismus der Vereinigten Staaten mitgewirkt. Eine endlose Kette von Ansiedlern, Kulturpionieren, Bauern, Handwerkern, Soldaten und Offizieren aus Deutschland gingen durch die Jahrhunderte nach Nordamerika. Fast alle sind sie, aus der kleinstaatlichen Zerrissenheit unseres darniederliegenden Volkes kommend, politisch ungeschult, im fremden Volkstum, in den strengen Selbstverwaltungskörpern der Engländer aufgegangen, sind „Amerikaner“ geworden. Erst im letzten Jahrhundert sind sie sich ihrer Abstammung bewusst geblieben, sind mit berechtigtem Stolz auch als Amerikaner Deutsche geblieben. ….

Zu den bekanntesten von ihnen gehört der badische Revolutionär und amerikanische General Franz Sigel. Von den 48 Deutschen, die im amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) zu Generalen der Nordstaaten befördert worden sind, ist er wohl der bedeutendste als Mensch und Feldherr. Ahnenmäßig stammt er vom Vater her aus Bruchsal, mit einer Blutslinie aus Rastatt. Die Mutter hat ihm Hanauer (Sasbach und Bühl) Erbe und Alemannenblut (Triberg) mitgegeben. Von Vaters Seite fließt in des Generals Adern das Blut der tüchtigen Bruchsaler Bürgerfamilien Back, Braunstein, Frey und Reich und das der Rastatter Rheinbold. Wirte „zum Hirsch“, „zum Löwen“, „zum Einhorn“ in Bruchsal, Sattlermeister, Posthalter, Stadträte, Bürgermeister sind die Ahnen.

Bei dieser respektablen Ahnentafel, deren arischen Reinheit Federle ausführlich nachweist, kommt er recht schnell zu seinem Urteil über Sigel:

„Das urdeutsche, energische und kluge Draufgehen, das schon der Römer unseren germanischen Vorfahren nachrühmt, das uns im Weltkrieg militärisch die halbe Welt besiegen ließ, dass deutsche Stärke, die nur durch unsere große Schwäche, die eigene Uneinigkeit stets wieder aufgehoben wurde, so führte auch Sigel zu verblüffenden, glanzvollen Erfolgen in Amerika. … Ein solcher Mann wird sich keine materiellen Güter sammeln können. So ist denn auch der General Franz Sigel im Jahr 1902 in Dürftigkeit gestorben. Sein 100-jähriger Geburtstag aber wurde 1924 mit allen Reichtum, aller Pracht und allem Glanz des neuen Amerika gefeiert. Für die Deutschen der Vereinigten Staaten bedeuteten diese Tage eine völkische Einkehr sondergleichen, die Erinnerung an einen großen Exponenten eigenen, wertvollen Volkstums. Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun.

Uns aber gibt in der bedrängten Enge unseres Deutschtums das Hinaufschauen zu den kraftvollen Großen, die in unerschöpflicher Fülle der Mutterschoß unseres Volkes immer wieder hervorgebracht hat und hervorbringt, die innere bestimmte Zuversicht, dass unser Volk in der Welt alles erreichen kann und erreichen wird, wenn es seine endlich errungene Einheit gegen jedermann verteidigend, sich immer mehr zu einem innerlich geschlossenen Block seiner gigantischen Kräfte unter Adolf Hitlers Führung zusammenschweißt.“

Von diesen „heimatkundlichen“ Ergüssen Siegfried Federles berichtet das Heimatlexikon rund 60 Jahre später allerdings nichts, war er doch früher einmal ein durchaus verdienstvoller 2. Kustos der Städtischen Sammlungen und hat der Stadt überdies das erste Flachdachhaus seiner Geschichte hinterlassen.

Der Bruchsaler Historiker Dr. Jürgen Dick urteilt über dieses Machwerk:

„Franz Sigel wird in Federles Biographie nicht als demokratischer Vorkämpfer von 1848/49, was er tatsächlich war, sondern in einer verfälschenden ideologischen Umdeutung als Vorkämpfer nationalsozialistischer-völkischer Ideen dargestellt. Sein Eintreten für eine freiheitlich-demokratische Ordnung wird bewusst unterschlagen; ein besonders perfider Fall von Missbrauch historischer Persönlichkeiten.“

Oft sagt Geschichtsschreibung mehr über die Gesinnung des Historikers aus als über den wahren Kern der Geschichte. Das gilt übrigens auch für den Autor des städtischen Heimatlexikons, das an manchen Stellen einer kritischen Korrektur bedarf.

Über Rainer Kaufmann

Der gebürtige Bruchsaler Rainer Kaufmann ist Journalist, Gastronom, Gründer des 1. Bruchsaler Stadtkabaretts, war in den 90er Jahren Veranstalter von mehrtägigen Kulturevents im Schlachthof und im Atrium des Bürgerzentrums (auf eigene Rechnung!) und beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der Geschichte seiner Heimatstadt – ob in TV-Dokumentationen, Büchern („Seilersbahn – ein Weg Geschichte“, „Elternstadt Bruchsal“), Theaterstücken („Unschädlichmachungen“), Kabarett-Aufführungen, Vorträgen oder als Stadtführer.

Landfunker nimmt das Angebot des oft unbequemen Rainer Kaufmann gerne an, in Form von Gastkommentaren seinen Leserinnen und Lesern eine andere Bruchsal-Perspektive zu bieten, die in der Regel jenseits der Selbstbelobigungen der Amtsblätter oder der Pressemitteilungen an die hiesigen Tageszeitungen und Internetportale liegt.

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