RAINwurf 20 | Der Gemeinderat und sein Königsrecht

28.9. | Der Gastkommentar von Rainer Kaufmann

Kürzlich im Deutschen Bundestag: Die Haushaltsberatung – eine „Sternstunde des Parlaments“. In diesem Jahr ein fetziger Schlagabtausch zwischen Opposition und Kanzler, der in den Medien bundesweit mehr als nur positiv vermerkt wurde. So gehört es sich in der Demokratie: Das Parlament nutzt sein Haushaltsrecht, um sich in einer Generalaussprache mit der Regierung und ihrem Programm auseinanderzusetzen. Das Parlament als Ort der öffentlichen Kontrolle der Regierenden.

Worum geht es hier?
GemeinderatBruchsalRainer KaufmannStadtmarketingSchloss-Festival
Sternstunde des Parlaments

In den nächsten Wochen stehen auch in Bruchsal wieder die alljährlichen Haushaltsberatungen an. Natürlich muss es da nicht zu einem fetzigen Generalangriff auf die lokale Regierung, die Oberbürgermeisterin und ihre Stadtverwaltung, kommen. Nur, diese Frage drängt sich nach den harmlosen Haushaltsdebatten im Bruchsaler Gemeinderat der letzten Jahre auf: Können sich in diesem Jahr vielleicht ein paar wenige Mitglieder des Gemeinderats auf ihr Recht – und auch ihre Pflicht – besinnen und die Oberen der Stadt wenigstens mit ein paar kritischen Fragen dazu bringen, Farbe zu bekennen? Kann es anstelle des nunmehr üblichen allgemeinen Schulterklopfens, garniert mit der einen oder anderen leicht kritischen Anmerkung als parlamentarische Beigabe zur beifälligen Zustimmung zum Haushalt, nicht einmal zu einem offenen und vor allem kritischen Diskurs zu ein paar Fragen der Kommunalpolitik kommen? Und: Kann es denn wirklich sein, dass fast nur die offiziellen Fraktionssprecher bei einer solchen Debatte zu Wort kommen? Haben einzelne Mitglieder des Gremiums nicht auch das Recht – und die Pflicht –, sich in diese Debatte einzubringen?

Es gibt genügend Themen, die einmal gründlich durchleuchtet werden könnten. Zum Beispiel die Aufblähung des Verwaltungsapparates in Sachen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, sowie Stadtmarketing. Es wäre doch einmal an der Zeit, der Öffentlichkeit die Entwicklung der Stellenpläne in diesem Bereich in den letzten zehn Jahren und die Entwicklung der Personalkosten aufzuzeigen und dann eine – unabhängige und neutrale – Evaluierung der in dieser Zeit geleisteten Arbeit vorzulegen. Steht das Ergebnis wirklich in einem Verhältnis zum Aufwand, das dem Steuerzahler gegenüber zu verantworten ist? Oder, ganz aktuell: Kann die Öffentlichkeit schon im Vorfeld der Haushaltsberatungen eine transparente Abrechnung des Schloss-Festivals mit einer detaillierten Darstellung des von der Stadt zu übernehmenden Defizits erwarten?

Kommunalpolitik im öffentlichen Diskurs und nicht im Hinterzimmer

Will die Stadt wirklich den „Mut aufbringen“ (Zitat Schlossverwalter Hörrmann), solche Feste im und am Bruchsaler Schloss immer wieder mal zu veranstalten? Und wenns denn unbedingt sein muss: Geht’s nicht ein wenig bescheidener? Oder: Wäre es nicht sinnvoller, städtische Aktivitäten und Geld in die Förderung der lokalen Kulturszene zu investieren statt in einen Image-Wettbewerb mit Salzburg und Bayreuth? Wem in der Stadt, außer den öffentlichen Selbstdarstellenden, bringt eine solche Veranstaltung wirklich nachhaltigen Nutzen? Warum muss eigentlich die Stadt solche Events organisieren und finanzieren und nicht der Eigentümer des Schlosses, das Land Baden-Württemberg? Oder ist das nicht sogar Sache privater Konzertveranstalter, die dann auch das Risiko solcher Veranstaltungen kennen und übernehmen. Wie werden solche Veranstaltungen an anderen Schloss-Standorten im Land gehandhabt?

