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WILLI-Reportage | Busfahrer-Mangel: Droht dem ÖPNV die Krise?

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Du fährst auch mit dem Bus zur Schule oder zur Arbeit?
Dann kannst du wohl nicht drauf verzichten. Noch fahren Busse nicht von selber, sie brauchen Fahrende, die sie gut durch das Stadtgetümmel und über die Landstraße steuern. Aber wird es bald noch genügend Steuermänner und -Frauen geben, um den Busverkehr aufrecht zu erhalten?

Gerade auf dem Land – und da zählt Bruchsal und Umgebung dazu – könnte es sehr eng werden, im Linienbusbetrieb. In der Stadt, etwa in Karlsruhe oder Stuttgart, bekämen die Fahrenden etwa 350 Euro mehr auf die Hand, sagt Jan Bleckert von der Gewerkschaft ver.di: „Deswegen haben wir hier echte Nachwuchsprobleme“, 20 Prozent der Beschäftigten hier vor Ort gingen bald in Rente und der Beruf sei derzeit so unattraktiv, dass in keine jungen Leute machen wollen.

Auch der Busfahrer Mehmet P. (Name ist von der Redaktion geändert), 44 Jahre, ist ein eher älterer Fahrer, ein Quereinsteiger. Er arbeitete 14 Jahre lang auf dem Bau, bis der Rücken nicht mehr mitmachte und zudem die Firma insolvent ging. Vom Arbeitsamt kam die Empfehlung, den Busführerschein zu machen, das klang für ihn attraktiv und er setzte es gleich in die Tat um. Der Spaß am neuen Job währte nicht lange: „Es sind viele Stunden und wenig Gehalt, der Job ist stressig.“ Er habe fast jeden Tag drei Stunden Pause, die er nicht bezahlt bekäme. Privatleben ist da fast keines mehr, dabei hätte er das gerne, für seine zwei Kinder.

Der Östringer Busunternehmer Hassis, der auch Linien in Bruchsal befährt, zeigt Verständnis für die Bedürfnisse seiner 35 Mitarbeiter. Die Busse müssten in Schuss sein und die Linien so gelegt werden, dass die Fahrenden unterwegs öffentliche Toiletten verfügbar hätten. Im Grunde seien die Linien aber fest, daran könne auch er nichts ändern. Auch die Fahrzeiten mit den langen Pausen sind nun mal gegeben, weil die Schüler morgens in die Schule und abends wieder nach Hause möchten. Nur in den Ferien bessere sich die Situation für die Fahrer etwas.

„Es sind viele Stunden und wenig Gehalt, der Job ist stressig.“

Auch bei Schülern ist seit einiger Zeit der Hamburger Busfahrer Michel Schwartz ganz hip. Der grüßt Busfahrer, Schüler, Fußgänger, eigentlich alles, was ihm so vor die Scheinwerfer kommt mit seinen speziellen Finger-Grüßen und möchte dadurch auch das Gewerbe Busfahrer attraktiver gemacht haben. Hier in der Region ist das allerdings noch nicht angekommen. „Bei uns macht das keiner“, sagt ein anderer Busfahrer. Natürlich heben wir die Hand, wenn einer entgegenkommt, „aber alle über 50 tangiert so eine Mode nicht.“ Die Busfahrer seien schlecht bezahlt und hätten schlechte Arbeitsbedingungen, da trage so ein Schnickschnack nicht zu einer wirklichen Verbesserung des Berufes bei.

VERDAMMT WICHTIG findet Ulrike aus Helmsheim den Busverkehr.

Dennoch gerne im Bus sitzt Ulrike Kaufmann aus Helmsheim. Sie ist 38 Jahre alt und findet den ÖPNV „verdammt wichtig“, fahre zu 80 Prozent mit Bussen und Bahnen. Wenn die Fahrenden allerdings gestresst seien, unter Druck führen, seien sie nicht genügend konzentriert, auch leicht aggressiv. Für sie sollten die Arbeitsbedingungen so sein, dass die Lenker entspannt sind. Dann könne man sich auch mal unterhalten und Kontakt aufnehmen. „Schließlich ist es ein einsamer Beruf, auch wenn man mit vielen Menschen zu tun hat.“

Nur in den Ferien bessere sich die Situation für die Fahrer

Auch der Verband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmen (WBO), der die Arbeitgeberseite vertritt, sieht die Gefahr ausgedünnter Fahrpläne und „abbestellter Verkehrsleistung“, wie es Pressesprecher Oliver Waidelich formuliert. Für ihn liegt aber die Schuld auch bei den Fahrenden und bei den Gewerkschaften, da diese „völlig überzogene“ Lohnforderungen stellten und die Unternehmen so vor „nicht darstellbare“ Probleme. Er sieht die Löhne bei acht Euro über dem Mindestlohn und daher keinen Handlungsbedarf. Laut Waidelich hätten die Busunternehmen jedoch ein Interesse daran, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, „als wichtiges Instrument der Mitarbeiterbindung- und Gewinnung.“

In den vergangenen 30 Jahren sei der Beruf durch Sparmaßnahmen aber immer unattraktiver gemacht worden. „Es ist aber nicht die Zeit für schlechte Arbeitsbedingungen“, sagt Bleckert von ver.di. In den derzeitigen Verhandlungen gehe es zunächst um den Lohn, als nächstes um die Pausenzeiten. Auch eine gesicherte, betriebliche Altersvorsorge sei sein Ziel und das seiner Kollegen. „Da gibt es keinen Kompromiss, nur entweder-oder.“, damit die Fahrer und Fahrerinnen nach ihrem anstrengenden Berufsleben nicht in die Altersarmut fallen.

Der Beruf des Busfahrers ist also vom Aussterben bedroht. Wenn die Verbindungen noch schlechter werden, dann werden immer mehr Menschen auf das Auto angewiesen sein. Nicht gut für die Umwelt, nicht gut für den Geldbeutel. Das kollektive Fahren scheint auch in Brusl durch nichts ersetzbar zu sein.

 

Text und Bilder: Wolfgang Weismann

Aus RegioMagazin WILLI 03/2025

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