WILLI-Story | 1. März 1945 – Jetzt ist es geschehen!

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Innerhalb von 40 Minuten warfen 116 amerikanische Langstreckenbomber 894 Sprengbomben und 49.500 Stabbrandbomben auf die Barockstadt ab. Danach versanken etwa 80 Prozent in Schutt und Asche. 1,5 Millionen Quadratmeter Fläche wurde verwüstet, 4.650 Gebäude wurden zerstört, 443.000 Kubikmeter Trümmer mussten beseitigt werden, über 1.000 Menschen starben. Noch zwei Jahre später fand man Leichen von Vermissten unter den Trümmern.

Manfred Weber heute 95 Jahre alt, erinnert sich an den Angriff

Aus WILLI 03/26 Text: Wolfgang Weismann

Das Politische sei damals nicht so wichtig gewesen, sagt Manfred Weber. An die Zeit zum Ende des Zweiten Weltkrieges und der Besiegung des Hitlerfaschismus‘ kann sich der 95-Jährige noch gut erinnern. Allerdings war die Frage danach, wie man sein tägliches Leben gestaltet um genug zu Essen und ein Dach über dem Kopf zu haben, für ihn und seine Familie entscheidender als die Erleichterung darüber, dass ein unsagbar schlimmes, diktatorisches System und seine grauenvollen Machenschaften zum Erliegen gebracht werden konnten.

„Ich war gerade in Bruchsal“

Manfred Weber erinnert sich noch gut an den Angriff auf Bruchsal.

In der Zeit hat er in Bretten gewohnt, das von den Alliierten nicht bombardiert wurde. „Damals war ich ein paar Tage in Bruchsal im Urlaub“, berichtet Weber. Als die Nachricht vom Angriff kam, sei er sofort zu seiner Schwester mit ihren drei Kindern in der Blumenstraße 12 gelaufen, die bereits im Keller hockten und hereinfallende Brandbomben hinauswarfen, so gut es eben ging. Als der Keller begann, zusammenzubrechen, war klar: „Wir müssen raus, raus, raus!“ Alles war voller Rauch, der Saalbach und sein kühles Wasser schien ihnen ein passender Zufluchtsort, vor den Nasen Taschentücher gegen den beißenden Dunst. Als nächstes ging es in die Petersgasse zu den Großeltern. Auch denen ging es noch gut, zusammen flüchteten sie raus aufs Feld, falls doch noch ein Angriff käme.

Die Nacht verbrachten sie dann in einem Gartenhäusel, biwakierten dort, und das mit Fugen in den Bretterwänden von einem Zentimeter Stärke. Weber sei dann zurück in die Stadt gelaufen, Kanister einzusammeln, die mit Phosphor gefüllt abgeworfen wurden und geplatzt sind. Mit dem Metall dichteten er und seine Liebsten die Fugen ab, damit es nicht ganz so zugig und kalt würde.

„Wir müssen raus, raus, raus!“

Weber habe „keine Beziehung gehabt zu den Nazis“, deren Herrschaft zu dem schrecklichen Krieg und dessen grauenhaften Ende geführt hatte. Es sei aber auch keine Rede mehr davon gewesen, „jeder war froh, dass er lebt, das mit der Esserei war sehr schwierig.“ Dass Weber auch noch geistig in der Zeit verhaftet geblieben ist, merkt man daran, dass er heute noch vom „Feind“ spricht, wenn er die Alliierten meint. Aber die Nazis mochte er auch nicht, und sie nicht ihn. Dem Exerzieren in der Hitlerjugend blieb er fern, konnte den militärischen Drill nicht ausstehen und seine Schulkameradinnen und -Kameraden schnitten ihn, da sie für sein Fortbleiben büßen mussten. „Wenn ihr ihn nicht mehr mitbringt, dann müsst ihr strafexerzieren“, hieß es von der HJ-Führung. Der jugendliche Manfred Weber war sehr oft alleine, was ihn auch für sein Leben prägte, wie er heute sagt. Er zog sich in die Tüftelei zurück, bastelte gern (WILLI berichtete im Juli 2025).

Manfred Weber als Kind in unbeschwerten Zeiten vor dem 2. Weltkrieg.

Die Liebe zum Selberbasteln und Reparieren entstammte einer Zeit, in der man über Monate nichts kaufen konnte, man froh war, wenn der Magen mit etwas kleingeriebenen Kartoffeln eine Weile beschäftigt war. Das Rausgehen, um etwas zu Essen zu besorgen sei für den 14-Jährigen sehr gefährlich gewesen, „wäre ich erwischt worden, wäre ich totgeschlagen worden“, sagt er. Aber war etwa verhungern besser? Was damals zählte, war die Ware, nicht das Geld, für das man ohnehin nichts bekam. Und kurioserweise waren Zigaretten die beste Währung.

„Das war schon eine schlimme Zeit“, findet Weber im Rückblick, „trotz alledem kann ich sagen, dass mein Leben in guten Bahnen gelaufen ist.“ Er habe ja seine Lehrstelle als Maler bekommen, obwohl er lieber Orthopäde geworden wäre. Die beste Möglichkeit, an einen begehrten Job zu kommen, war, beispielsweise ein Schwein zu „schieben“, das heißt, den Meister mit Naturalien zu bestechen. Und Schwein hatte er keines, jedenfalls nicht im Wortsinn. Im Übertragenen aber wohl schon, schließlich hat er auch die Bombennacht überlebt. Und kann heute sogar wieder etwas lachen.

 

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