RAINwurf | Ludwig Marum – im Schönborn-Gymnasium noch immer unter ferner liefen?

12.3.24 | Gastkommentar von Rainer Kaufmann.

Nein, sie haben ihren Ludwig Marum nicht vergessen im Bruchsaler Schönborn-Gymnasium, ihren ehemaligen Schüler aus dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, als die Schule noch Schloss-Gymnasium hieß. Sie haben sich nach langem Hin und Her und nach Jahrzehnten der Nichtbeachtung doch noch seiner erinnert und ihn auf einer Gedenktafel im Lichthof ihrer Schule verewigt, indem sie seinen Namen nachträglich in Stein eingravieren ließen. Das war im Jahr 1984.

Die Gedenktafel mit den vielen anderen Namen stammt allerdings bereits aus dem Jahr 1955. Damals hatte man an Ludwig Marum noch nicht denken können oder wollen. Sie, die für diese Form der Erinnerungskultur verantwortlich sind, das sind nicht die „Schönbornianer“, sie ist in diesem Fall nur einer: der Schulträger, die Stadt Bruchsal. Und dann wären es ja auch wieder sie, die Mehrzahl der Verantwortlichen in Politik und Verwaltung nämlich.

Die späte Würdigung eines vergessenen Schülers

Ich darf mich auf diese Art und Weise über den Vorgang ablästern, ich war von 1960 – 1969 Schüler des Gymnasiums. Ich kenne also die Tafel von 1955 sehr genau, auf der zu meiner Zeit Ludwig Marum fehlte, mit dem ich mich daher in meiner Jugend überhaupt nicht beschäftigen konnte. Nun gut – oder auch nicht, die Nachkriegszeiten waren nun mal so.

Begegnung mit der Geschichte: Ein persönliches Erlebnis

Als ich dann aber – heute vor etwas mehr als zehn Jahren in Berlin mag es gewesen sein – die Ehre hatte, neben einer Enkeltochter eben dieses Ludwig Marum sitzen zu dürfen und natürlich bereits alles über ihn und sein Leben wusste, da bescherte mir diese Frau ein Erlebnis der besonderen Art. Denn als ich glaubte, mich stolz auch als „Schönbornianer“ zu erkennen geben zu dürfen, als einer, der im Schönborn-Gymnasium das Abitur gemacht hat, und dabei erklärte, dass da jetzt doch ihres Großvaters gedacht würde, da schaute sie mich lange schweigend an. Was sie und ihre Familie nicht verstehen könnten, sagte sie mir dann, ist, dass Ludwig Marum keine ihm gebührende eigene Gedenktafel bekommen habe, sondern dass sein Name einfach zusätzlich auf einer Steintafel eingemeiselt wurde, einer unter vielen. Und diese vielen Namen waren eine Auflistung aller ehemaligen Schüler des Schönborn-Gymnasiums, die in den beiden Weltkriegen fürs deutsche Vaterland gefallen sind. „Epathon. Ethanon. Memnäso!“ steht auf griechisch darüber: „Sie litten. Sie starben. Gedenket ihrer.“

Ludwig Marum: Ein Leben für Gerechtigkeit und Freiheit

Wer war jetzt dieser Ludwig Marum? Geboren am 5. November 1882, gestorben am 23. März 1934. Warum hat er gelitten? Für wen ist er gestorben? Warum sollen wir seiner gedenken? Nun, er war als Rechtsanwalt und aufrechter sozialdemokratischer Politiker ein prominenter Gegner des an die Macht gekommenen Hitler-Regimes und wurde eines der ersten politischen Opfer des NS-Terrors. Im Jahr 1933, also schon kurz nach der Machtübernahme, wurde er bereits ins Konzentrationslager Kislau zur „Schutzhaft“ eingeliefert und dort am 29. März 1934, also vor nahezu 90 Jahren, von einem KZ-Wächter ermordet.

Ludwig Marum

Und das offizielle Bruchsaler Gedenken vereint diesen Mann auf einer Steintafel mit denjenigen, die im Auftrag dieses Systems irgendwo auf den Schlachtfeldern Europas gefallen sind. Ist das eine Erinnerungskultur, die diesem Mann auch nur annähernd gerecht wird? Die in der Lage wäre, Jugendlichen auch nur das Mindeste an Informationen über diese Zeit und diesen Menschen näher zu bringen?

