Die rehbraunen Augen – NO COMMENT!

Icon-Stadtmagazin WILLI

Die gegenseitige Entrüstung um die rehbraunen Augen aus dem Wahlkampf geht mir ziemlich auf den Zeiger.

Erhalten sie doch vor dem Hintergrund anderer Probleme einen Stellenwert, den sie nicht verdienen.

Nun beschäftigt sich bereits die ganze Nation mit dem Spruch eines 29-jährigen, der damals ein Amt hatte und deshalb besondere Verantwortung. Ja, okay. Aber denken Sie mal an Ihre Sprüche. Mit oder ohne Amt.

Heute sind wir weiter und wir denken neu und anders darüber nach, wie wir sprechen und handeln (was mitunter Blüten treibt). Aber wir wollen uns in der Sprache neu aufstellen, weil Sprache auch Denken und Handeln bestimmt.

Um beim Thema Wahlkampf zu bleiben, schießen nun die Sensibelchen oder sagen wir mal die Robin Hoods auf beiden Seiten mittlerweile übers Ziel hinaus. Die einen, die sich für Hagel ins Zeug werfen und eine Schmutzkampagne sehen und die anderen, die ihrem reinen Helden Cem huldigen. Das gesamte Vokabular wird gebraucht um den „Fall Hagel“ darzustellen. Auf CDU-Seite wird von Fake News gesprochen und eine Schmutzkampagne bemüht und auch gleich mal in Özdemirs nicht völlig blütenweißer Vergangenheit gekramt. Die Grünen sprechen von durchaus realen Aussagen Hagels, also keineswegs Fakes und vom reinen Zufall, dass gerade jetzt das Thema aus der Wahlurne gezaubert wurde nachdem sich Özdemir mit der Grünen Abgeordneten getroffen hatte.

Sie wollen nicht wissen, welchen Sch… ich als 29-Jähriger geschwätzt habe. Welche Lieder an Stammtischen gesungen wurden und welche Sprüche geklopft. Und wievielen Mädels wir im Rausch hinterher gepfiffen haben. Ich weiß nicht mehr, ob mit oder ohne Hintergedanken. Glücklicherweise hatte ich kein Amt. Ansonsten würde es mir heute auch auf die Füße fallen. Also Achtung, Männer/Frauen die ihr politische Karriere machen wollt. Macht bloß keine Fehler. Karriere machen nur lupenreine, tadellose, korrekte Talente, die das wahre Leben an sich vorbeiziehen lassen wollen. Korrekt war gestern – Superman und Superwoman ist heute.

Aber nun war’s geschehen und Hagel brauchte im Wahlkampf schnell eine Entschuldigung und nahm (unglücklicherweise) seine Frau zur Hilfe, die ihm laut eigener Aussage den Kopf gewaschen habe.
Wer’s glaubt wird selig. Da war wohl eher der Wunsch Vater des Gedankens des Wahlkampfberaters, um so das Thema abzuräumen. Ging aber in die Hose und gab dem Affen erst richtig Zucker.

Jetzt war nicht mehr Hagels Aussage bzw. Haltung zu rehbraunen Augen junger Mädels das Thema, sondern die Frage, dass er erst seine Frau gebraucht hatte, um auf den Trichter zu kommen.
Zugleich entfachte sich die Debatte, ob nicht ein Treffen Özdemirs mit der Grünen Abgeordneten, die alles ins Rollen gebracht hatte, den Coup ausgelöst hatte. (Die Recherchen laufen!)

Ja, vielleicht oder auch nicht. Und als gebe es nichts Schlimmeres, erschüttert es das Land und spaltet die Demokraten (!) in Pro Rehbraun und Contra Rehbraun. Also die, die jetzt zusammenarbeiten wollen.

Derweil lachen sich diejenigen, die für blaue Augen und blonde Zöpfe stehen, ins Fäustchen. Ich warte auf deren Kampagne, in der die mit den blauen Augen zwei im Grunde untadelige Kandidaten als Triebtäter und Betrüger in der Führungsriege des Landes verunglimpfen.

Dann hätten es die Helden der Demokratischen Mitte aus Grün und Schwarz mal wieder geschafft, dem Affen Zucker zu geben.

Da fällt mir ein Text der Band Ideal aus der Neuen Deutschen Welle von 1981 ein. Geschrieben von der unverdächtigen Annette Humpe.

Bloß deine blauen Augen machen mich so
sentimental, so blaue Augen. Wenn du mich so anschaust, wird mir alles andre egal, total egal. Deine blauen Augen sind phänomenal, kaum zu glauben. Was ich dann so fühle, ist nicht mehr normal.

Das ist gefährlich,
lebensgefährlich.
Zu viel Gefühl.“

Vielleicht das Lied wieder in die Spur zu kommen und alles in seiner Zeit zu sehen und nicht nachzukarten.

U. Konrad
Nach Kommentar auf der
Suche nach der Wahrheit.

 

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