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RAINwurf 09 | Bruchsal bietet mehr als nur Barock …

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14.1.2022 | …
 und was es sonst noch zu feiern gäbe.

Gastkommentar von Rainer Kaufmann

Zugegeben, der letzte RAINwurf wurde von einigen als reine Provokation empfunden. Richtig, denn so war er auch gemeint.

Dass diese Provokation aber auch ihre Berechtigung hat, soll mit dieser Ausgabe der Kolumne nachgeliefert werden. Bruchsal hat nämlich weitaus mehr zu feiern als nur das Schloss, zum Beispiel seinen überaus reichhaltigen Beitrag zur Demokratiegeschichte Deutschlands. Kaum ein Mittelzentrum in Deutschland kann in seiner Stadtmitte auf so viele Schauplätze dieser Geschichte verweisen und auf so viele Personen, die hier gehandelt haben oder an denen hier gehandelt wurde. Personen, auf die wir stolz sein können, deren Erinnerung und Erbe wir eigentlich zu pflegen hätten. Hier eine erste Übersicht, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

Zwei Anführer der ersten Freiheitsbewegung in Deutschland

Anton Eisenhut und Joss Fritz, zwei Anführer der Bauernkriege vor 500 Jahren, der ersten Freiheitsbewegung in Deutschland. Eisenhut, ein Pfarrer aus dem Kraichgau, wurde am 25. Mai 1525 am Bruchsaler Bergfried hingerichtet. Joss Fritz ist in Untergrombach eine Kultfigur, in der Kernstadt anscheinend nicht.

Führende Figuren der Badischen Revolution 1848/49

Lorenz Brentano und Franz Sigel. Beide waren führende Figuren der gescheiterten Badischen Revolution von 1848/49, flohen nach Amerika, um ihrer Haft in Baden zu entkommen. Und beide wurden dort führende Figuren der demokratischen Bewegung. Zwei Prominente der so genannten „forty eighters“, der deutschen Einwanderer mit politischer und militärischer Karriere, waren aus Bruchsal. Und hier will man davon nichts wissen.

Gegen die feudale Obrigkeit

Lorenz Brentano war Vorsitzender der badischen Volksvereine und Mitglied der Frankfurter Paulskirche. Beide Institutionen haben sich bedingungslos für demokratische Grundrechte der Bürgerschaft gegen die feudale Obrigkeit eingesetzt mit Texten und Überzeugungen, die mit unserem heutigen Grundgesetz mehr als nur verwandt sind.

Otto Corvin-Wierbsitzky, ein preußischer Offizier, der zu den Aufständischen übergelaufen war, verbüßte seine Haftstrate im Bruchsaler Zuchthaus und schrieb darüber sogar ein Buch. Nach seiner Begnadigung war auch er in den USA und berichtete als Journalist für deutsche Zeitungen über die Sezessionskriege. Er stand in direktem Briefkontakt mit General Franz Sigel.

Heinrich Hetterich, Inhaber des Hetterich`schen Bierhauses (heute Gasthaus zum Bären) war eine führende Figur der demokratischen Volksvereine in Bruchsal. Zusammen mit anderen organisierte er im Mai 1849 die Befreiung der demokratischen Revolutionäre, die im Zuchthaus einsaßen.

Amalie Struve, die Frau des ebenfalls in Bruchsal inhaftierten Revolutionsführers Gustav Struve, kam eigens aus Rastatt, um ihren Mann und andere Revolutionäre, u.a. Carl Blind, aus dem Gefängnis in der Bruchsaler Innenstadt zu befreien.

Der in Bruchsal geborene Peter Lacher, der auf dem hiesigen Friedhof wenigstens mit einem Gedenkstein geehrt wird, den im Jahr 1900 die SPD stiftete, war einer der Anführer der Soldaten-Meuterei in Freiburg im Frühjahr 1849. Im Alter von nur 22 Jahren wurde er dafür von der badisch-preußischen Reaktion schon im August 1849 standrechtlich erschossen.

Geblendet vom Glanz des Barockschlosses

Diese Geschichten und viele mehr könnten in Bruchsal erzählt werden, wenn das offizielle Geschichtsbewusstsein sich nicht mehr vom Glanz des Barockschlosses blenden lassen und dafür den künftigen Generationen die Geschichte der Demokratiewerdung Deutschlands erzählen würde, wie sie sich in Bruchsal abgespielt hat.

Bei der ersten Wahl von Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten hat Norbert Lammert, der damalige Bundestagspräsident, folgendes erklärt:

„Tatsächlich hat das erstaunliche Ansehen, das Deutschland heute in der Welt genießt, wesentlich mit unserem verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Geschichte zu tun. Zum historischen Werden Deutschlands gehört im Übrigen auch seine zwar wechselvolle, aber beachtliche Freiheits- und Demokratiegeschichte zu tun. Ihr angemessen und würdig zu gedenken, ist ebenso unverzichtbar wie konstruktiv für das Selbstverständnis unserer Nation.“

Die plegeleichten Untertanen

Was gäbe es in Bruchsal alles zu gedenken, wenn man sich nur an diese Worte erinnern würde, die damals parteiübergreifend Beifall fanden. Aber hier ist das „große Ganze“ noch immer nahezu ausschließlich das Barockschloss. Und das haben wir Bruchsaler doch nur, weil unsere damalige Bürgerschaft als pflegeleichte Untertanen nicht annähernd so aufmüpfig war wie die von Speyer, die ihrem Fürstbischof den Bau des teuren Lustschlosses auf ihrer Gemarkung vermasselte.

Und das soll das einzige sein, was man in dieser Stadt feiern kann?

Rainer Kaufmann

Der Rainwurf Nr. 08 – Das Schloss, der Stolz der Stadt?

RAINwurf 08 | Das Schloss – der Stolz der Stadt?


 

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EIN KOMMENTAR

  1. Der Kommentar von Rainer Kaufmann ist durchaus berechtigt.

    Auch die historische Tatsache, dass Deutschland europaweit eine relativ junge Demokratie ist, sollte das Andenken an die Anfänge und die damit zu verknüpfenden Persönlichkeiten fördern.
    Eigentlich sollten sich Städte wie u.a. Bruchsal viel mehr und viel offensiver ihres demokratischen Erbes besinnen, statt einseitig das Andenken an Feudalherren hochzuhalten.

    Ich bin der Meinung, dass wir unseren Vorkämpfern für Demokratie und Republik wesentlich mehr offizielle Ehre erweisen sollten.
    Die Benennung von Straßen, Plätzen, Gebäuden und öffentlichen Räumen bieten durchaus Gelegenheiten dazu.

    Die Aufzählung von entsprechenden Persönlichkeiten durch Herrn Kaufmann wurde korrekterweise als unvollständig gekennzeichnet.
    Aber es spricht sicherlich nichts dagegen, hier Ergänzungen einzubringen.
    Mir fiel spontan Philipp Henecka aus Büchenau ein. Der „vergessene Revolutionär“.
    Falls noch jemand von hier nicht erwähnten damaligen Akteuren weiß, können diese ja per Kommentar gewürdigt werden.

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