Welch abgrundtief verwerfliches gesellschaftliches Klima auch in unserer Region in der Nazizeit vorherrschte, können nur die wenigen noch lebenden Zeitzeugen tatsächlich nachvollziehen, die damals als Kinder und Jugendliche in den Straßen im Landkreis unterwegs waren, die heute für uns so friedlich wirken. Aber gerade jetzt, wo der Antisemitismus von Linksextremen wie Rechtslastigen zunehmend verharmlost wird, sollte die Erinnerung an diese verheerenden und abscheulichen Jahre mehr denn je wachgehalten werden. .
Aus der WILLI-Reihe „Nachgedacht“ | Von Hubert Hieke
Zwar sind die ewig Gestrigen inzwischen fast alle verstorben, aber neben dem Bodensatz an Unbelehrbaren ist auch die jüngere Generation zunehmend anfällig für radikale und rassistische Propaganda. Fast die Hälfte der Neuwähler findet entweder Gefallen an Sprüchen einer oft hyperaktiven Führungselite der Linken, die ihren Antisemitismus mit der vermeintlichen Kritik an Israels Politik in Gaza vernebelt oder liebäugelt mit manch platten Sprüchen einer rechten, meist krawattentragenden Herrenriege, die die Nazizeit zu einem Fliegenschiss der Geschichte erklärt. Und manch heranwachsender Ignorant, der deutschen Sprache meist kaum mächtig, schmiert an öffentlichen Plätzen und Haltestellen gar diskriminierende, rassistische und antisemitische Sprüche an die Wand. Haben all diese Zeitgenossen auch nur einen Schimmer davon, welch unsägliches Leid die Nazizeit vielen Menschen zufügte?
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Akten, die das Grauen sichtbar machen.
Wer sich die Mühe macht, im Landesarchiv in Karlsruhe historische Dokumente einzusehen, dem läuft bisweilen ein kalter Schauer über den Rücken, wenn er in den Prozessakten zu lokalen Nazigrößen, deren willigen Gehilfen oder manch vermeintlichem Mitläufer blättert. Purer Rassismus und Antisemitismus öffnete in der Nazizeit die Tür sperrangelweit zum Massenmord an jüdischen Mitbürgern, anderen Minderheiten und politischen Gegnern.
Da gab es nicht nur Figuren wie Emil Epp, dem als Kreisleiter in Bruchsal zwar selbst von Nazis nur eine eingeschränkte Intelligenz bescheinigt wurde, der sich aber in Sachen Brutalität, Willkür und Boshaftigkeit nur von wenigen übertreffen ließ. Wer liest, wie dieser gelernte Kraftfahrer im Willkürregime der Nazis ungestraft seine Grausamkeiten ausübte, zuckt zusammen. Nur wenige Helmsheimer können sich noch an die Hinrichtung des polnischen Zwangsarbeiters Josef Makuch erinnern. Epp war erpicht darauf, bei der Erhängung des unschuldigen Menschen im Sommer 1942 persönlich anwesend zu sein, um danach zum ausgiebigen Umtrunk in die Scheffelhöhe nach Bruchsal zu fahren.
Erinnern heißt, Verantwortung zu übernehmen.
Laut Protokoll stauchte Epp Vollzugsbeamte, die schwerkranken jüdischen Gefangenen medizinische Hilfe leisteten, zusammen und meinte, er könne nicht verstehen, wie man „den jüdischen Schweinen“ helfen könne. „Die Juden sollten ruhig verrecken.“ An Derartiges konnte sich Epp nach dem Krieg dann natürlich kaum noch erinnern. Auch von der Planung des Niederbrennens der Bruchsaler Synagoge während der Pogrome in der Nacht des 9. November 1938 wollten Epp und andere Nazis nichts Genaues gewusst haben. Insgesamt musste Epp für seine Untaten nur wenige Jahre Haft verbüßen. In der sowjetischen Besatzungszone wäre er sicherlich nicht so glimpflich davongekommen.
