WILLI-Story | Mit 2,5 PS Richtung Freiheit

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Manche reden davon, das Leben zu genießen. Giselind und Reinhard Janzer machen es einfach. Die beiden Obergrombacher sind gerne unterwegs, mögen es unkonventionell und schrecken auch vor verrückten Ideen nicht zurück. Ihre jüngste führte sie mit zwei Apen, 2,5 PS und jeder Menge Abenteuerlust über die Alpen bis ans Mittelmeer.

Aus WILLI 10/26 Lebenslust PLUS

Im Juli starteten Reinhard und Giselind ihre Tour: Nicht mit Wohnmobil oder Reisewagen ging es Richtung Süden, sondern mit zwei Apen – Reinhard in der roten „Safety Car“, Giselind in der grünen. Mit dabei: die Hunde Shakira und Gina, für die eigens Sitzmöglichkeiten eingebaut wurden.

Fast sechs Wochen später kamen die vier wieder in Obergrombach an. Dazwischen lagen Alpen und Apennin, Gardasee und Mittelmeer, Italien, Monaco und Frankreich, mehr als 22.000 Höhenmeter und mindestens 50 Tunnel. Die rote Ape schaffte es sogar auf den 1.909 Meter hohen Mont Ventoux – mit 2,5 PS wohlgemerkt.

Und wer jetzt romantische Bilder vom gemütlichen Tuckern durch mediterrane Landschaften vor Augen hat: Die gab es – aber nicht nur. Mehr Tage mit über 40 Grad als unter 30 Grad machten Mensch, Hund und Maschine zu schaffen. Vier Nächte brachten kräftige Unwetter. Einmal mussten Giselind und Reinhard ihr Zelt von innen festhalten, damit es nicht davonflog. Die Tour infrage gestellt haben die beiden trotzdem kein einziges Mal.

„Meine verrückten Eltern sind wieder unterwegs.“

Auch die Apen verlangten Aufmerksamkeit. Eine Radkappe ging verloren, ein Gaszug musste geflickt, der Kupplungszug eingestellt, Luftfilter gereinigt und eine Zündkerze ausgetauscht werden. Zweimal reichten die 2,5 PS an einer Steigung nicht und Muskelkraft musste nachhelfen. Einen Berg fuhr Reinhard sogar rückwärts hinauf – vorwärts ging es schlicht nicht mehr. Dazu kamen Großstädte, enge Straßen und Strecken, die auf der Karte deutlich harmloser aussahen als aus einer Ape.

Übersehen wurden Giselind und Reinhard unterwegs ohnehin selten. Zwei kleine Apen, zwei Hunde und deutsches Kennzeichen – diese Reisegesellschaft hatte offenbar Unterhaltungswert. Immer wieder wurden sie fotografiert und gefilmt, Menschen winkten, hupten, klatschten, lachten und sprachen sie an.

Zuhause auf Zeit: Zwei Apen, ein Zelt – mehr brauchten Giselind und Reinhard unterwegs nicht.

Für Aufsehen dürften sie auch in Monte Carlo gesorgt haben: Dort ließen sie es sich nicht nehmen, mit ihren Apen die berühmte Formel-1-Strecke abzufahren – vermutlich als zwei der langsamsten Fahrzeuge, die dort je „im Renntempo“ unterwegs waren.

Dass zu Hause gelegentlich ein „Ihr seid ja verrückt!“ fällt, wundert da wenig. Die große Tochter brachte es in ihrem WhatsApp-Status auf den Punkt: „Meine verrückten Eltern sind wieder unterwegs.“

Wer nun glaubt, Reinhard und Giselind hätten mit Mitte 60 plötzlich ihre Abenteuerlust entdeckt, liegt ziemlich daneben. Bereits 1985 und 1987 fuhren sie mit Fahrrad und Gepäck von Obergrombach bis an den Atlantik. Später ging es mit den Kindern weiter: Am Ärmelkanal fuhr die älteste Tochter schon selbst, die beiden jüngeren saßen im Anhänger – für die Jüngste waren sogar noch Windeln im Gepäck.

Es folgten Touren entlang von Rhein, Donau und Rhône. Die Fahrzeuge haben sich im Laufe der Jahre verändert. Die Lust aufs Unterwegssein eher nicht.

Lieber jetzt als irgendwann – das tun, worauf man Lust hat.

Die „Apemania“, wie Reinhard sie nennt, begann im Urlaub in Limone am Gardasee. Dort entdeckte er eine rote Ape und war begeistert. Zum 50. Geburtstag schenkte ihm Giselind eine alte blaue Ape für die Fahrten zum Garten. 2020 kam die heutige rote Ape dazu, 2023 eine grüne für Giselind. Im selben Jahr folgte die erste große Ape-Tour – natürlich gleich wieder bis zum Atlantik.

Warum macht man das? Warum tauscht man Hotelbett, Klimaanlage und Frühstücksbuffet freiwillig gegen Zelt, Feldbett, Hitze, Unwetter und die tägliche Frage, ob 2,5 PS für die nächste Steigung reichen?

Für Reinhard liegt gerade darin der Reiz. „Auf solchen Reisen reduziere sich das Leben auf elementare Fragen: Was essen wir? Wo schlafen wir? Sind wir gesund? Sind die Apen in Ordnung? Termine gibt es nicht, selbst die Uhr wird nebensächlich. Den Takt geben Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Hunger und Durst vor – und die Frage, ob noch genügend Sprit im Tank ist. Alle Probleme und Sorgen, der ganze Ballast des Alltags, sind plötzlich weit, weit weg“, sagt Reinhard.

Vielleicht liegt darin auch ein Teil ihrer Lebenslust: nicht alles schneller, größer und komfortabler machen zu müssen. Manchmal reichen zwei Apen, ein Zelt und die Neugier darauf, was hinter der nächsten Kurve wartet.

Schrauberpause: Wenn die Ape streikte, wurde selbst Hand angelegt – Reinhard bei einer Reparatur unterwegs.

So gerne die beiden unterwegs sind, ihr Mittelpunkt liegt seit Jahrzehnten in Obergrombach. Reinhard, 65, ist hier geboren, studierte Elektrotechnik und leitete später rund 20 Jahre die Softwareentwicklung für Produktionsmaschinen bei einem großen Maschinenbauunternehmen. Heute ist er Rentner.

Giselind, 66, stammt aus Untergrombach und ist ausgebildete Physiklaborantin. Nach der Geburt der drei Kinder übernahm sie, wie Reinhard augenzwinkernd sagt, die Leitung des „kleinen, aber feinen Familienunternehmens“: drei Kinder, Ehemann, Hausbau – und daneben Theater spielen und „s’Pfläschderle“ organisieren. Seit 1983 sind die beiden verheiratet.

Für 2028 denken die beiden bereits über die nächste Ape-Tour nach: vielleicht Richtung Bremen und dann der Küste entlang über die Niederlande, Belgien und Frankreich bis zur Loire. Festgelegt ist noch nichts.

Viel wichtiger als das Ziel ist ohnehin die Haltung dahinter. „In unserem Alter und mit dem einen oder anderen gesundheitlichen Problem kann man solche Dinge nicht mehr einfach auf später verschieben“, sagt Reinhard. „Wer weiß, ob es später noch geht?“ Deshalb denken die beiden: Lieber jetzt als irgendwann – das tun, worauf man Lust hat, solange es geht.

 

Aus RegioMagazin WILLI 10/2026   |   Text: Iris Weindel / Bilder: Janzer

 

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