Kritik und Hoffnung: Ein Aufruf zur Veränderung

Seit 1984 wird in Bruchsal immer wieder einmal auf dieses mehr als nur peinliche Geschichtsbewusstsein hingewiesen, das der Schulträger, die Stadtverwaltung Bruchsal, den heutigen Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums noch immer zumutet. Und natürlich auch der Person Ludwig Marum, seinen Nachfahren und den heutigen Mitgliedern seiner Partei, für die er letztendlich in den Tod gegangen ist. Und nichts tut sich in Politik und Verwaltung dieser Stadt. Bis heute.

„Vergesst ihn nicht!“, rief seine Frau 1934 den Trauernden bei Marums Begräbnis zu. 3.000 Karlsruher*innen erwiesen damals dem Verstorbenen die letzte Ehre, obwohl die Nazis verboten hatten, den Termin seiner Beisetzung bekannt zu geben. Ein Szenario, das durchaus eine gewisse Aktualität hat. Zigtausende hatten Ludwig Marum und sieben weitere badische Politiker allerdings ein Jahr zuvor bei der „Schaufahrt“ durch Karlsruhe verhöhnt, als die „Schutzhäftlinge“ von Karlsruhe über Bruchsal auf einem LKW zur Schau gestellt und öffentlich erniedrigt in das neu errichtete KZ Kislau gefahren wurden.

Kislau heute -Justizvollzugsanstalt (JVA) in Bad Schönborn

Theater als Medium der Erinnerungskultur

Es bietet sich jetzt eine weitere Gelegenheit, sich für eine Korrektur der Bruchsaler Erinnerungskultur einzusetzen: Unter dem Titel: „DER MANN DES RECHTS: LUDWIG MARUM“ vergegenwärtigt die Badische Landesbühne (BLB) in einem Theaterstück diese bedeutende Episode lokaler und überregionaler Geschichte, die sich mit dem Namen Ludwig Marum verbindet.

Szenenfoto aus der aktuellen Aufführung der Badischen Landesbühne Foto: Manuel Wagner

Geschrieben hat es Hajo Kurzenberger, auch ein Nachkriegs-Abiturient des Schönborn. In einem hoch interessanten „Inszenierungs-Frühstück“ mit dem Autor, der Regisseurin und zwei Mitwirkenden hat die Bühne kürzlich einen Vorgeschmack auf das präsentiert, was sich ab 15. März dann auf der Bühne im Hexagon alles abspielt. Bleibt nur zu wünschen, dass sich möglichst viele, die beim Schulträger des Schönborn irgendetwas zu sagen haben, das Stück anschauen und gleich danach die Erinnerungstafel in dem Schulgebäude, für das sie Verantwortung tragen, inspizieren. Vielleicht tut sich dann in naher Zukunft sogar doch noch etwas in dieser Sache, bevor die Hoffnung auf den 100. Todestag verschoben werden muss, den 29. März des Jahres 2034. Spätestens dann ist Wiedervorlage angesagt …

Über Rainer Kaufmann

Der gebürtige Bruchsaler Rainer Kaufmann ist Journalist, Gastronom, Gründer des 1. Bruchsaler Stadtkabaretts, war in den 90er Jahren Veranstalter von mehrtägigen Kulturevents im Schlachthof und im Atrium des Bürgerzentrums (auf eigene Rechnung!) und beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der Geschichte seiner Heimatstadt – ob in TV-Dokumentationen, Büchern („Seilersbahn – ein Weg Geschichte“, „Elternstadt Bruchsal“), Theaterstücken („Unschädlichmachungen“), Kabarett-Aufführungen, Vorträgen oder als Stadtführer.

Landfunker nimmt das Angebot des oft unbequemen Rainer Kaufmann gerne an, in Form von Gastkommentaren seinen Leserinnen und Lesern eine andere Bruchsal-Perspektive zu bieten, die in der Regel jenseits der Selbstbelobigungen der Amtsblätter oder der Pressemitteilungen an die hiesigen Tageszeitungen und Internetportale liegt.

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