KARLSRUHE | Mit rund 1,4 Millionen Euro fördert das Land Baden-Württemberg das Projekt „NECOC-BW“ am Karlsruher Institut für Technologie, teilt jetzt die Landesregierung in einer Pressemeldung mit. Dahinter steckt eine Idee, die fast zu gut klingt, um wahr zu sein: Aus klimaschädlichem CO₂ wird ein nutzbarer Rohstoff.
Das Verfahren wandelt CO₂ aus Industrieabgasen in festen Kohlenstoff um – also im Kern das, was bisher als Problem in die Luft entweicht, zurück in einen Wertstoff. Dieser kann etwa in der Metallproduktion fossilen Koks ersetzen. Im Idealfall entsteht ein geschlossener Kreislauf: Emission rein, Rohstoff raus.
Technisch passiert das in mehreren Schritten: CO₂ wird eingefangen, mit Wasserstoff zu Methan umgebaut und anschließend in einem Hochtemperaturprozess wieder zerlegt – übrig bleibt reiner Kohlenstoff. Vereinfacht gesagt: Man „zieht“ den Kohlenstoff wieder aus dem CO₂ heraus.
Noch ist das Ganze allerdings kein Industriestandard, sondern auf dem Weg dorthin. Eine Versuchsanlage läuft, nun sollen erste Anwendungen im größeren Maßstab – etwa in einer Gießerei – folgen. Ein konkreter Zeitpunkt für den breiten Einsatz fehlt. Realistisch ist: Wenn alles gut läuft, sprechen wir eher von den späten 2020er-Jahren als von morgen.
Das macht das Projekt typisch für viele Innovationen „Made in Baden-Württemberg“: technologisch weit vorne – wirtschaftlich noch offen. Ein Blick zurück zeigt, warum diese Frage berechtigt ist. Das MP3-Format wurde in Deutschland entwickelt, hat weltweit Musik revolutioniert – die großen Gewinne landeten dennoch anderswo.
Genau hier liegt der eigentliche Kern der aktuellen Förderung: Sie ist nicht nur Klimapolitik, sondern Standortpolitik. Die Hoffnung ist, dass aus Forschung auch Wertschöpfung entsteht – also Arbeitsplätze, Unternehmen, Industrie vor Ort.
Ob das gelingt, hängt weniger von der Idee als von der Umsetzung ab: Wer baut später die Anlagen? Wer betreibt sie? Und wo entsteht das Geschäft?
Vorteile des NECOC-Verfahrens:
- CO₂ wird nicht nur reduziert, sondern als Rohstoff genutzt
- Potenzial für klimaneutrale Industrieprozesse (z. B. Stahl, Zement)
- Weniger Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen
- Neue industrielle Wertschöpfungsketten möglich
Nachteile und offene Fragen:
- Noch nicht großtechnisch erprobt, Marktreife unklar
- Hoher Energiebedarf – sinnvoll nur mit erneuerbaren Quellen
- Wirtschaftlichkeit derzeit nicht belegt
- Gefahr, dass wirtschaftliche Nutzung später außerhalb der Region erfolgt
Unterm Strich bleibt ein vertrautes Bild: Große Idee, starke Förderung, hohe Erwartungen. Ob daraus ein regionaler Wirtschaftsmotor wird – oder ein weiterer Exporterfolg ohne lokalen Gewinn –, entscheidet sich erst in der nächsten Phase.
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