Fußball ist kein Ponyschlecken. Und schon gar nichts für Fußballer.

ReporterInnen werden immer mehr zu Hauptdarstellern, wenn sie aus der Tiefe des Raumes kommen und als Fachkräfte am Mikrofon Fußball erklären. Unterstützt von mehr oder weniger schlauen Begleitern aus der Szene, gibt jeder seinen Pausensenf dazu.

 

Aus der Reihe: NO COMMENT!

Mir wäre lieber er/sie würde sich die Stadionwurst holen und mich nicht mit Fußballweisheiten quälen. „Wäre, hätte, könnte, würde.“ Was interessiert mich das Gesabbere talentfreier Begleiter meines Fußballabends, die mir in Konjunktiven den Sport erklären? Einen Abend lang machen sie aus 90 Minuten (mittlerweile ja eher 100) ein abendfüllendes Programm über Dinge, die die Welt nicht braucht.

Dabei will ich nur Fußball gucken!! Nicht Fußball hören. Ich will nicht wissen, ob die linke Wade des Rechtsaußen der Elfenbeinküste hält. Will nicht wissen, was die Ägypter zum Frühstück essen und was Ronaldos Lieblingsfilm ist. Okay, es gibt ein paar Sachen, aber das ist dann Politik. Kosten für eine Eintrittskarte, Ausweisungen von Schiris, eine iranische Mannschaft, die nicht in den USA übernachten darf, Infantinos Geschachere, Abstimmungen und Stimmenanzahl in der FIFA. Alles übel, alles hat nichts mit Fußball zu tun. Mafiös, korrupt, hinterhältig, unsozial, fragwürdig. Die Sprache enthält gar nicht so viele Begriffe, wie man braucht, um die Fouls zu benennen. Nur nicht jetzt … während des Spiels. Und schon gar nicht von Experten, die nur wissen, dass der Ball rund ist.

Ja, die Marcel Reiffs der Fußballneuzeit müssen die Pausen füllen. Nicht nur die Halbzeit, auch die Trinkpausen. Wann kommt die Teepause im Winter? Wann anstelle Tor des Monats die beste Jubel-Choreo des Monats?

Wann ist das Spiel Nebensache und die Moderatoren erklären uns vor, nach und während der Trink-, Halbzeit- und Verletzungspausen (ich empfehle 4 pro Mannschaft) und natürlich danach, wie das Spiel laufen soll, läuft und gelaufen ist.

Schiedsrichter sind laufende Statisten mit 2 Pfeifen, 2 Uhren, Mikrofon, Ohrhörer, Blutdruckmesser, Hawk-Eye, Spray, Rote Karte, Gelbe Karte, Schreibblock, 2 Kulis, Platzwahlmünze und Dashcam. Draußen VAR und zwei Assistenten, ein Auswechseltafelhalter, ein „vierter Mann“. Überwachen muss er die 5-Sekunden-Regel beim Einwurf, 10 Sekunden beim Auswechseln, 8 Sekunden (vorher 6?!) darf der Torwart den Ball festhalten, ansonsten gibt’s Eckball für den Gegner. Übrigens zählt dazu auch, wenn er den Ball vor sich legt und die Kontrolle behält. Der Schiri zählt die letzten 5 Sekunden (warum gerade 5?) sichtbar herunter. Mal ehrlich: haben die Regulateure jemals Fußball gespielt?

180 Sekunden Trinkpause. 60 Sekunden-Strafe, wenn‘s Auswechseln zu lange dauert. Wer beim Foul im Feld liegt, wird rausgetragen. Diagnose nicht erforderlich!

Abseits ist nicht, wenn der Schiedsrichter pfeift, sondern wenn eine Arbeitsgruppe bestehend aus Schiri, Assi, VAR nach einer Sitzung entschieden hat (hat eigentlich schon mal jemand gefragt, ob das Foto vom Abseits, auch den Millisekunden-Moment der Ballabgabe erfasst hat?) Und gilt dann die Berührung des Kickschuhs des Pass-Spielers oder die Bewegung des Balles? Ja liebe Leser: hier entscheiden sich Schicksale. Es geht um Millionen. Und all das hat früher der arme Kerl in schwarz, daher oft „Schwarze Sau“ genannt, gemacht.

