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RAINwurf 14 | Putin, Kyrill und die Bibel

Lass das deine Freunde wissen!

4.4. | Der Gastkommentar von Rainer Kaufmann

„Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“, heißt es im Johannes-Evangelium (Kapitel 15, Satz 13).

Nach einer Meldung der russischen Nachrichten-Agentur TASS zitierte Wladimir Putin diesen Bibeltext kürzlich bei seiner Rede auf dem Propaganda-Konzert „Krimfrühling“ in Moskau zum Jahrestag der Annexion der Halbinsel Krim.

Und er verharmloste damit die unzähligen Todesopfer, die seine verbrecherischen Angriffskriege unter den Soldaten seiner Nation verursacht haben. Oder wollte er diese Todesopfer im Gegenteil rechtfertigen und gar verherrlichen? Unter Berufung auf die Bibel?

Von letzterem ist wohl auszugehen, denn gerade eben hat der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. den russischen Angriff auf die Ukraine erneut gerechtfertigt und bei einem Gottesdienst die russischen Soldaten zur Erfüllung ihres Eides und damit zum Kampf aufgerufen.

Der Moskauer Patriarch wörtlich: „Aber dabei müssen wir – wenn ich ‚wir‘ sage, meine ich in erster Linie die Armeeangehörigen – unserem Eid und unserer Bereitschaft treu bleiben, unser Leben für unsere Freunde hinzugeben, wie es das Wort des Allmächtigen besagt.“

Die Reaktion vor allem deutscher Kirchen-Leitungen war klar und eindeutig: Kyrill muss den russischen Angriffskrieg eindeutig verurteilen. Was dieser aber angesichts der Berufung auf den „Allmächtigen“ ganz sicher unterlassen wird. Die Empörung und Verachtung der Demokraten und Christen im Rest der Welt dürfte ihm dafür sicher sein. Auch in Bruchsal.

Doch Vorsicht. Auf dem Bruchsaler Friedhof kann man eine ähnliche Geisteshaltung besichtigen, in Stein gemeißelt und in Bronze gegossen. Dort heißt es auf einem Denkmal für die gefallenen Bruchsaler in Hitlers verbrecherischem 2. Weltkrieg: „Ihnen liegt die Krone der Gerechtigkeit bereit“. Das ist jetzt kein Zitat aus einem Evangelium, es stammt aus dem 2. Timotheus-Brief des Apostels Paulus. Im Denkmal sind eingelassene Blechtafeln, auf denen alle Namen der Bruchsaler Gefallenen des 2. Weltkriegs eingraviert wurden, die auf dem hiesigen Ehrenfriedhof bestattet sind. Und das quaderförmige Mahnmal ziert eine Dornenkrone aus Bronze. Das Denkmal wurde am 1. September 1989 eingeweiht, dem 50. Jahrestag des Hitler-Überfalls auf Polen.

Denkmal am Rande der Soldatengräber auf dem Bruchsaler Friedhof

In einer Ansprache erklärte dann ein damals wie heute in Bruchsal hoch angesehener und pensionierter Bruchsaler Stadtpfarrer und Geistlicher Rat – selbstredend ein Mann mit Kriegserfahrung – dieses Pauluswort, wie man in einem Bericht aus dem Jahr 1989 nachvollziehen kann:

„Mit Kriegs- und Kameraden-Anekdoten aus Stalingrad stellte er die am 1. September 1989 alles entscheidende Frage, ob all die lieben Kameraden, die er habe sterben sehen, denn auch in den Himmel gekommen seien. Der Paulus-Text gebe darauf die Antwort, hat er gesagt. Denn wie sollte der gerechte Gott, der dies alles in seinem Willen hat geschehen lassen, wie sollte er das Opfer der vielen Toten nicht annehmen, wo er doch in der Offenbarung verheißen habe, er werde alle Tränen von ihren Augen abwischen. Hat er gesagt. Ihnen liegt die Krone der Gerechtigkeit bereit. Und dann hat er den Text auf dem Denkmal noch etwas deutlicher erklärt: Derjenige, der sich bewährt habe, der seine Pflicht erfüllt habe für seine Kameraden, der sein Leben gelassen habe für sie, für den liege sie bereit, die Krone der Gerechtigkeit. Hat er gesagt und nicht überlegt dabei, dass er mit dieser Interpretation Vorreiter einer christlich-mohammedanisch-fundamentalistischen Ökumene sein könnte. Denn so ähnlich hat es doch auch der greise Wahnsinns-Ajatollah seinen Jungen erzählt, bevor er sie losschickte als Kanonenfutter. Ihnen liegt die Krone der Gerechtigkeit bereit.“

Die Frage steht jetzt im Raum: Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen Johannes (Kapitel 15, Satz 13) und dem Timotheus-Brief von Paulus? Oder: Wo liegt der Unterschied zwischen Bruchsal im Jahr 1989 und Moskau im Jahr 2022? Oder noch konkreter: Gibt es einen moralischen Unterschied zwischen Hitlers Angriffskrieg im Jahr 1939 und dem eines Herrn Putin im Jahr 2022?

Vielleicht weiß Kyrill auf diese Fragen eine Antwort, eine unfehlbare natürlich. Hat er doch den direkten Draht zum „Allmächtigen“.

 

Über Rainer Kaufmann

Der gebürtige Bruchsaler Rainer Kaufmann ist Journalist, Gastronom, Gründer des 1. Bruchsaler Stadtkabaretts, war in den 90er Jahren Veranstalter von mehrtägigen Kulturevents im Schlachthof und im Atrium des Bürgerzentrums (auf eigene Rechnung!) und beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der Geschichte seiner Heimatstadt – ob in TV-Dokumentationen, Büchern („Seilersbahn – ein Weg Geschichte“, „Elternstadt Bruchsal“), Theaterstücken („Unschädlichmachungen“), Kabarett-Aufführungen, Vorträgen oder als Stadtführer.

Landfunker nimmt das Angebot des oft unbequemen Rainer Kaufmann gerne an, in Form von Gastkommentaren seinen Leserinnen und Lesern eine andere Bruchsal-Perspektive zu bieten, die in der Regel jenseits der Selbstbelobigungen der Amtsblätter oder der Pressemitteilungen an die hiesigen Tageszeitungen und Internetportale liegt.

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EIN KOMMENTAR

  1. Eine kleine Ergänzung: Ich habe vergessen, den Autor des von mir zitierten Berichts von der Einweihung des Friedhofs-Denkmals aus dem Jahr 1989 zu benennen. Der Artikel stammt aus meiner eigenen Feder, wurde damals aber nicht veröffentlicht. Er ist aber in meinem Buch „Elternstadt“ im Anhang in vollem Umfang nachzulesen (S. 268 ff). Dazu auch der Wortlaut einer Rede, die ich am selben Tag bei der Anti-Kriegs-Kundgebung des DGB am Bergfried habe halten können (S. 271 ff.) Das Thema „Krone der Gerechtigkeit“ habe ich auch in einem Brief an den damaligen OB Bernd Doll angesprochen, der ebenfalls im Anhang des Buches zu finden ist (S. 286 ff). Und das vor mehr als 30 Jahren. Und nichts hat sich seither getan. Man hat in dieser Stadt noch nicht einmal darüber diskutiert…