RAINwurf | Was weiß WIKIPEDIA von der Geschichte Bruchsals?

15.5.24 | Gastkommentar von Rainer Kaufmann

Was weiß WIKIPEDIA von der Geschichte Bruchsals?

 

Es war ein Ereignis an einem Samstag Nachmittag im Mai im Atrium des Bürgerzentrums, das durchaus als Zeitenwende der offiziellen Geschichtswahrnehmung in die Geschichte der Stadt eingehen kann: Vor einem erwartungsvollen Publikum ergreift die Oberbürgermeisterin das Wort zur Begrüßung und äußert sich dabei auch zu den geschichtlichen Ereignissen, die in dem dann folgenden Theaterstück dargestellt werden sollten. Dabei ist das erste geschichtliche Ereignis dieses Tages die Tatsache, dass sich erstmals drei Bruchsaler Theater-Institutionen – die BLB, Koralle und Exiltheater – zu einer gemeinsamen Inszenierung zusammen gefunden haben. Das alleine war schon einen gehörigen Beifall wert …

Das zweite geschichtliche Ereignis dieses Tages: Erstmals stellte sich ein Bruchsaler Stadtoberhaupt ohne Wenn und Aber auf die Seiten derer, die genau vor 175 Jahren an dieser Stelle die staatliche Ordnung mit Anwendung von Gewalt infrage stellten.

Es war nämlich am 13. Mai 1849, als Bruchsaler Bürgerinnen und Bürger vor das Alte Weiberzuchthaus hier in der Stadtmitte zogen, um die darin einsitzenden politischen Gefangenen der Badischen Revolution zu befreien. Diese hatten sich im Jahr davor erdreistet, das längst überkommene Unrechtssystem der Gottesgnaden-Feudalherrschaft in allen deutschen Gauen, nicht nur in Baden, infrage zu stellen und eine Republik freier Bürger zu fordern. Befreit wurde u.a. Gustav Struve, einer der Anführer der Revolution in Baden. Organisiert wurde die Aktion von seiner Frau Amalie Struve, eine wahre Heldin der damaligen Ereignisse, weil sie sich als eine der wenigen Frauen ihrer Zeit getraut hatte, sich in die von Männern dominierte politische Szenerie einzumischen und an ihr teilzuhaben. Befreiungen politischer Häftlinge gab es auch im großen Männerzuchthaus in der Schönborn-Straße und in Kislau.

Der offizielle Segen der Bruchsaler Obrigkeit

Und all dies fand jetzt den offiziellen Segen der Bruchsaler Obrigkeit unserer Tage. Unvorstellbar, dass sich die Vorgänger der Oberbürgermeisterin erlaubt hätten, das Infragestellen der damals geltenden öffentlichen und staatlichen Ordnung auch noch nachträglich zu rechtfertigen. „Was damals Recht war, ….“

Allerdings wäre jetzt anzumerken, dass die Rathaus-Chefin anscheinend versäumt hat, rechtzeitig WIKIPEDIA und die dortige Erläuterung der Stadtgeschichte zu lesen. Dort steht nämlich:

„1848/1849
streifte
die badische Revolution
Bruchsal
nur am Rande.“

Bis heute ist es in Bruchsal anscheinend niemandem eingefallen, diese derzeit wohl wichtigste Informationsquelle im Internet zu korrigieren. Vielleicht auch deshalb, weil die Stadt selbst in ihrer Geschichtsdarstellung im Bergfried diese Jahre wie folgt zusammenfasst:

Es gibt nach offizieller Turm-Geschichte demnach nur drei Ereignisse in dieser Zeit:

    • Die Eröffnung der Bahnlinie,
    • die Fertigstellung des neuen Männerzuchthauses und
    • die Gründung der städtischen Volksbücherei.

Wie einfach. Vielleicht hat sich WKIPEDIA im Bruchsaler Bergfried informiert? Dass dies kein einmaliges Versehen ist, kann auch der im Jahr 2018 herausgegebenen Broschüre „BRUCHSAL – Ein Rundgang durch Geschichte und Gegenwart“ von Thomas Moos, dem Leiter des Stadtarchivs, entnommen werden.

Re-Evaluation der Geschichte fordert kritische Hinterfragung

In einer „Zeittafel zu Bruchsaler Geschichte“ stehen da lediglich folgende wichtige Ereignisse zum vorletzten Jahrhundert:

    • 1803 Bruchsal wird vom badischen Markgrafen in Besitz genommen
    • 1806 Markgräfin Amalie von Baden macht das Bruchsaler Schloss zu einem ihrer Witwensitze
    • 1843 Die Bahnlinie Heidelberg-Bruchsal-Karlsruhe wird eröffnet
    • 1884 Gründung der „Städtischen Volksbücherei“
    • 1889 Nach der Erfindung des Telefons werden auch in Bruchsal die ersten Fernsprecher installiert.

Und weiter geht’s: Für das 20. Jahrhundert werden zunächst nur folgende historisch wichtige Daten aufgeführt:

    • 1902 Eröffnung des Städtischen Museums
    • 1945 Bei einem Bombenangriff werden 80 % der Gebäude nahezu vollständig zerstört, über 1.000 Menschen verlieren ihr Leben.