Eine persönliche Bemerkung sei mir jetzt erlaubt: Ich habe vor Jahrzehnten mit einem Kulturverein mehrere Kleinkunst-Festivals in Bruchsal organisiert, zwei in einem großen Zelt am Schlachthof vor seiner Renovierung und die ersten zwei Festivals im Atrium des Bürgerzentrums. Wir haben zu keinem der Festivals städtische Zuschüsse, organisatorische Hilfe oder gar Defizit-Übernahmen beansprucht. Die Defizite haben wir aus Mitteln unseres Vereins finanziert. Danach hat das Stadtmagazin „WILLI“ die Bruchsaler-Sommer-Festivals am Bergfried ausgetragen, ebenfalls auf eigenes finanzielles Risiko. Dabei sind wir immer in unserem Rahmen geblieben und haben uns nicht mit Verona oder San Remo verglichen.

Es gibt natürlich noch weitere kommunalpolitische Themen, die im Rahmen der Haushaltsberatungen in aller Öffentlichkeit aufzuarbeiten wären. Fragen der Stadtplanung, Fragen der Sozialpolitik und vieles mehr. Es wäre schön, wenn sich die Stadtgesellschaft in den nächsten Wochen mit diesen beschäftigen und die Mitglieder des Gemeinderates ansprechen würde, diese Fragen in die öffentliche Haushaltsberatungen einzubringen.

Es wäre an der Zeit, dass die Kommunalpolitik in Bruchsal wieder in einen öffentlichen Diskurs eintritt und nicht in den Hinterzimmern von Rathaus und Gemeinderat so lange ausgemauschelt wird, bis dann in den Haushaltsberatung des Gemeinderats nur noch austauschbare Fraktions-Statements verlesen werden. Der Gemeinderat hat es selbst in der Hand, ob er wieder zum  Forum des politischen Diskurses wird, das zu besuchen sich für die politisch interessierte Bürgerschaft der Stadt lohnt.

 


INFO-BOX

Über Rainer Kaufmann

Der gebürtige Bruchsaler Rainer Kaufmann ist Journalist, Gastronom, Gründer des 1. Bruchsaler Stadtkabaretts, war in den 90er Jahren Veranstalter von mehrtägigen Kulturevents im Schlachthof und im Atrium des Bürgerzentrums (auf eigene Rechnung!) und beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der Geschichte seiner Heimatstadt – ob in TV-Dokumentationen, Büchern („Seilersbahn – ein Weg Geschichte“, „Elternstadt Bruchsal“), Theaterstücken („Unschädlichmachungen“), Kabarett-Aufführungen, Vorträgen oder als Stadtführer.

Landfunker nimmt das Angebot des oft unbequemen Rainer Kaufmann gerne an, in Form von Gastkommentaren seinen Leserinnen und Lesern eine andere Bruchsal-Perspektive zu bieten, die in der Regel jenseits der Selbstbelobigungen der Amtsblätter oder der Pressemitteilungen an die hiesigen Tageszeitungen und Internetportale liegt.

Mehr von Rainer Kaufmann bei Landfunker finden Sie hier >>>


 

DIE NEUSTEN
FILMBERICHTE
VON
KRAICHGAU TV

Teil 2: Mit der Försterin auf Tour durchs Weingartener Moor

Ein schmaler Bohlensteg führt hinein in einen Ort, an dem es hinter jeder Kurve etwas Neues zu entdecken gibt. KraichgauTV-Reporter Olaf Kallenbach war gemeinsam...

Tauschen statt wegwerfen: Neuer Tauschcontainer in Bruchsal eröffnet

Was für die einen längst ausgedient hat, kann für andere ein echter Glücksgriff sein. Genau darum geht es bei einem neuen Angebot im Entsorgungszentrum...