Hat schon einmal jemand überlegt, welche Konsequenzen ein Einwurf für die falsche Mannschaft hat? Schon hier müsste der VAR eingreifen. Eckball, Einwurf, Foul, Handspiel, Verzögerung, . Alles hat weitreichende Konsequenzen. Nicht nur Abseits.

Der Torjubel muss nach VAR-Beurteilung eines Tores rückabgewickelt werden. Die verbrauchte Torjubelenergie wird dem Spieler gutgeschrieben. Spieler, die aus Respekt vor was auch immer betröppelt dreinschaun, werden nach dem Spiel als „SPORTSMAN OF THE GAME“ ausgezeichnet.

Spieler bekreuzigen sich, legen den Kopf in die Hände, machen einen Gebetskreis. Alles gut, aber ich brauch das nicht. Ich will nur Fußball gucken. Oder macht der Interviewpartner bei Lanz einen Kopfstand nach einer tollen Antwort? Ist der Fußballplatz eine Plattform für jedwede (Selbst-)Darstellung?

Akteure halten die Hand vor den Mund, damit man nicht ablesen kann, was sie sagen. Bei einer Auseinandersetzung der Spieler kann es mit ROT bestraft werden, weil er ja da etwas Beleidigendes gesagt haben könnte. Gilt da nicht die Unschuldsvermutung?

Wir wissen, wer wie viel Ballbesitz, Fehlpässe, Eckbälle, Freistöße, Elfmeter, Fouls, Karten, Verwarnungen oder Torschüsse hatte. Und neu, das Momentum, eine Spielstatistik, die den Angriffsdruck erfasst. Yeah!

Ich lerne und bemerke: Es ist nicht mehr mein Spiel und mir bleibt als Fußballer der letzten Generation nur noch sprachloses Staunen. Fußball-Lehrer aus den Fußball-Akademien bringen völlig anderes Rüstzeug (welch Unwort) mit.

Das Runde muss ins Eckige hat ausgedient.

Ich frage mich, wie all die hunderttausende Vereine überhaupt noch Fußball spielen können. So ganz ohne all die Technik?

Ich will den Schwarzen Mann zurück. Mit all seinen Fehlern, war er Teil der Unterhaltung. Teil des Spiels. Und es hat Fußball zu dem gemacht, was es ist. Aber ich gehe mit dem Zeitgeist. Hier die Ansage an meine Spieler fürs nächste Spiel, sollte ich einen Trainerjob bekommen:

„Männer/Frauen, spielt mit gesunder Härte, seid euch bewusst, dass Fußball ein Mannschaftssport/Frauschaftssport und kein Ponyschlecken ist. Wir spielen ein hinterlastiges doppelt gesichertes 4-5-3 von hinten heraus und machen Rambozambo.

Zeigt kompromisslose Dominanz im Halbfeld, Körperlichkeit in der Box. Bindet in der Mittelachse die Zielspieler ein. Die Flügelzange soll durch Tiefenläufe in die gegnerische Horizontalsicherung die Doppelfünf unterstützen.
Die Ballschlepper/innen dribbeln aus dem Zentrum an und schaffen Überzahlmomente. Und dass mir kein Warmduscher den Sicherheitspass wählt oder sich wie ein Weichei vor dem Duell drückt und packt die Blutgrätsche aus (Entschuldigung, das war noch aus der Ansage aus 1985). Wir suchen maximale Vertikalität in der Horizontalen und eine dynamische Anbindung des hängenden Stoßstürmers/in, um die Mittelachse zu stärken. Justin und Dustin ziehen die Doppel-Eins vom hängenden Halbachter weg, damit der vor lauter Körperlichkeit nicht Centerfold im Playboy wird.

So, Männer und jetzt raus auf die Wiese.“

U. Konrad
Nach Kommentar auf der Suche
nach einem Trainerjob.

 

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