Sonst geschah wohl nichts in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Allerdings: Von diesem Termin bis heute gibt es dann immerhin 22 Eintragungen mit historisch wichtigen Ereignissen wie etwa:

    • 1969 Gründung der Jugendmusikschule
    • 1976 Bruchsal feiert seine erste urkundliche Erwähnung vor 1.000 Jahren
    • 1987 Einweihung des Bürgerzentrums
    • 2002 Mit zahlreichen Veranstaltungen erinnert die Stadt Bruchsal an die gescheiterte Bauernerhebung unter Joß Fritz vor 500 Jahren
    • 2005 Das Schönborn-Gymnasium feiert sein 250-jähriges Jubiläum
    • 2007 Der neugestaltete Friedrichsplatz und das Friedrichspalais werden fertiggestellt
    • 2013 Eine großzügige Spenderin stiftet der Stadt das Babette-Ihle-Denkmal auf dem gleichnamigen Platz neben der Stadtkirche

Den Rest dieser historischen Zeittafel, wie sie ein Fachbeamter der Stadtverwaltung zusammen gestellt hat, können wir uns gerne ersparen.

„Peinlich wirkt dabei nur, dass die führenden Revolutionäre es verstanden haben, ihre eigene Person rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.“

Nicht allerdings ein weiteres Zitat aus einer Publikation der Stadt Bruchsal. Es handelt sich um das im Jahr 1999 erschienene „Heimatlexikon Bruchsal“, herausgegeben von der damaligen Historischen Kommission der Stadt Bruchsal unter ihrem Vorsitzenden Robert Megerle – Stadtrat, Amtsgerichtsdirektor und lokal-historischer Papst mit Unfehlbarkeitsanspruch in diesen Jahren. Darin steht eine abschließende Bewertung zum Stichwort „REVOLUTION 1848/49“: „Peinlich wirkt dabei nur, dass die führenden Revolutionäre es verstanden haben, ihre eigene Person rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.“

Das ist offizielles Bruchsaler Geschichtsverständnis bis heute: Leute wie Friedrich Hecker, Gustav Struve, Franz Sigel oder Lorenz Brentano hätten wohl besser daran getan, im Bruchsaler Zuchthaus langjährige Freiheitsstrafen abzusitzen anstatt sich im amerikanischen Exil als echte demokratische Politiker oder Militärs zu beweisen, die auch dort nur den liberalen Zielsetzungen folgten, die sie in ihrer deutschen Heimat nicht weiter verfolgen durften. Eine damals gültige Rechtsprechung hatte ihnen das verwehrt.

Ja, peinlich ist aber auch, dass in Bruchsal weder Verwaltung noch Politik noch diejenigen, die sich mit der Geschichte dieser Stadt von Amts wegen oder auch aus persönlichem Engagement beschäftigen, diese Art von Geschichtsschreibung nicht wenigstens einmal kritisch hinterfragen und endlich korrigieren. Dabei gäbe es noch viele historische Peinlichkeiten in der Arbeit der früheren Geschichts-Kommission zu entdecken. Man müsste sich nur einmal der Mühe unterziehen, sie zu dokumentieren.

Anstoß zu einer wirklichen historischen Zeitenwende in Bruchsal?

Bleibt nur zu hoffen, dass das Stadtoberhaupt mit ihrer Ansprache im Atrium des Bergfrieds das Startsignal zu einer wirklichen historischen Zeitenwende in Bruchsal gegeben hat. Vielleicht wird dann auch einmal an die Rolle der Bruchsaler „Forty eighter“ unter anderem in Fragen der Entwicklung der Menschenrechte oder der Gleichberechtigung der Frauen in den USA erinnert. Das wäre dann ganz sicher einen Riesen-Beifall wert…

Bei der Theateraufführung im Atrium wurde dieser Aspekt großzügig übersehen, obwohl die Macher der Theateraufführung vom Bruchsaler Historiker Dr. Jürgen Dick entsprechendes Material geliefert bekamen. Sie mussten es aus Zeitgründen unter den Tisch fallen lassen.

Peinlich, peinlich wie auch die Tatsache, dass der Co-Autor des Stücks, Jürgen Dick, unter den Beteiligten der Inszenierung nicht einmal erwähnt wurde. Das ist alles andere als einen Beifall wert …

Rainer Kaufmann
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Über Rainer Kaufmann

Der gebürtige Bruchsaler Rainer Kaufmann ist Journalist, Gastronom, Gründer des 1. Bruchsaler Stadtkabaretts, war in den 90er Jahren Veranstalter von mehrtägigen Kulturevents im Schlachthof und im Atrium des Bürgerzentrums (auf eigene Rechnung!) und beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der Geschichte seiner Heimatstadt – ob in TV-Dokumentationen, Büchern („Seilersbahn – ein Weg Geschichte“, „Elternstadt Bruchsal“), Theaterstücken („Unschädlichmachungen“), Kabarett-Aufführungen, Vorträgen oder als Stadtführer.

Landfunker nimmt das Angebot des oft unbequemen Rainer Kaufmann gerne an, in Form von Gastkommentaren seinen Leserinnen und Lesern eine andere Bruchsal-Perspektive zu bieten, die in der Regel jenseits der Selbstbelobigungen der Amtsblätter oder der Pressemitteilungen an die hiesigen Tageszeitungen und Internetportale liegt.

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