Der Weg in ein neues Lebensgefühl ohne Brille – oder wie moderne Linsenimplantate Ihr Leben verändern können

Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf und das Erste, was Sie sehen, ist nicht das verschwommene Bild Ihres Schlafzimmers, sondern eine gestochen...

Die Sprechstunde. 15 Tipps für alle, die sich besseren Schlaf wünschen

Sieben, acht oder neun Stunden? Früh ins Bett oder lieber ausschlafen? Und lässt sich versäumter Schlaf am Wochenende tatsächlich nachholen? Wer glaubt, Schlaf sei...

Fit im Kopf, engagiert im Herzen: Sportkreis-Legende Walfried Hambsch

Wenn Sie sich fragen, was eine Region wie Bruchsal im Innersten zusammenhält, wo junge Menschen noch echte Werte wie Teamgeist und Fairness lernen und...

Am 25.10. in Bretten | Direkt in die Pfanne geschaut: Kochshow bei Möbel Stork

(Anzeige) Am verkaufsoffenen Sonntag, am 25.10.26 in Bretten, haben Sie noch einmal die Chance, sich die tollen Möglichkeiten des Dampfgarens aus Profihand anzusehen. Leckeres...

SO WAR’S | Bürgerpreis 2026: Sparkasse Kraichgau ehrt Menschen, die ihre Zeit verschenken

Was verbindet eine Medizinstudentin, eine Buchliebhaberin und einen Informatiker? Sie schenken anderen etwas besonders Wertvolles: ihre Zeit. Genau dafür wurden am 12. Oktober im Z-LAB...

SO WAR’S | Vollgas um den Pokal: Motoball-Finale begeistert in Weiher

Laut, schnell und nichts für schwache Nerven: In der Motoball-Arena in Weiher wurde das ADAC-Pokalfinale zwischen dem MSC Ubstadt-Weiher und dem MSC Puma Kuppenheim...

SO WAR’S | 90 Liter Kürbissuppe für den guten Zweck: Herbstmarkt sammelt 3.000 Euro

Herbstliche Farben, regionale Produkte und jede Menge Leckereien: Zum mittlerweile 16. Mal wurde der Europaplatz beim Bruchsaler Herbstmarkt zum Treffpunkt für Genießer. 15.10.2026 | An...

Heute interessant

Gondelsheim will mehr Gewerbe

Gondelsheim möchte sich gewerblich nach Westen erweitern: Jenseits der B35 soll das neue „Gewerbegebiet Nord“ entstehen. Der Gemeinderat hat am 20.10.26 dafür den Aufstellungsbeschluss...

Zur Zeit interessant

JUBILÄUM: Sie fliegt und fliegt und fliegt …

BERLIN/BRUCHSAL, 22.10.2026 | Es war einmal 1960, als eine Boeing...

Angehörige von Betroffenen der NS-Behindertenpolitik gesucht

Bruchsal (pm). Zum Thema „Umgang mit behinderten bzw. psychisch...

Bruchsaler Freibäder blicken auf besucherstarke Saison 2026 zurück

BRUCHSAL | Volle Liegewiesen, reger Betrieb an den Kiosken...

Teil 2: Mit der Försterin auf Tour durchs Weingartener Moor

Ein schmaler Bohlensteg führt hinein in einen Ort, an...

Unser Event-Tipp | 24.10. | Die Schumacherin und der Herr Müller

Datum: Samstag, 24.10.2026 · 20:00–22:00 Uhr Ort: JazzClub Bruchsal -...

Schwere Kopfverletzungen nach Unfall mit E-Scooter

OBERDERDINGEN-FLEHINGEN, 19. OKTOBER 2026 | Ein 61 Jahre alter...

Fit im Kopf, engagiert im Herzen: Sportkreis-Legende Walfried Hambsch

Wenn Sie sich fragen, was eine Region wie Bruchsal...

Anzeige

spot_img
spot_img
spot_img

Auch interessant

Es gibt noch mehr zu entdecken