RAINwurf | Die Krone der Gerechtigkeit

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14.11.23 | Am 19. November ist es wieder soweit. Am Volkstrauertag zieht – begleitet von der Stadtkapelle – eine offizielle Abordnung der Stadtverwaltung und der Bundeswehr von der Aussegnungshalle im Bruchsaler Hauptfriedhof zu den Kriegsgräbern 1939/45, um dort Kränze für die Gefallenen Bruchsaler Soldaten des 2. Weltkrieges niederzulegen.

Von Rainer Kaufmann

Der Trauerzug passiert dabei das städtische Mahnmal für die Gefallenen des 2. Weltkriegs, das am 1. September des Jahres 1989, dem 50. Jahrestag des Hitlerüberfalls auf Polen, eingeweiht wurde. Ein Tag, der für uns Jugendliche jahrelang als „Tag des Kriegsausbruchs“ verharmlost wurde. Daher weiß ich: Kriege sind schon immer einfach nur so ausgebrochen …

Die Inschrift dieses Denkmals ist allerdings bemerkenswert:

„Ihnen liegt die Krone der Gerechtigkeit bereit“


Den Toten des 2. Weltkriegs zum Gedenken

In das Denkmal sind Blechtafeln eingelassen, auf denen Namen und Grabnummern der hier bestatteten Bruchsaler Gefallenen des 2. Weltkriegs eingraviert sind. 175 Soldatengräber sind es, insgesamt sollen rund 1.500 Bruchsaler im 2. Weltkrieg gefallen sein. Das Denkmal ist in althergebrachter Tradition wohl ausschließlich den Bruchsaler Toten gewidmet. Anders kann man das kaum verstehen.

Ein Zitat aus dem 2. Timotheus-Brief des Apostels Paulus. Die genaue Herkunftsbezeichnung: „2 Tim(otheusbrief) 2, 5 in Verbindung mit 2 Tim 4, 8“. Es wurde damals für die Stadt und ihre Historische Kommission ausgewählt vom früheren Stadtpfarrer und späteren Geistlichen Rat, Franz Heuchemer, der auch eine Ansprache hielt an diesem 1. September des Jahres 1989. Wie mir damals berichtet wurde, stellte der Weltkriegsteilnehmer zu diesem Bibelwort an diesem 1. September 1989 die alles entscheidende Frage, ob all die lieben Kameraden, die er habe sterben sehen, denn auch in den Himmel gekommen seien. Der Paulus-Text gebe darauf die Antwort. Denn wie sollte der gerechte Gott das Opfer der vielen Toten nicht annehmen, wo er doch in der Offenbarung verheißen habe, er werde alle Tränen von ihnen abwischen. Denn derjenige, der sich bewährt habe, der seine Pflicht erfüllt habe für seine Kameraden, der sein Leben gelassen habe für sie, für den liege sie bereit, die „Krone der Gerechtigkeit“. Was er und seine Kameraden denn überhaupt in Russland zu suchen hatten als deutsche Soldaten, hat er offensichtlich nicht hinterfragt.

Zugegeben: Als seelsorgerischer Trost für die verbitterten Hinterbliebenen kann man solch einem Narrativ durchaus eine gewisse Berechtigung zubilligen, vor allem in der Zeit nach dem Krieg. Die Frage bleibt allerdings, ob die offizielle historische Identifikation einer Kommune sich in solch einer eindeutig seelsorgerischen Mission erschöpfen darf. Wie kann man den Dienst für einen verbrecherischen Angriffskrieg, der sicher von den meisten Soldaten eher erzwungen geleistet wurde denn mit überzeugter Vaterlandsliebe, wie kann man diese historische Schuld mit der „Krone der Gerechtigkeit“ verharmlosen? Und das heute noch knapp 80 Jahre nach Kriegsende?

In diesem Zusammenhang eine Nachrichten-Meldung aus dem vergangenen Jahr:

„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“, heißt es im Johannes-Evangelium (Joh(annesevangelium) 13, 15). Nach einer Meldung der russischen Nachrichten-Agentur TASS zitierte Wladimir Putin diesen Bibeltext kürzlich bei seiner Rede auf dem Propaganda-Konzert „Krimfrühling“ in Moskau zum Jahrestag der Annexion der Halbinsel Krim.“

