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RAINwurf 15 | Karl Geitz nur ein Mitläufer?

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25.4.22 | Wie schön, dass es heute Internet gibt und man überall auf der Welt die tägliche Heimatzeitung verfolgen kann.

Gastkommentar von Rainer Kaufmann,
zur Zeit Georgien.

So geht es mir seit vielen Jahren: Kein Werktag ohne Lektüre „meiner“ Bruchsaler Rundschau. Und so kann ich dann jederzeit die Berichterstattung verfolgen und fühle mich hin und wieder motiviert, auch aus der Ferne zu reagieren. So ein Fall ist jetzt gerade eingetreten.

Worum geht es?

In der Freitag-Ausgabe vom 22. April werde ich in einem Artikel über Bruchsals „Klein-Venedig“ mit ein paar Bemerkungen über den früheren Bruchsaler Kunstmaler Karl Geitz zitiert:

Quelle: BNN

„Wir haben damals in den Ruinen gespielt, in denen heute ein Kinderschuhladen, das Café oder Walhall ist“, erinnert sich Brigitte Ohlsen, selbst Jahrgang 1950. Vor dem Krieg kauft ihr Großvater das Haus, in dem die Familie jahrzehntelang einen Milchladen betreibt. Anlaufpunkt für viele Bruchsaler. „Mit der Schöpfkelle wurde ein halber Liter Milch vom offenen Edelstahlbecken in die mitgebrachten Milchkannen gegossen“, erzählt beispielsweise Rainer Kaufmann. Seit 72 Jahren begleitet er die Geschichte seiner Heimatstadt mit einem kritischen Blick.

Auf dem Weg zum Schönborn-Gymnasium trifft er bei der Andreasstaffel einen „freundlichen, älteren Herrn mit breitkrempigen Hut“ mit Pinsel und Farbpalette. „Keiner hat mehr Bilder und Zeichnungen von Bruchsal hinterlassen als er, keiner hat die Stadt umfassender und liebevoller portraitiert“, schreibt Kaufmann in seinem „persönlichen“ Stadtführer „Elternstadt Bruchsal“ über Karl Geitz. Geitz hält auch Klein-Venedig in Farben fest. Nach dem Krieg wurde der frühere Ortsgruppen-Propagandaleiter der NSDAP Bruchsal als „Minderbelasteter“ eingestuft.

Und da muss ich mich jetzt doch dagegen verwahren, als Zeuge für die offensichtliche Verharmlosung eines der übelsten Nazi-Verbrechers der Stadt Bruchsal missbraucht zu werden.

In meinem Buch „Elternstadt Bruchsal – ein ganz persönlicher Stadtführer“ habe ich mich an der Station Andreasstaffel über mehrere Seiten mit dem Vorleben von Karl Geitz beschäftigt. Ich habe dazu vor allem seine Spruchkammerakte im Rahmen der Entnazifizierung ausführlich zitiert und mich sehr kritisch mit dem damaligen Ergebnis „Minderbelasteter“ auseinandergesetzt. Ein Urteilsspruch, den man heute auf keinen Fall einfach kommentarlos übernehmen darf. Karl Geitz hat nicht nur als Ortsgruppen-Propagandaleiter die ganzen Straßenaufmärsche dieser Zeit – Parteiaufmärsche, Fastnachtsumzüge und Sommertagsumzüge – organisiert und politisch-propagandistisch missbraucht. Er hat auch, wie ich mit Zeugenaussagen belegen konnte, aus dem Schaufenster des Seifenhandlung Gilg in der Friedrichstraße „Arier“ fotografiert, die beim gegenüber liegenden Juden Einstein eingekauft haben und diese Fotos dann der GESTAPO vorgelegt. Er war damit nichts anderes als ein übler Denunziant.

Karl Geitz hatte in die Nazi-Familie Gilg eingeheiratet und gab damals als seinen Beruf „Seifensieder“ an. Die Familie Gilg und das Verhältnis von Karl Geitz zu ihr habe ich in diesem Zusammenhang auch ausführlich dargestellt. Außerdem ist nicht auszuschließen, dass Karl Geitz auch für Fotos von damals verantwortlich war, die den „jüdischen Untermenschen“ zeigten, wie er mit der Zahnbürste Gehsteige putzen musste. Solche Fotos sind in den 1980-er Jahren im Nachlass der Familie Gilg aufgetaucht und wurden allerdings nicht fürs städtische Archiv gesichert, sondern von einem Offiziellen der Stadt Bruchsal aussortiert und offensichtlich vernichtet. Sie sind bis heute jedenfalls nicht mehr aufgetaucht. Warum wohl?

