Geschichte | Zeitzeugen berichten über den 1. März 1945

Der Bruchsaler Fotograf Carl Ohler machte es sich zur Aufgabe die Tragödie und deren Ausmaß zu dokumentieren. Er nutzte dabei seine langjährige Erfahrung auf dem Spritzenwagen der Feuerwehr. Hoch oben auf der Leiter, teilweise während der Fahrt, entstand der Großteil der Aufnahmen, die heute die Zerstörung und das Leid dokumentieren.

Aus dem RegioMagazin WILLI 03/18

Carl Ohlrt | Bruchsaler Fotograf
Carl Ohler – Bruchsaler Fotograf

„Meine geliebte Heimatstadt Bruchsal wurde in nur wenigen Minuten durch einen Fliegerangriff zerstört, das vergesse ich mein Leben lang nicht mehr“, erinnert sich die heute 79-Jährige. „Es war ein wunderschöner Tag, so warm, dass ich im Hof mit meinem Sommerkleidchen und weißen Söckchen spielen durfte. Meine Eltern, mein Bruder und ich, wohnten in der Huttenstraße bei Schlosser Braun. Mein Vater arbeitete als Hausmeister im Kaufhaus Schardt (vormals Geschwister Knopf, später Kaufhaus Schneider). Meine Mutter hatte eine Putzstelle bei „Bäckersmüllers“ und nebenan in dem Lampengeschäft „Baschnagel“.

Wlatraud Bachmann | Bruchsler Schlachtghof
Da war die Welt noch in Ordung: Waltraud vor dem Bruchsaler Schalchthof

Das grauenvolle Ereignis am 1. März begab sich gerade, als sich Waltrauds Vater ins Kaufhaus Schardt aufmachen wollte. Man hörte das laute Dröhnen der Fliegermotoren. In dem Moment wussten sie, dass sie ganz schnell in den Luftschutzkeller mussten um zu überleben. Kaum dort angekommen prasselten auch schon die ersten Bomben auf die Erde. Als ihr Vater erstmals einen Blick nach draußen riskierte war er schockiert als er den riesigen Bombentrichter vor der Einfahrt sah. Die ganze Umgebung stand in Flammen, alles war zerstört – sogar der Amboss der Schlosserei Braun, die damals im Nachbargebäude der Bachmanns in der Huttenstraße ihren Hauptsitz hatte, glühte sehr stark.

„Fremde Männer zogen uns Gasmasken auf…“

 

Hofkirche | Amtsgericht | Bombadierung
Hofkirche von hinten, im Hintergrund das Amtsgericht

Da es so stark brannte mussten sie sich mit Teppichen die Körper bedecken und versuchen aus dem Luftschutzkeller über den Garten zur Reserve nach oben zu gelangen. Die Teppiche fingen Feuer, aber sie schafften es alle unbeschadet nach oben zu kommen. „Ich weinte schrecklich vor Angst“, erinnert sich Waltraud Dietrich. Der Rauch war so furchtbar. Fremde Männer zogen uns dann eine Gasmaske auf, aber ich weinte immer noch.“

Zuflucht fanden sie dann bei Waltrauds Großmutter, die damals in der Württembergerstraße wohnte. „Wir hörten dort unten würde es nicht brennen und sind hin gelaufen. Doch hier suchten schon so viele Menschen zuflucht, dass wir nur unten in der Scheune bleiben konnten.“

Familie Bachmann | Mutter mit ihren Kindern
Kreigsgeneration: Nach dem Angriff flüchtete Familie Bachmann (hier Mama Friedl mit Waltraud und Bruder Werner), nach Ruit

Am nächsten Abend brachen die Bachmanns dann zu Fuß auf nach Bretten-Ruit, dort wohnte die andere Oma. Sie mussten nachts laufen, da Tiefflieger ständig im Einsatzflug waren und sie sonst entdeckt hätten. „Ich bin dort krank, mit einer schweren Rauchvergiftung angekommen. Ich konnte nichts essen und trinken, weil der Hals ganz übel aufgerissen war.“

 

Bruchsler Stadtkirche | nach der Bombardierung
Nur noch Hülle – die Stadtkirche

Waltrauds Vater kehrte nach dem Angriff nach Bruchsal zurück um sich einen Überblick über die Verwüstung zu schaffen. „Im Haus war nichts mehr ganz außer dem Küchenherd, den er holte dann nach Ruit. Als er wieder zu uns kam, war er sehr traurig. Er erzählte von seiner Arbeitsstelle, dem Kaufhaus Schardt. Da war alles kaputt, und er sah die vielen Toten, die vom Luftdruck gestorben waren. Im Keller waren etliche junge Mädchen, kaum 18 Jahre alt ums Leben gekommen, die mein Vater kannte. Auch den Metzger Schorle und seine Kinder hat er auf der Straße liegen sehen. Sie sahen aus, als würden sie noch leben. Es war eine schrecklich tiefe Traurigkeit die er mit nach Ruit brachte.“

Plötzlich war Waltrauds Familie arm, sie hatten nichts mehr und standen vor den Trümmern ihres Lebens. Hilfe bekamen sie damals keine, jeder musste in dieser Zeit selbst schauen wo er bleibt.
Nächstes Jahr wird Waltraud Dietrich 80 Jahre alt und sie fragt sich heute, wie sie die damalige Armut, Traurigkeit und das Unheil überstehen konnten und es schafften sich ein neues Zuhause in Ruit aufzubauen. „Nur mit Gottes Hilfe“, sagt sie und hofft

Waltraud Dietrich | Passbild
Waltraud Dietrich

Man kann es sich nicht mehr vorstellen, wie es gewesen sein muss, als am
1. März 1945 die Innenstadt Bruchsals dem Erdboden gleich gemacht wurde. Alles lag in Schutt und Asche. Ein Tag, der für die Leute, die ihn erleben mussten wie ein Brandmal in ihren Erinnerungen zurück bleibt. Auch die damals erst siebenjährige Waltraud Bachmann (heute Dietrich) kann sich daran erinnern, als wäre es erst gestern gewesen.

