
Zeitzeugen nennt man sie. Leute, die Zeugnis geben können von bestimmten historischen Ereignissen, die sie selbst vor Ort persönlich miterlebt haben. Wir haben die Bruchsalerin Hannelore Philipp, geborene Schmitt, im Herbst 2019 nach ihren Erinnerungen befragt. Die Ereignisse an den 1. März 1945, den Bombenangriff auf Bruchsal, sind ihr noch fast minituös gegenwertig, als wäre es gestern gewesen.
Damals besuchte als 15-jährige mit ihrer Freundin Judith Ritzerfeld geb. Keilbach (Sie ist die Schwester von Gabriele Kunle, geb. Keilbach, die uns in WILLI 03/2010 bereits ihre Geschichte des 1. März 1945 erzählt hat) zusammen die Südendschule in Karlsruhe und erlebte dort Anfang 1945 bereits einen schweren Bombenangriff mit. Die beiden Mädchen schlugen sich an diesem Tag nur mit großer Mühe über den Bahnhof Durlach wieder nach Bruchsal zurück, nichtahnend, was wenige Wochen später in ihrer Heimatstadt passieren würde.
Weil durch die Zerstörungen in Karlsruhe ein weiterer Schulbesuch unmöglich wurde, musste sich Hannelore bei den Behörden melden und bekam, wie damals üblich, einen Arbeitsplatz bei den Süddeutschen-Elektromotoren-Werken (heute SEW) zugewiesen. Am 1. März 1945 verbrachte sie ihre Mittagspause zu Hause in der Schillerstraße, einem Mehrfamilienhaus direkt am Schlossgarten, wo sie mit ihren Eltern und zwei Schwestern wohnte.

Eine Anekdote in der Familie ist, dass Frau Philipp gerne davon erzählt, dass sie wegen des schönen, warmen Wetters an diesem Märztag in der Mittagspause ihre Haare frisch gewaschen hatte und von der Mutter noch für diese Eitelkeit geschimpft wurde. Mit noch leicht feuchtem Haar lief sie zurück durch die Kaiserstraße zu ihrer Arbeitsstelle an der Durlacher Straße. (SEW befand sich damals gegenüber der großen Brücke am Standort der heutigen MuKs).
Als die 15-jährige Hannelore sich im Büro zurückmeldete, hörten sie und ihre Kollegen bereits ein seltsames Brummen. Durch die großen Fenster des hohen Gebäudes konnten die völlig überraschten Mitarbeiter ein Geschwader Flugzeuge von der Rheinebene aus, auf die Stadt zufliegen sehen. Noch bevor die Alarmsirenen losheulten, sahen sie, wie die ersten Bomben aus den Flugzeugbäuchen fielen. In voller Panik stürzten alle durch das Treppenhaus hinunter in den Luftschutzkeller. „Edeltraud Blickle und ihr Sohn Holger waren auch mit uns im Keller“, erzählt Frau Philipp von der Tochter des Firmengründers Christian Pähr, die mit ihren Angestellten zusammen das schreckliche Unglück im Keller überlebte.

„Als der Angriff vorüber war und Stille einkehrte, trauten wir uns aus dem Keller und sahen auf der anderen Straßenseite nur noch Feuer und schwarzer Rauch, von der Stadt war nichts mehr zu sehen, der Geruch war furchtbar. Zusammen mit Annedore Presch, die in der Heidelberger Straße wohnte, machte ich mich auf den Weg über die Württemberger Straße, die Steighohle und den Augsteiner in Richtung Damianstor. Dort trennten sich unsere Wege. Annedore lief nach Hause und ich ging am brennenden Schloss vorbei, den Schlossgarten entlang in Richtung Schillerstraße, wo ich hoffte, meine Familie wohlbehalten zu finden. Wir hatten Glück, bei uns im Haus schlug nur ein kleiner Brandsatz ins Dachgeschoss ein, der von unserem Mitbewohner Herrn Pfarrer Prof. Stolz und meiner Schwester Sofie gelöscht werden konnte, sonst sind wir schadlos davongekommen. Natürlich waren alle froh mich wieder zu sehen.“
„Auch heute, denke ich noch oft an meine Begegnung mit drei bekannten Jungs, die mir am Mittag des 1. März, auf dem Weg zurück zur Arbeitsstelle begegnet waren. Diese drei Jungs liefen geradewegs in den Bombenangriff. Ich habe sie nie mehr wieder gesehen, sie müssen umgekommen sein“, erzählt sie, und man spürt, dass sie diese letzte Begegnung heute noch berührt.
An den Tagen nach dem 1. März konnte man an verschiedenen Stellen der Stadt frisches Trinkwasser in Kannen oder Behältern holen, da die Wasser und Stromleitungen ja nicht mehr funktionstüchtig waren. Hannelores Familie ging zum Gasthaus Bären, dort war eine „Versorgungsstation“ eingerichtet.
Auch an die Zeit nach dem Angriff hat Hannelore Philipp manche Erinnerung, die die fast 90-jährige in unsere Zeitzeugenkiste legen kann:
Eine Freundin ihrer Mutter wohnte damals in der Söternstraße. Weil in den letzten Kriegstagen alle noch verfügbaren Männer zum „Volkssturm“ einberufen wurden, waren viele Frauen und Kinder alleine in ihren Häusern und Wohnungen. Bevor die Besatzungstruppen durch Bruchsal zogen, hat sich die Mutter mit Hannelore und deren Schwestern Sofie zusammen mit weiteren Frauen dort im großen Haus zusammengefunden. Als ein Trupp von Besatzungssoldaten durch Bruchsal zog und am Haus vorbeikam, mussten die Frauen und Mädchen alle heraustreten und sagen wie sie heißen.
„Ein Mädchen trat sofort mutig hervor und sagte mit fester Stimme: „ Ich bin Fräulein Steinle“, erzählt Hannelore Philipp und lächelt heute dabei, als wäre es damals nicht eine „hochbrenzlige“ Situation mit den fremden Soldaten gewesen. „Wir nennen sie wegen diesem Satz bis heute noch immer „Fräulein Steinle“.
Es ist für uns „Protokollanten“ bei jedem Gespräch kaum fassbar, dass solche fast irrwitzigen Anekdoten in vielen Erzählungen vorkommen. Bei all dem Elend haben es die Überlebenden des 1. März 1945 irgendwie geschafft, sich eine Art „Insel“ zu bilden, um über das unglaubliche Leid und Elend einigermaßen heil hinwegzukommen.
Melden Sie sich gerne: Tel. 07251 3878-31 oder medien@egghead.de
Wer kann uns zum Angriff am 1. März 1945 bzw. gerne auch zu der allgemeinen Versorgung der Bruchsaler Bevölkerung nach dem Krieg etwas berichten? Wie verlief das Leben in den direkten Tagen und Wochen nach dem 1.März 1945? Wie hat sich die Stadt neu organisiert? Auch das interessiert uns sehr und wir wären sehr dankbar, wenn wir mehr über „das Leben danach“ erfahren könnten.
Text: Andrea Bacher-Schäfer, Bilder: privat