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Glasfaser – Grau ist die Wirklichkeit

LANDKREIS KARLSRUHE, 8. Mai 2026 | Der Glasfaserausbau in der Region entwickelt sich zunehmend zum Problemfall. Trotz milliardenschwerer Förderprogramme und ambitionierter Ausbauziele bleiben vielerorts Ortskerne unterversorgt, während abgelegene Außenbereiche bereits angeschlossen sind.

Von Hubert Hieke

Deutschland verliert digital weiter den Anschluss

Technologisch verliert Deutschland und unsere Region in vielen Bereichen immer mehr an Boden. Dass wir das Land der Funklöcher sind und bei der Digitalisierung weit hinterherhinken, macht uns inzwischen international zum Gespött. Zu allem Überdruss gehen jetzt auch noch in unserer Region beim Glasfaserausbau die Lichter aus.

Große Hoffnungen auf die Gigabitstrategie

Noch vor Jahresfrist schien man im Landratsamt des Landkreises Karlsruhe und bei der 2014 gegründeten Breitbandkabel Landkreis Karlsruhe (BLK) zu hoffen, dass das ambitionierte Ziel des Bundes, alle Haushalte in Deutschland bis 2030 flächendeckend mit Glasfaser zu versorgen, auch in unserer Region machbar sei.

Eine „Gigabitstrategie“ sollte durch die Kombination aus privatwirtschaftlichem Ausbau und staatlicher Förderung zum Ziel führen. Ein wichtiger Beteiligter war in unserem Landkreis die Deutsche Glasfaser, die in vielen Kommunen die Verlegung von Glasfaser auf privatwirtschaftlicher Basis versprach, in einigen Gemeinden wie Forst auch lieferte, andere Kommunen aber mit geplanten Ausbauterminen vertröstete.

Deutsche Glasfaser zieht plötzlich die Reißleine

Schaute man letzte Woche auf die Internetseite des Unternehmens, so war die digitale Welt in bester Ordnung. Denn dort heißt es: “Tag für Tag arbeiten wir mit Hochdruck daran, das Glasfasernetz von Deutsche Glasfaser in allen Regionen Baden-Württembergs verfügbar zu machen.“

Für Landrat Christoph Schnaudigel und viele Rathauschefs im Landkreis muss dieser Satz wie Hohn klingen. Verkündete die Firma doch schon Ende März, die geplanten Projekte seien nicht mehr lukrativ und man lege sie deshalb auf Eis. Bis wann? Viele befürchten, bis zum Sankt-Nimmerleinstag.

Der Digitalpakt entpuppt sich als unverbindliches Wunschpapier

Dabei strahlten alle Teilnehmer im Sommer 2025 bei der Unterzeichnung des sogenannten Digitalpakts in Stuttgart noch um die Wette. Die Stimmung der Beteiligten mit Baden-Württembergs Digitalminister Thomas Strobl an der Spitze war prächtig. Schon die Liste der Unterschriften umfasste mehrere Seiten, wollte doch jeder hübsch betitelt werden. Mittendrin die Deutsche Glasfaser. Was deren Tinte wert war, zeigt sich jetzt: Rein gar nichts!

Denn unter dem Namen Digitalpakt verbirgt sich wenig Verbindliches. Eher ist es ein Sammelsurium von Wünsch-Dir-Was und unverbindlichen Absichtserklärungen. Zwar sprechen der Landrat und jene Kommunen, die sich bei Deutsche Glasfaser in guten Händen fühlten, nun von Vertrauensbruch und fühlen sich an der Nase herumgeführt. Eine rechtliche Handhabe gegen das Unternehmen besteht aber nicht.

Die Glasfaserkarte gleicht inzwischen einem Flickenteppich

Nun steht man kommunalpolitisch vor einem Scherbenhaufen. Zwar weisen Gemeinden wie Dettenheim, Hambrücken oder die Kernstadt von Bretten, wo teilweise auch andere Firmen Glasfaser verlegten, eine respektable Gigabitversorgung und hohe Glasfaserquoten aus und dürfen sich den Titel „Gigabitkommune@BW“ ans Revers heften.

Tatsächlich gleicht die Landkreiskarte zum Glasfaserausbau aber einem Flickenteppich. Begonnene, geplante und abgeschlossene Vorhaben sind dort kartiert. Glasfaser gibt es insgesamt oft nur für die wenigsten Haushalte.

Millionenförderung für Außenbereiche – Stillstand im Ortskern

Was gegenwärtig geradezu absurd ist: Inzwischen sind immer mehr sogenannte Graue Flecken in abgelegenen Außenbereichen mit exorbitanter Förderung durch Bund, Land und Kommunen unter Federführung der BLK ausgebaut, in der Ortsmitte tut sich aber oft wenig.