All diese Informationen habe ich in meinem Buch ausführlich behandelt, sodass mir niemand vorwerfen kann, wenn ich mich jetzt in obigem Zitat der Bruchsaler Rundschau nahezu total missverstanden fühle und mich auch dagegen wehren muss.

Karl Geitz und der Neu-Templer-Orden

In diesem Zusammenhang habe ich jetzt noch eine ganz neue Erkenntnis zu Karl Geitz, die ich vor wenigen Tagen erst von einem Historiker erhalten habe: Karl Geitz war schon lange vor 1933 ein glühender Antisemit und Hetzer, das ist bekannt. Neu ist: Geitz war seit den 20-er Jahren Mitglied des so genannten „Neu-Templer-Ordens“, einer radikal-nationalistischen Vereinigung, die man als ideologischen Vorläufer des NS-Terrors bezeichnen kann. Dieser Vereinigung gehörten allerdings nur ein paar Hundert Menschen in Deutschland und Österreich an, sozusagen der harte Ursprungs-Kern der Nazis.

Hitler selbst hat sich angeblich intensiv vom Schrifttum der Neutempler inspirieren lassen. Über den Orden und die Mitgliedschaft von Karl Geitz werde ich zu gegebener Zeit weitere Forschungen anstellen und dann publizieren. Soviel schon einmal vorab: Im Internet habe ich ebenfalls vor wenigen Tagen erst im Heidelberger Volksblatt des Jahres 1934 folgende Ankündigung einer Veranstaltung des Nationalsozialistischen Lehrerbundes gefunden:

NSLB. Samstag, 4. März, nachmittags 4 Uhr: Hörsaal A der alten Universität: Vortrag von Kunstmaler Karl Geitz=Bruchsal über „Rasse u. Weltanschauung“

Nach einer Minderbelastung schaut das alles, was bereits bekannt ist über Karl Geitz, aber auch die neuen Erkenntnisse, nicht aus. Schade, dass die Bruchsaler Rundschau jetzt nach einer ebenso peinlichen Würdigung zu einem runden Geburtstag von Karl Geitz erneut eine peinliche Verharmlosung dieses NS-Propagandisten und üblen Denunzianten veröffentlicht hat. Die Geburtstags-Würdigung habe ich in meinem Buch auch zitiert und kommentiert.

Wirklich schade, dass all diese kritischen Anmerkungen von mir zu Karl Geitz völlig ausgeblendet wurden mit meiner Erzählung vom „freundlichen, älteren Herrn mit breitkrempigen Hut“. Ja, so habe ich als Schüler diesen Herrn nahezu täglich erleben können. Das er aber in seinem Vorleben alles andere war als freundlich, habe ich viel später erst erfahren und dann auch publiziert.

Übrigens: Vor genau 3 Jahren habe ich mich auf meiner Webseite www.rainwuerfe.de schon einmal ausgiebig mit dem Vorleben des Kunstmalers Karl Geitz beschäftigt:

Und noch eine Anmerkung: Einige Portraits Bruchsaler Ehrenbürger, von Karl Geitz nach dem Krieg wohl angefertigt, hängen heute noch im Sitzungssaal des Bruchsaler Rathauses. Kommentar überflüssig …

Über Rainer Kaufmann

Der gebürtige Bruchsaler Rainer Kaufmann ist Journalist, Gastronom, Gründer des 1. Bruchsaler Stadtkabaretts, war in den 90er Jahren Veranstalter von mehrtägigen Kulturevents im Schlachthof und im Atrium des Bürgerzentrums (auf eigene Rechnung!) und beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der Geschichte seiner Heimatstadt – ob in TV-Dokumentationen, Büchern („Seilersbahn – ein Weg Geschichte“, „Elternstadt Bruchsal“), Theaterstücken („Unschädlichmachungen“), Kabarett-Aufführungen, Vorträgen oder als Stadtführer.

Landfunker nimmt das Angebot des oft unbequemen Rainer Kaufmann gerne an, in Form von Gastkommentaren seinen Leserinnen und Lesern eine andere Bruchsal-Perspektive zu bieten, die in der Regel jenseits der Selbstbelobigungen der Amtsblätter oder der Pressemitteilungen an die hiesigen Tageszeitungen und Internetportale liegt.

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