Verharmloste er damit nicht die unzähligen Todesopfer, die seine verbrecherischen Angriffskriege nicht nur unter den Soldaten seiner Nation verursacht haben? Oder wollte er diese Todesopfer im Gegenteil rechtfertigen und gar verherrlichen? Unter Berufung auf die Bibel? Von letzterem ist wohl auszugehen, denn kurz danach hat der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. den russischen Angriff auf die Ukraine ebenso gerechtfertigt und bei einem Gottesdienst die russischen Soldaten zur Erfüllung ihres Eides und damit zum Kampf aufgerufen. Der Moskauer Patriarch wörtlich:

„Aber dabei müssen wir – wenn ich ‚wir‘ sage, meine ich in erster Linie die Armeeangehörigen – unserem Eid und unserer Bereitschaft treu bleiben, unser Leben für unsere Freunde hinzugeben, wie es das Wort des Allmächtigen besagt.“

Die Reaktion vor allem deutscher Kirchen-Leitungen war klar und eindeutig: Kyrill muss den russischen Angriffskrieg eindeutig verurteilen. Was dieser aber angesichts der Berufung auf den „Allmächtigen“ unterlassen hat. Die Empörung und Verachtung der Demokraten und Christen im Rest der Welt war Kyrill damit sicher. Auch in Bruchsal.

Nur: Was ist jetzt mit der Bruchsaler „Krone der Gerechtigkeit“? Wird es nicht endlich Zeit, dass sich die Bruchsaler Geschichtspflege einmal kritisch damit auseinandersetzt und sich endlich distanziert von der historischen Verharmlosung, mit der man im Nachkriegs-Bruchsal die NS-Zeit und ihre Verbrechen irgendwie „ungeschehen“ machen wollte?

Beispiele für diese lokale Geisteshaltung gibt es in Bruchsal viele, unter anderen auch dieses Mahnmal auf dem Bruchsaler Friedhof. Es soll an die in „Bruchsal bestatteten ausländischen Opfer des 2. Weltkrieges 1939 – 1945“ erinnern. Es steht völlig unscheinbar auf einem mittlerweile aufgelassenen Gräberfeld am Rande des Friedhofs. Auch dieses Mahnmal ist ein Stück Verharmlosung unserer Geschichte. Soweit ich weiß, war auf diesem Platz das berüchtigte „Köpferfeld“, auf dem unter anderen auch Opfer der Nazi-Guillotine in der Seilersbahn aus den Jahren 1944/45 beerdigt wurden. Diese Information geht auf Sebastian Grundel zurück, den damaligen Friedhofsverwalter. Er hatte es einem Freund so weitergegeben, dessen Sohn mir dies erzählte.

In einer bekannten Abhandlung über den Bruchsaler Friedhof heißt es zu diesem Feld: „Diese Gräber wurden nach Ablauf der Liegezeit aufgegeben. Dieses Gräberfeld bot seit seines Bestehens einen trostlosen und ungepflegten Anblick.“

Bis heute gibt es hier keinen Hinweis auf das „Köpferfeld“ und damit darauf, dass es sich zumindest bei einigen der hier Bestatteten um Opfer der NS-Terror-Justiz gehandelt hat, hingerichtet nach Urteilen der Nazi-Sondergerichte und des Freissler`schen Volksgerichtshofs. Im Bruchsaler Geschichtsverständnis, das in diesem Mahnmal zum Ausdruck kommt, sind sie alle bis heute nichts anderes „ausländische Opfer des Weltkrieges“. Und denen liegt ganz offensichtlich keine „Krone der Gerechtigkeit“ bereit. Übrigens: Etwa die Hälfte der Hingerichteten waren Deutsche und keine Ausländer…

Über Rainer Kaufmann

Der gebürtige Bruchsaler Rainer Kaufmann ist Journalist, Gastronom, Gründer des 1. Bruchsaler Stadtkabaretts, war in den 90er Jahren Veranstalter von mehrtägigen Kulturevents im Schlachthof und im Atrium des Bürgerzentrums (auf eigene Rechnung!) und beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der Geschichte seiner Heimatstadt – ob in TV-Dokumentationen, Büchern („Seilersbahn – ein Weg Geschichte“, „Elternstadt Bruchsal“), Theaterstücken („Unschädlichmachungen“), Kabarett-Aufführungen, Vorträgen oder als Stadtführer.

Landfunker nimmt das Angebot des oft unbequemen Rainer Kaufmann gerne an, in Form von Gastkommentaren seinen Leserinnen und Lesern eine andere Bruchsal-Perspektive zu bieten, die in der Regel jenseits der Selbstbelobigungen der Amtsblätter oder der Pressemitteilungen an die hiesigen Tageszeitungen und Internetportale liegt.

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