BRUCHSAL · ODENHEIM · MENZINGEN | Es gibt Züge, die bringen Menschen irgendwo hin. Und dann gibt es den „Entenköpfer“. Wer ihn kennt, erinnert sich sofort an das Rattern, an den Geruch nach Diesel, an offene Türen im Hochsommer und an Fahrten, bei denen der Lokführer noch zu jedem Dorf dazugehört hat. Jetzt kommt der legendäre Schienenbus für einen Tag zurück auf die Strecke rund um Bruchsal.
Viele im Kraichgau sind mit ihm gefahren. Zur Schule. Zum Einkaufen. Zur Arbeit. Zum Tanzen nach Odne in den Sternen. Andere standen am Bahndamm und warteten, bis das schaukelnde Unikum vorbei gerattert war, um dann weiter zur Arbeit aufs Feld zu fahren. Der „Entenköpfer“ sah knuffig aus, aber das schätzte damals noch niemand. Tiefrot war er der farbliche Gegenpol zum Kraichgau-Grün, mit Panoramafenstern rund herum, einem durchgezogenem Silberstreifen und der orangenen Jägermeisterwerbung! Vorne und hinten mit dem gleichen gemütlichen Gute-Laune-Gesicht.
Der Entenköpfer kehrt zurück: Als Rentner-Rakete mit 50 kmh
Der Schienenbus von 1959 ist heute Eisenbahngeschichte. Aber am 15. Mai 2026 kehrt er eintägig auf die Gleise rund um Bruchsal zurück. Anlass sind das Stadtjubiläum „1050 Jahre Bruchsal“ und das Europäische Zupfmusikfestival. Die NVBW lässt den Oldtimer dafür noch einmal fahren. Die Sonderfahrten führen von Bruchsal nach Menzingen, Odenheim und Germersheim – mitten durch den Kraichgau, vorbei an Feldern, kleinen Bahnhöfen und den alten Strecken der Kraichbach- und Katzbachtalbahn.
Und ja: Im Sommer war das Ding manchmal ein rollender Heizkessel
Wer damals mitfuhr, erinnert sich vielleicht noch daran: Wenn die Sonne auf das rote Blech knallte, wurde es im Wagen schnell tropisch. Klimaanlage? Nicht einmal als Gedanke vorhanden. Da die Türen noch von Hand geschlossen werden mussten, ließen die Fahrgäste auch schon mal die Türen offen, damit wenigstens ein bisschen Fahrtwind durch den Wagen zog. Der Fahrer ließ es geschehen. Rausgefallen ist dabei niemand. Wer würde sich heute in unsere Welt voller Sicherheits-Bedenken noch so etwas trauen?
Ein Tag für Erinnerungen
Am 15. Mai startet der historische Zug mehrmals von Bruchsal aus:
Bruchsal ⇄ Odenheim
(vormittags)
Bruchsal ab 10:32 Uhr · Ubstadt Ort ab 10:40 Uhr · Zeutern ab 10:49 Uhr · Odenheim an 10:57 Uhr · Odenheim ab 11:01 Uhr · Zeutern ab 11:10 Uhr · Ubstadt Ort ab 11:22 Uhr · Bruchsal an 11:28 Uhr
Bruchsal ⇄ Odenheim
(nachmittags)
Bruchsal ab 15:22 Uhr · Ubstadt Ort ab 15:36 Uhr · Zeutern ab 15:49 Uhr · Odenheim an 15:57 Uhr · Odenheim ab 16:01 Uhr · Zeutern ab 16:10 Uhr · Ubstadt Ort ab 16:22 Uhr · Bruchsal an 16:30 Uhr
Bruchsal ⇄ Menzingen
Bruchsal ab 8:32 Uhr · Ubstadt Ort ab 8:39 Uhr · Menzingen an 8:59 Uhr · Menzingen ab 9:07 Uhr · Gochsheim ab 9:13 Uhr · Münzesheim ab 9:18 Uhr · Unteröwisheim ab 9:24 Uhr · Ubstadt Ort ab 9:30 Uhr · Bruchsal an 9:37 Uhr
Es gelten die regulären Tarife von Deutsche Bahn und dem KVV – auch das Deutschland-Ticket. Die Fahrpläne sind ab Anfang Mai auch in den elektronischen Auskunftssystemen abrufbar. Die Fahrradmitnahme ist ab 9 Uhr kostenlos.