Text: Gernot Storck
Bilder: Waltraud Dietrich

 

Sehen Sie den Filmbeitrag dazu auf www.kraichgau.tv

 

 

DIE NEUSTEN
FILMBERICHTE
VON
KRAICHGAU TV

Hardtsee-Watch in Action: 15.000 Euro für die Lebensretter am Wasser

UBSTADT-WEIHER | Sommer, Sonne, ab ins Wasser. Für Tausende Menschen in der Region gehört das ganz selbstverständlich dazu. Fast ebenso selbstverständlich nehmen wir hin,...

Unterwegs durch die Geschichte Philippsburgs

PHILIPPSBURG | Einst Residenzstadt, später mächtige Festung und schließlich Schauplatz eines verheerenden Bombardements: Philippsburg blickt auf eine Geschichte zurück, von der im heutigen Stadtbild...
00:09:46

Jetzt mit Filmbeitrag: 48 Stunden, 537 Runden und 215 Kilometer – Harun Oktay hat es geschafft!

48 Stunden, 537 Runden und rund 215 Kilometer: Mit seinem außergewöhnlichen Dauerlauf auf der Tartanbahn der Bereitschaftspolizei Bruchsal hat Harun Oktay nicht nur seine...
00:31:42

Generalsekretär Röderer will die SPD zurückbringen

5,5 Prozent bei der Landtagswahl – für die SPD Baden-Württemberg beginnt eine neue Phase. Jan-Peter Röderer übernimmt dabei als Generalsekretär eine zentrale Rolle. 10.09.2026 |...

SO WAR’S | 31 Kilometer über Huttenheim: Ballon startet in die Stratosphäre

31.285 Meter über dem Meeresspiegel, minus 52 Grad Celsius und eine kleine Box voller Technik: Was ein wenig nach Science-Fiction klingt, ist in Huttenheim...

Training mit Anspruch: So fördert Stefan Ronecker junge Fußballtalente

Die Aufgaben sind vorbereitet, der Parcours ist gesteckt – und die jungen Fußballer stehen pünktlich auf dem Platz. Zwischen acht und 16 Jahre alt...

SO WAR’S | Vier Jahrzehnte Festlaune: Hambrückens Straßenfest wird 40

40 Jahre Straßenfest: Hambrücken feiert rund um die Lußhardthalle Feste soll man feiern, wie sie fallen – und in Hambrücken gab es in diesem Jahr...
00:30:53

Das große Schwitzen: Wie stehen unsere Wälder im Hitzesommer da?

Bruchsal, August 2026 | In dieser Gesprächsrunde begrüßt Moderator Ulrich Konrad die beiden Experten Jürgen Bordt (Kreisbrandmeister) und Jonas Lenardt (Hegering Ubstadt). Angesichts extremer...

Launiger Sommerabend am Rhein: KraichgauTV zu Gast in Germersheim

Was machen eigentlich die Nachbarn auf der anderen Rheinseite? GERMERSHEIM | Ein anderer Landkreis, ein anderes Bundesland – und dazwischen der Rhein. Klingt nach großer...

Heute interessant

Olaf Schönborns Q4 featuring Daniel Stelter

Datum: Samstag, 19.09.2026 · 20:00–20:00 Uhr Ort: Am Alten Schloss 22, 76646 Bruchsal Veranstalter: Jazzclub Bruchsal e.V. Zum Veranstaltungseintrag im Terminator Nach 10 Jahren Pause bringt Olaf Schönborn...

Zur Zeit interessant

Unser Event-Tipp | 18.09. | Mario und der Zauberer

Datum: Freitag, 18.09.2026 · 19:30–20:45 Uhr Ort: Bürgerzentrum Bruchsal Veranstalter: Badische...

LOCAL HEROES :: Waschtag Band :: Schlager und Evergreens der 50er und 60er

Datum: Freitag, 18.09.2026 · 20:00–20:00 Uhr Ort: Am Alten Schloss...

Hardtsee-Watch in Action: 15.000 Euro für die Lebensretter am Wasser

UBSTADT-WEIHER | Sommer, Sonne, ab ins Wasser. Für Tausende...

Unser Event-Tipp | 19.09. | Rock im Pfarrhof – Kraichtal Oberacker

Datum: Samstag, 19.09.2026 · 18:00–23:59 Uhr Ort: Kraichtal-Oberacker Veranstalter: Förderverein zum...

Vom Garten bis ans Haus: Feuer sorgt für Großeinsatz in Kronau

KRONAU, 10. SEPTEMBER | Beim Brand eines Holzunterstandes in...

20 Jahre Country Club Odenheim

Jubiläumsveranstaltung mit Countrymusik.

Anzeige

spot_img
spot_img
spot_img

Auch interessant

Es gibt noch mehr zu entdecken