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RAINwurf 07 | Bruchsal „inhabergeführt“? 
Wie kann Bruchsal etwas bieten, was andere nicht haben?

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20.12.2021 | Der Gast-Kommentar beim Landfunker. Von Rainer Kaufmann.

Der inhabergeführte Einzelhandel, das ist, was Bruchsal ausmacht. Dort, wo man beraten wird, und unser ausgewogener Branchenmix.“ So war es kürzlich in einem Interview mit der Oberbürgermeisterin in der Lokalzeitung zu lesen. 

Und daher ihre Schlussfolgerung: Bruchsal braucht keine Angst zu haben, wenn die Karlsruher Shoppingmeile demnächst wieder baustellenfrei zum Schlendern und Verweilen einlädt. Amtliche Ansagen, die zu hinterfragen wären, und dies verbunden mit einer kritischen Bestandsaufnahme.

Beratung gibt’s auch anderswo

Hier ein erster Versuch, eine Bestandsanalyse der Kaiserstraße von der Deutschen Bank bis zur Großen Brücke, von der Hausnummer 22 bis 94, dem Musikhaus Brunner. Und diese Bestandsaufnahme ist aufschlussreich, vor allem was Branchenmix und Inhaber-Struktur angeht. Wobei anzumerken wäre, dass es auf letzteres nun wirklich nicht ankommt. Eine Filiale oder Ableger einer Franchise-Kette können für eine Innenstadt genauso attraktiv sein oder nicht wie ein inhabergeführtes Einzelhandelsgeschäft. Die Zeiten, als man zum Müller/Meier/Schulze zum Einkaufen ging, weil man ihn kannte, sind ein für allemal vorbei. Und die Allerwelts-Floskel „wo man beraten wird“ dürfte wohl auch nicht mehr ziehen, da es andernorts auch fachkundige Beratung gibt. Bruchsal braucht sich da ganz sicher keine Sonderstellung einzureden.

Worauf es ankommt, ist der Branchenmix und die Angebots-Palette. Und da sieht es nicht unbedingt rosig aus, wenn man die Kaiserstraße genauer untersucht. Würde man die Friedrichstraße dazu nehmen, die Wörthstraße und den Hohenegger, wäre das Ergebnis nicht wesentlich anders mit einer Ausnahme vielleicht, dass es da den einen oder anderen Leerstand gibt, Tendenz vermutlich steigend, wenn man die Prognosen und Befürchtungen von IHK und anderen Institutionen zur Situation des Einzelhandels ernst nimmt. Der Online-Handel wird da weitaus gefährlicher sein als die wieder erwachte Karlsruher Einkaufsmeile.

Beispiel Kaiserstraße

Von 85 Geschäftsadressen muss man 32 zu größeren, regionalen, wenn nicht sogar nationalen Ketten zählen mit der Folge, dass schon das äußere Erscheinungsbild dieser Geschäfte auch anderswo anzutreffen ist. Allein unter den elf Bekleidungsgeschäften sind acht Filialen oder Franchise-Ableger, die rechtlich vielleicht sogar inhabergeführt sind. Das Warenangebot allerdings ist vorgeschrieben und auch andernorts dasselbe.

Von acht Imbiss-Geschäften sind sechs alles andere als Bruchsaler Unikate, das ist wohl dem Wandel in der Bevölkerungsstruktur geschuldet. Insgesamt finden sich acht Friseure und Nagelstudios alleine in diesem Abschnitt der Bruchsaler Einkaufsmeile, vier Online- und Mobilfunkanbieter und ebenso viele Optiker, von denen immerhin zwei alt eingesessene Bruchsaler Inhaber-Geschäfte sind. Vier Schuhgeschäfte gibt es, sie sind als inhabergeführt anzusehen, ob Hersteller-gebunden oder nicht.

Und, nicht zu vergessen, der Dino unter den Bruchsaler Händlern, der Betten Mangei, ein Unikat wie die Buchhandlung Braunbarth, der Büro Heuser oder die Boutique Stephan. Ansonsten aber Marken wie Esprit, Bonita, Ernstings family, H & M, Street One, Depot, Outdoor Outlet, Apollo, Fielmann, Extrablatt, Royal Donuts – Geschäfte, die es auch andernorts gibt.

Das Umland wird’s schon richten

Genug der Auswertung, mit der vermutlich jeder seine Sicht der Dinge wird begründen können. Aber ein Zitat aus dem Interview wird sich in den nächsten Jahren erst noch beweisen müssen und das wird schwer: „Wir haben gut daran getan, unser integriertes Stadtmarketing voranzutreiben, um unsere Position und die unseres Einzelhandels zu stärken. Das lässt sich auch messen. Der sogenannte Kaufkraftindex ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Wir ziehen mittlerweile auch viel Kaufkraft unseres Umlandes an.“

Bruchsal wird enorme Anstrengungen unternehmen müssen, wenn dieser Trend anhalten und sogar ausgebaut werden soll. Denn vor allem das Umland, das den Kaufkraftindex ganz erheblich beeinflusst, wird ganz sicher das große Zentrum Karlsruhe wieder entdecken wollen. Und der dortige Handel – inhabergeführt oder nicht – wird alles daran setzen, diese Entwicklung zu fördern.

Was bietet Bruchsal, was Karlsruhe und andere nicht können?

Handel und Immobilien-Besitzer in Bruchsal stehen jetzt vor der Frage: Was bietet Bruchsal, was Karlsruhe und andere nicht können? Die Bruchsaler Innenstadt braucht neue Konzepte und neue Erzählungen, wenn sie fürs Umland weiter attraktiv bleiben will. Da sind jetzt eher visionäre Ideen gefragt und weniger Ansagen, die sich in den letzten Jahrzehnten reichlich verbraucht haben. Saisonale Dekoration auf und über der Fußgängerzone, Liegestühle und Schirme, reichen nicht. Die Stadt, die ganze Stadt, braucht mehr.

 

Rainer Kaufmann

 

Vorheriger Gastkommentar:

RAINwurf 05 | „Was muss alles noch passieren, bis Ihr es kapiert?“

 

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