Noch so ein Gimmick: Die Sitze wurden je nach Fahrtrichtung einfach umgeklappt. Wer wollte, saß direkt hinter dem Lokführer und schaute vorne durch die große Frontscheibe auf die Strecke. Kein Bildschirm. Kein WLAN. Dafür echtes Bahngefühl. Markus Kempf von der NVBW sagt: „Man kann dem Lokführer während der Fahrt direkt über die Schulter schauen.“
Sonderfahrten am 15. Mai ab Bahnhof Bruchsal
Mit gemütlichen 50 Stundenkilometern wird er nochmal für einen Tag durch die Landschaft tuckern. Mehr ist auf der BMO-Bahn ohnehin nicht drin. Moderne Stadtbahnen bremsen anders, beschleunigen anders und passen besser in heutige Fahrpläne. Der „Entenköpfer“ dagegen fährt wie früher: ruhig, langsam und ohne Hektik. Wir machen jetzt mal halblang.
Die Geschichte der Strecken reicht zurück bis ins Jahr 1896. Damals verbanden die sogenannten BMO-Linien – benannt nach Bruchsal, Menzingen und Odenheim – die Gemeinden des Kraichgaus mit der Stadt. Erst kamen Dampfloks, später Dieseltriebwagen wie der Schienenbus. Die Fahrten waren oft improvisiert, manchmal rumpelig, aber immer nah dran am Leben der Leute.
Und genau deshalb hängt vielen Menschen der „Entenköpfer“ bis heute im Herzen. Weil er nicht geschniegelt war. Weil er Geräusche machte. Weil man beim Einsteigen noch das Gefühl hatte, unterwegs zu sein – und nicht einfach nur transportiert zu werden.
KraichgauTV wird mitfahren.
Und? Lust mitzufahren? Unsere Redaktionskollegen von KraichgauTV begleiten die Sonderfahrt: Bruchsal-Odenheim und zurück (vormittags). Sie sprechen mit Fahrgästen, Eisenbahnfreunden und den Verantwortlichen hinter dem historischen Zug. Dabei geht es nicht nur um Technik und Nostalgie, auch um Erinnerungen. Um Geschichten von früher. Und um die Frage, warum ein alter roter Schienenbus uns heute noch bewegen kann. Daraus wird ein echter Er“Fahrungs”bericht – direkt von der Strecke. „KraichgauTV – Ich seh’s bewegt!“
Woher der Name „Entenköpfer“? Angeblich hielten sich Enten nicht immer rechtzeitig von den Gleisen fern, wenn sich die qualmende Lok näherte. Der Spitzname blieb hängen. Genau wie die Erinnerungen an diesen Zug. Sein Geheimnis: Der „Entenköpfer“ war ein Kind der Zeit. Ein bisschen laut. Ein bisschen langsam. Manchmal zu heiß. Aber immer echt 60er Jahre. Und vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment, noch einmal einzusteigen.
130 Jahre Eisenbahn in Kraichtal – vom „Entenköpfer“ zur modernen Stadtbahn
Graf-Eberstein-Schloss in Gochsheim
Noch bis 29. November 2026
Die Ausstellung zeigt anschaulich die Entwicklung der Kraichtalbahn – von den dampfenden Anfängen des „Entenköpfers“ bis zur modernen Stadtbahn. Eine spannende Zeitreise für alle, die Technik, Geschichte und die Region näher kennenlernen möchten.
Öffnungszeiten: Sonntags, 13 – 18Uhr Eintritt: Erw. 4 € / Erm 3 € / Familien 7 €
Alle Fotos: Markus Kempf NVBW, Jürgen Heß, WILLI Hofmann
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