Aber es gab eben auch unzählige fanatische Unterstützer und Mitläufer, die das Regime am Laufen hielten. Denn niemand war während der Naziherrschaft gezwungen, aus seinem Haus zu kommen, um dem Ortspfarrer mit „Bürschchen, dich kriegen wir auch noch“ zu drohen, wie sich der hundertjährige Zeitzeuge Willi Weindel noch im September 2026 gut erinnert. Ebenso wenig war ein Rektor Josef Loos dazu verpflichtet, im katholischen Religionsunterricht aufzutauchen, um die Priester vor versammelter Schülerschaft verbal fertigzumachen. Noch im Sommer 2026 erinnert sich eine betagte Frau gut daran: „Ich verstand nicht alles, was der Rektor sagte, ich wusste aber, dass man so zu niemandem spricht und mit keinem Menschen derart umgeht.“ Und man ist seltsam berührt, als Tage später eine fast deckungsgleiche Aussage in den Protokollen auftaucht. Bezeichnenderweise war Loos 1937 aus der Kirche ausgetreten und suchte 1945 dort wieder Unterschlupf. Ein Opportunist übelster Sorte, der sich von manch halbseidenen Kollegen und ehemaligen Schülern später eidesstattlich sein vermeintlich lupenreines Verhalten als Beamter, Rektor und Lehrer attestieren ließ. Und wer wie die betagte Zeitzeugin jemals in die Augen einer Mutter sah, deren innig geliebtes Kind von den Nazis zur Tötung abgeholt wurde, wird dies nie vergessen. Derartige Gräueltaten scheinen zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Wie sonst könnten antisemitische Ressentiments erneut aufflammen?
Antisemitismus darf nie wieder Normalität werden.

Der jüdische Reichstagsabgeordnete und Sozialdemokrat besuchte in seiner Jugend das Gymnasium in Bruchsal. 1934 wurde er von den Nationalsozialisten im KZ Kislau ermordet. Foto: Generallandesarchiv Karlsruhe
Aber es gab auch Menschen mit Rückgrat, einem humanistischen Wertekompass und Courage. Leider mussten nicht wenige dafür bitter büßen und wurden vom demagogischen Räderwerk der Nazis unerbittlich gequält und ermordet. Einer davon war der jüdische Reichstagsabgeordnete Ludwig Marum, ein Sozialdemokrat mit unerschütterlichem Mut und Tapferkeit. Mit an nicht zu überbietender Niederträchtigkeit wurde Marum, der in seiner Jugend das Gymnasium in Bruchsal besuchte, mit weiteren Gefangenen im März 1933 entwürdigend durch Karlsruhe gekarrt und ein Jahr darauf in Gefangenschaft im KZ Kislau im Auftrag von Reichsstatthalter Robert Wagner erdrosselt.
Wer angesichts der Ungeheuerlichkeiten der Nazizeit meint, er müsse gebückt durchs Leben gehen oder den Biedermann spielen, hat die Lektion allerdings nicht verstanden. Denn es gilt, aufrecht, aber eben im Bewusstsein der Grauen dieser Zeit die Zukunft zu gestalten. Wer Menschen und deren individuelles Verhalten über einen Kamm schert, Pauschalurteile fällt oder Rassismus und Antisemitismus von links oder rechts, einheimisch oder migrantisch verharmlost oder verbreitet, dem muss widersprochen und das Handwerk gelegt werden. Wissen viele überhaupt noch, in welch freiheitlichem Paradies wir derzeit leben? Nichts ist befreiender als ein intellektueller Schlagabtausch ohne die Angst vor Gestapo, Geheimdienst oder anderen Denunzianten. Dabei ist aber strikt zwischen harter argumentativer Auseinandersetzung und abwertender, pauschalierender Polemik zu unterscheiden. Letztere ist schlicht inakzeptabel.
Übrigens wäre zu wünschen, dass die vielbeschworene Zivilgesellschaft die Erinnerung an die jüdische Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus auch in unserer Region wach und lebendig hält.
Aus RegioMagazin WILLI 11/2026 | Text: Hubert Hieke