So hat man schon vor Jahren für zwei Millionen Euro im Bruchsaler Langental ein gutes Dutzend Häuser, landwirtschaftliche Betriebe und den Golfclub mit Glasfaser ausgestattet. In den Stadtteilen haben sich die Bewohner aber wohl noch Jahre zu gedulden. Der Bürger fühlt sich zunehmend in Absurdistan.

Ähnlich in Gondelsheim, wo man inzwischen drei Millionen Euro für Glasfaser in den Außenbereichen investiert hat. Zwar bekommen die Kommunen in den förderungswürdigen, weil für den privatwirtschaftlichen Ausbau unattraktiven Außenbereichen jeweils 90% der Kosten von Bund und Land erstattet, bezahlen muss es der Steuerzahler aber allemal.

Bürgermeister Markus Rupp versucht Schadensbegrenzung

Nicht nur der Gondelsheimer Bürgermeister Markus Rupp hält die gegenwärtige Entwicklung für nicht mehr vermittelbar und hat umgehend auf die Absage von Deutsche Glasfaser reagiert.

Wird doch in seiner Gemeinde derzeit Glasfaser aus den Außenbezirken zur Ortsmitte und zur Vernetzung der Brettener Rechbergklinik mit der Bruchsaler Fürst-Stirum-Klinik verlegt. Die angrenzenden Wohnhäuser wären nun aber durch die Absage von Deutsche Glasfaser buchstäblich leer ausgegangen und man hätte irgendwann die Straßen ein weiteres Mal aufreißen müssen. Geradezu hanebüchen.

Um derartige Schildbürgerstreiche zu vermeiden, wurde Rupp aktiv und scheint in dieser Angelegenheit möglicherweise Erfolg zu haben. Die Förderung könnte nun auch die Anschlüsse von über einhundert nahegelegenen Haushalten umfassen.

Wie es allerdings für die Mehrheit der Gondelsheimer im Ortskern weitergeht, dazu hat Rupp noch keine Lösung parat. Immerhin hätte die Gemeinde aber einen Fuß in der Tür.

Kommunalpolitiker halten die bisherige Strategie für gescheitert

Wie Rupp, halten fast alle Kommunalpolitiker unisono die derzeitige Glasfaserstrategie für gescheitert. Aber woher die Mittel für eine großzügigere Förderung nehmen?

Während Deutschland fast alles bezuschusst, was unter dem Stichwort Klimaneutralität firmiert, knausert man in anderen Bereichen zukunftsorientierter Daseinsvorsorge. Glasfaserkabel sind jedoch meist erst ab dem letzten Abzweig ein privates Gut, davor wie jedes Netz nur im Verbund erschwinglich und kostengünstig.

Deshalb sollten vom Gesetzgeber umgehend Anpassungen vorgenommen werden, um ein insgesamt attraktiveres Investitionsklima zu schaffen. Vielleicht sollten dazu auch an den richtigen Stellen mehr finanzielle Mittel bereitgestellt werden.

Zwar wurden in den letzten zehn Jahren schon insgesamt sieben Milliarden Euro an Fördermitteln in Baden-Württemberg ausgeschüttet. Kein Pappenstil, aber pro Jahr eher dürftig im Vergleich zu anderen Bereichen. Und weshalb sollte ein Glasfaser-Hausanschluss keine Förderung erfahren, solange E-Autos und Wallboxen üppig bezuschusst werden?

Dabei ist der Glasfaserausbau kein politisch vermintes Gelände. Es fehlt aber an der notwendigen Prioritätensetzung.

Die Wurzeln des Problems reichen bis in die 1980er-Jahre zurück

Übrigens hat der Kanzler der Einheit, Helmut Kohl, kurz nach seinem Amtsantritt vor über vierzig Jahren die derzeitige Misere eingeleitet. Denn er hatte die von seinem Vorgänger Helmut Schmidt angedachte und begonnene Glasfaserkabelverlegung 1983 abgeblasen.

Kohl wollte seinem Duzfreund, dem Münchner Medienmogul Leo Kirch zum schnellen Durchbruch des privaten Kabelfernsehens verhelfen. Dazu mussten billige Kupferkabel herhalten.

Umgehend wurde den Bürgern dadurch zwar Zugang zu schlüpfriger und marktschreierischer Unterhaltung verschafft, der Glasfaserausbau leidet aber bis heute darunter.

Der stockende Glasfaserausbau sorgt inzwischen vielerorts für Unverständnis bei Bürgern und Kommunen. Besonders problematisch bleibt die unterschiedliche Versorgungslage zwischen Außenbereichen und Ortskernen.

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