Meine Erinnerungen an die ersten Genüsse italienischen Eises erinnern mich an „BERTOLINI“. Einer der ersten in Bruchsal, bei dem es das original, italienische Eis gab, das mit Fürst-Pückler, Capri und Tiefkühleis nichts gemein hatte.
Hochgenuss in Bollenform. Und es gab uns allen das Gefühl in Urlaub zu sein. Am Wasser (in Bruchsal am Springbrunnen) in der Sonne und schon damals darauf wartend, dass sich ein Motorradfahrer vor dem Kaufhaus Schneider ohne Helm im T-Shirt und Sandalen hinlegte.
Bertolini stand für Italien, Urlaub, Eis, Genuss und … Bollen. „Kugeln“ hießen nämlich früher „Bollen“. Jedenfalls bei mir. Und Frau Giovanella aka Bertolini verstand mich gut und ich bekam was ich bestellt hatte: Grazie Tschijuli (sie wollte Uli sagen, weil Ulrich sehr schwer für sie war), hier deine Eise. Aber esse langsam und nix auf die Hemde mache“.
Ich konnte kaum über die Theke schauen, meine aber es gab Vanille, Nuss und Schokolade. Manchmal Zitrone und Erdbeer, wenngleich nicht immer und Banane. Kam drauf an, was ihr Mann gerade gezaubert hatte.
Die Waffel, eher einfach, wurde gegessen, weil man sie essen konnte. Sie schmeckte eher nach Pizzakarton, aber man schaute schon damals dem geschenkten Gaul…
Ab drei Kugeln durfte man mit einer größeren Waffel rechnen. Da war Zucker drin. Die Waffeln waren leider immer inkontinent und man vermied daher Schokolade, weil die dann durch die Waffel unten durch, den Arm entlang in die Armbeuge lief.
Ein stetes Abschlecken des unteren Waffelendes war daher erforderlich u
nd erforderte etwas Geschick. Wer nicht ganz so sparsam war, nahm wahlweise einen Becher. Umwelt gab’s damals noch nicht.
Sahne gab es hingegen auch schon. Viel Sahne. Überhaupt war die Menge dem Gefühl des Eisdealers überlassen und mir als Stammgast wurde auch gerne etwas Nachschlag gewährt. Von wegen, wiegen oder messen. Ich hatte aber immer den Verdacht, Mädels bekamen vom Senior größere Bollen, aber ich konnte es nie beweisen. Meine Mutter war klar, dass ich mit meinem Taschengeld das Hotel der Bertolinis in Italien finanzierte.
Gegessen und getroffen hatte man sich am Brunnen. Den Älteren noch als Nierlesbrunnen bekannt, bevor dieses Herzstück Bruchsaler Willkommenskultur und Treffpunkt der Generationen einer stadtplanerischen Großtat weichen musste, die bis heute noch zu Tränen rührt.
Ja die Bollen. Und der Preis. Zwei Bollen für zwanzig Pfennig, was dann circa zehn Cent entsprach (mit Waffel). Ein Becher gemischt mit Schoko, Vanille, Nuss, Erdbeer und Vanille mit Sahne dann um die 60 Pfennig. Kleine Bollen. Aber damit auch die Chance mal alles auszuprobieren ohne sich den Magen zu verrenken. Heute ist mit einer Kugel Ende Gelände. Von wegen gemischt.
Das hätte bei der Anzahl der Sorten und den Preisen fatale Folgen. Hier wurden die Grundlagen für unser späteres Hüftgold geschaffen. Was wir an den Hüften gespeichert hatten, hing beim Eisdealer am Gardasee als Kronleuchter.
Ob nur in Bruchsal Bollen Bollen hießen, weiß ich nicht mehr. „Zwai Bolle Schoklahd“ war durchaus ortsüblich und offensichtlich zu verstehen, sonst hätte Frau Bertolini mir nicht genau gegeben, was ich wollte.
Drinnen gab’s Becher aus metallischen Halbschalen, eiskalt, angelaufen und passendem Löffel fast rechteckig, passend zum Gedeck. Mit Untersetzer und (jetzt kommt’s) Bedienung!
Heute isst man Eis anders. Der Bollen ist zur Kugel und neuerdings zur Spachtelmasse mutiert. Die Palette reicht von „A“ wie Amarena Kirsch über Blauer Engel Giotto, Kaugummi, Lebkuchen, Mozart, Oreo, Stracciatella, bis „Z“ wie Zuppa Inglese. Dazwischen noch ca. 50 andere Sorten, die mein Gemischtes Eis dann beherrschen würden. Nicht zu vergessen, die vielen Lattes und Moccas und Macchiatos, Cremes und Dingdongs Zaubergurucremes.
So viele Bollen schafft kein Mensch. Und nun kommt noch die Spachtel dazu und stellt mich vor neue Herausforderungen. Nun muss ich einen Mix bestellen, von dem ich beim Bestellvorgang noch nicht weiß, ob und wie es passt. Kunstvolle Eisspachtelmasse formvollendet auf die gezuckerte Waffel gestrichen und zum Kunstwerk geformt. Ich trau mich kaum, es zu essen, so schön.
Nein, früher war nicht alles besser. Aber zumindest Eisessen war einfacher.
Zwei Bolle Schoklad un en Bolle Zitron. Dreissich Pfenning und ab auf die Mauer am Nierlesbrunnen, warten bis es einen vorm Schneider hinhaut.
U. Konrad
Nach Kommentar auf der Suche
nach den alten Zeiten.




