Ein neuer Ausstellungsraum im Bruchsaler Schloss (Städtisches Museum) wird am 1. März eröffnet.

Die Bombardierung Bruchsals hatte eine Vorgeschichte: Städtisches Museum eröffnet Ausstellung

Bruchsal, 27.2.2026 | Ein frühlingshafter Donnerstag. Sirenen. 42 Minuten lang fallen Bomben. Zerstörte Häuser, brennende Luft, mehr als 1000 Tote. Eine fast ausgelöschte Stadt. Nur noch sehr wenige Bruchsalerinnen und Bruchsaler kennen das Datum 1. März 1945 aus eigenem Erleben. Dass dies ein fürchterlicher Tag für Bruchsal war, muss erzählt werden, aber dieser Tag hatte eine Vorgeschichte. 

Genau dort setzt die neue Ausstellung im Städtischen Museum an, die jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Sie erzählt nicht nur vom Ende – sie erzählt vom Anfang.

Von 1933, von politischen Parolen, von schleichender Ausgrenzung, von Entscheidungen in Ämtern und von Haltungen in Familien und Nachbarschaft. Sie zeigt, wie ein totalitäres System Schritt für Schritt in den Alltag einer Stadt eindringt: Mit dem Verlust von Grundrechten, der Aufhebung der Gleichheit vor dem Gesetz, der ideologisch geprägten Rechtsprechung. Das alte Straßenschild „Seilersbahn“ verweist auf die Gefängnisabteilung mit Hinrichtungsstätte. Es sind nüchterne Objekte, und doch erzählen sie von staatlich organisierter Gewalt.

Ein Raum, der Haltung fordert

Ein großer Bereich widmet sich dem jüdischen Leben in Bruchsal: persönliche Gegenstände, Dokumente, Namen, Bilder, Lebensgeschichten. Er erinnert daran, dass jüdische Familien selbstverständlicher Teil dieser Stadt waren, bevor sie entrechtet, vertrieben oder ermordet wurden. Die Novemberpogrome 1938 und die Zerstörung der Synagoge stehen dabei nicht isoliert, sondern als Teil einer systematischen Entwicklung.

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Und dann führt der Weg unweigerlich zum 1. März 1945. Mehr als 80 Prozent der Stadt wurden zerstört, 3.789 Gebäude beschädigt oder vernichtet, rund 220 Tonnen Sprengbomben fielen. Bis Ende 1945 waren 782 Todesopfer beurkundet, etwa 150 Menschen galten als vermisst – insgesamt wird von mindestens 1.000 Toten ausgegangen. Gesammelte Zeitzeugenberichte verdichten in persönlichen Erzählungen das Grauen dieses Tages.

Der 1. März soll kein vergessenes Datum werden. In einer Zeit, in der rechtsextremistische Ideologien erneut an Boden gewinnen, ist das Erinnern an diese tragische Vergangenheit essenziell – nicht nur, um den Opfern zu gedenken, sondern auch, um Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen

Für die ganz alten Bruchsalerinnen und Bruchsaler ist der 1. März Teil der Familiengeschichte. Für viele Jüngere ist er ein Kapitel im Geschichtsbuch. Und für die ganz Jungen ist er oft nur ein fernes Datum. Die Ausstellung will auch eine Brücke schlagen zwischen diesen und künftigen Generationen. Sie zeigt, wohin Ausgrenzung, Nationalismus und Menschenverachtung führen können.

Bruchsal erhält mit dieser Ausstellung einen dauerhaften Ort für diese Erinnerung.

Einen Ort, der nicht anklagt, sondern erklärt. Der nicht moralisierend wirkt, sondern Zusammenhänge zeigt. Und der deutlich macht: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Regina Bender, Museumsleiterin, verantwortete die inhaltliche Konzeption. Mit der Planung wurde bereits 2019 begonnen. Über mehrere Jahre hinweg wurden Quellen ausgewertet, Biografien recherchiert und lokale Initiativen eingebunden.

Besuch: Der neue Ausstellungsraum befindet sich im dritten Obergeschoss des Schlosses. Geöffnet ist das Städtische Museum von Dienstag bis Sonntag jeweils von 12 bis 17 Uhr. Zum 1. März werden Sonderführungen angeboten.

KOMMENTAR
Erinnerung ist in Bruchsal keine Einzelinitiative.

 

Der neue Ausstellungsraum im Städtischen Museum ist ein wichtiger Schritt – aber Erinnerung in Bruchsal war nie eine Einzelinitiative. Dass das Städtische Museum der NS-Zeit nun einen dauerhaften Raum widmet, ist richtig und überfällig. Ein fester Ort schafft Sichtbarkeit, Verlässlichkeit und Tiefe. Er zeigt: Diese Geschichte gehört ins Zentrum der Stadt.

Gleichzeitig steht die Ausstellung in einer gewachsenen Tradition. Seit 1995 greifen WILLI, Landfunker.de und KraichgauTV rund um den 1. März das Thema Jahr für Jahr auf – mit Zeitzeugenberichten, Filmen, Recherchen und Sonderaktionen. Nicht nur zur Zerstörung 1945, sondern auch zu ihren Ursachen im Nationalsozialismus.

Diese kontinuierliche journalistische Arbeit, ebenso wie das Engagement vieler Institutionen, Vereine und Bürger, hat das Erinnern lebendig gehalten. Der neue Museumsraum ergänzt das – er ersetzt es nicht.

Meint der Landfunker …

Mehr Hintergründe, Filme und Zeitzeugenberichte:

Ein Film von KraichgauTV über das Szenario am Tag des Bombenangriffs
Eine Sammlung von Zeitzeugengeschichten und Berichten zum Thema Nationalsozialismus in Bruchsal

Siehe auch

1. März 1945 Zerstörung Bombardierung Bruchsals Film

JAHRESTAG | 1. März 1945 | Der Tag, an dem in Bruchsal alles zu Ende ging

Film-Dokumentation | Am diesem Sonntag, den 1. März 2026 jährt sich zum 81. Mal die …

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