Dr. Ingo Stader | „Der inflationäre Gebrauch von NS-Vergleichen in einer hysterisch geführten Debatte führt am Ende genau dazu, was eigentlich vermieden werden soll.“

75 Jahre nach Kriegsende – Wiederholt sich die Geschichte? Ist die Situation, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg in der Weimarer Republik herrschte, mit der in der Bundesrepublik des Jahres 2020 zu vergleichen?

Viele Menschen machen sich Sorgen, dass sich die Geschichte wiederholt. Wie können die Parteien extreme Meinungen und Strömungen wieder in der demokratischen, sogenannten „Mitte“ versammeln? Die Wahl des Ministerpräsidenten im Bundesland Thüringen hat alle erschüttert. Sind dadurch Rückschlüsse auf die übrigen Bundesländer zu ziehen oder handelt es sich um ein singuläres Phänomen?

Unsere Redaktion hat Menschen mit Bezug zu Bruchsal, Politik und Historie um ein Statement zu dieser Frage gebeten. Nicht alle Eingeladenen konnten oder wollten darauf eine Antwort geben.

Antwort von Dr. Ingo Stader, Historiker, Mannheim

„Als ich 1989 mein Studium der neueren und neuesten Geschichte begann, musste ich im Grundstudium auch ein Seminar zum Ersten Weltkrieg belegen. Ich fand dieses Thema damals überhaupt nicht spannend. Der Ausbruch des ersten Weltkrieges lag 75 Jahre zurück. Das Ereignis hatte auf mich keine unmittelbare emotionale Wirkung mehr.

Heute 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges geht es dem/der einen oder anderen der „vierten Generation nach Hitler“ vielleicht ähnlich beim Gedanken an den Zweiten Weltkrieg. Die unmittelbaren Erinnerungen verschwinden trotz Singularität der Verbrechen der NS-Herrschaft, trotz Auschwitz, trotz Bombennächte und zerstörten Städten, trotz Hunger und Vertreibung, die Generationen vor uns durchlebt haben.

Umso wichtiger ist es daher, die Erinnerung wach zu halten und die richtigen Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Eine davon ist sicher, dass wir heute nicht in Weimarer Verhältnissen leben und das Jahr 2020 sicher nicht mit den Jahren 1930 oder 1933 vergleichbar ist. Hier wäre mehr gesunder Menschenverstand, Vertrauen in die Stärke unserer Zivilgesellschaft und Souveränität im politischen Diskurs zu wünschen.

Der inflationäre Gebrauch von NS-Vergleichen in einer hysterisch geführten Debatte führt am Ende genau dazu, was eigentlich vermieden werden soll: eine Verrohung der politischen Kultur, die am Ende nur den Widersachern der Demokratie nützt.“

Ingo Stader, Februar 2020

 

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