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WILLI-Reportage | Spargel – Alles GOLD was GLÄNZT?

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Nun ist sie wieder da, die in unserer Region vielgerühmte Spargelzeit. Was wird mit ihr nicht alles verknüpft. Sogar bei Bundestagswahlen wird vom Spargelwahlkreis gesprochen. Weißes Gold wird hier buchstäblich abgebaut bzw. gestochen! Und dieses Gold ist als Ressource tatsächlich erneuerbar und wächst alljährlich nach. Wenn das kein Pfund ist, mit dem sich wuchern lässt!

Und es wird damit gewuchert. Seit Generationen! Wer weißen Spargel öffentlich kochen und gar noch schälen konnte, hatte bisweilen drastisch verbesserte Chancen bei Wahlen zum Orts- oder Gemeinderat gegenüber jenen Kandidaten, die auf diesem Gebiet schwächelten oder passen mussten.

Wenn politisch gar nichts mehr geholfen hatte, um in der Presse Erwähnung oder Gehör zu finden, ein Korb Bruchsaler Spargel tat Wunder. Schon während der Bonner Republik war der alte Bruchsaler Wahlkreis hauptsächlich dadurch bekannt, dass der ehemalige Bundestagsabgeordnete Klaus Bühler seinem Parteigenossen und Bundeskanzler Helmut Kohl alljährlich einen Korb Spargel überreichte. Auch Bühlers Amtsnachfolger, Olav Gutting, ließ es sich nicht nehmen, Angela Merkel mit Spargel zu beglücken, garantierte dies doch wenigstens eine Erwähnung im Lokalblatt, manchmal sogar mit schönem Pressefoto.

In guter Tradition ihrer Vorgänger übernimmt auch die derzeitige Bruchsaler Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick gerne Schirmherrschaften für Spargelgalas oder ist im Internet mit eigenen Wochenmarktauftritten verewigt, wo sie, fast geblendet vom Glanz einer Steige Spargel, für den Verzehr desselben wirbt, sei dieser doch so gesund und dazu noch fleischlos. Bei den Heimattagen 2015 wurde sogar von Prominenz aus der schwäbischen Landeshauptstadt am Spargel geraspelt und glücklicherweise verkniffen sich damals politisch sehr korrekte Zeitgenossen die Frage, ob es sich dabei um die kulturelle Aneignung eines badischen Kulturguts handle.

An Ideenreichtum um den Spargelkult hat es nie gemangelt, wenngleich die Konkurrenz im In- und Ausland nicht geschlafen hat. Einst durfte sich die Obst- und Gemüse-Absatzgenossenschaft Nordbaden eG (OGA) am damaligen Sitz beim Bruchsaler Güterbahnhof rühmen, Europas größter Spargelmarkt zu sein und die Auktionspreise waren täglich in der Lokalzeitung fein säuberlich nach Güteklassen aufgelistet. Heute ist diese Vormachtstellung dahin und OGA-Spargel, wenngleich immer noch ein Gütesiegel, ist nicht notwendigerweise aus der näheren Umgebung, sondern firmiert als Spargel vom Markt Bruchsal. Leichter ist die Vermarktung nicht geworden, drückt doch selbst die südeuropäische Konkurrenz ihre Ware in die Discounterläden der Umgebung.

Spargelkult ist grenzenlos!

Das ärgert nicht wenige der heimischen Spargelbauern, die oft wegen vermeintlich prekärer Arbeitsbedingungen am Pranger stehen, wenngleich ihre Saisonarbeiter, die oft seit Jahrzehnten zur Ernte kommen, relativ gut untergebracht sind und neben garantierten Mindestlöhnen auch mit einer Krankenversicherung ausgestattet werden. In einigen Ländern Südeuropas sollen dagegen fast mafiaähnliche Zustände herrschen, um deren Sanktionierung sich die EU nach Meinung einiger Bauern aber drückt.

Wer entlang der Rheinebene spazieren geht, mag sich wundern, warum fast sämtliche Spargelfelder inzwischen mit Folien bedeckt sind. Welch ein Aufwand und eine Verschwendung, so scheint es. Aber nein, gerade durch diese Anbaumethode werden insgesamt weit weniger Ressourcen verbraucht. Denn es reicht dadurch, nur einmal am Tag Spargel zu stechen, da schnelle Verfärbungen ausgeschlossen sind. Des Weiteren entsteht praktisch kein Unkraut, das es, wie früher, zu bekämpfen gilt. Entsprechend der Temperaturen lassen sich die Folien täglich drehen, um die optimalen Wachstumsbedingungen zu erzeugen. Auch Wasserverbrauch und Verdunstung sind besser regulierbar. Übrigens werden die Folien nach zwölf Jahren recycelt. Wenigstens in unseren Breitengraden; weiter südlich wird bisweilen einfach abgefackelt.

Bis der Spargel auf den Tellern landet, ist einiges zu leisten, dessen sich nicht alle Verbraucher bewusst sind. Für Interessierte der modernen Verarbeitung des weißen Goldes hilft ein Besuch bei Spargelbauern in der Region. So sind bei den größeren Anbaubetrieben zur Hochzeit oft weit über einhundert Saisonkräfte beschäftigt, die die Sortier- und Schälanlagen über Wochen am Laufen halten.

Wussten Sie, dass in manchen Betrieben jeder Spargel einzeln mehrfach gescannt wird, um ihn sortenrein zuzuordnen? Dass Sie bei manchen Hofläden die Spargel, die Sie selbst gerade ausgewählt haben, auf Wunsch zu erschwinglichen Preisen innerhalb von Minuten maschinell geschält bekommen?
Restaurants in unserer Gegend ordern inzwischen meist nur noch geschälte Ware von lokalen Direktvermarktern, wenngleich der größte Umsatzanteil für diese Anbieter durch den Verkauf an Privatpersonen erzielt wird, die vor Ort einkaufen. Menschen fast aller Bevölkerungsschichten trifft man beim Spargelkauf oder -verzehr: Unaufgeregte Durchschnittsbürger bis hin zu einzelnen Snobs, die schon immer meinten, ihre hochgerüsteten Sportkarossen protzig abstellen zu müssen.

Übrigens: Wem Spargel überhaupt nicht zusagen: Jetzt kommen ja auch heimische Erdbeeren auf den Markt!

Text: Hubert Hieke

Aus RegioMagazin WILLI 05/2023

 

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