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Wer sich fragt, weshalb Deutschland seit Jahren bei Infrastrukturprojekten auf der Stelle tritt und allein bei Beratern, Gutachtern und Planern eitel Sonnenschein herrscht, muss nicht allzu weit in die Ferne schweifen, liegt die Misere doch so nah.
Aus der WILLI-Reihe „Nachgedacht | Von Hubert Hieke
Derzeit herrscht an manchen Tagen im Raum Bruchsal verkehrstechnisch das reine Chaos, Pendler werden auf Geduldsproben gestellt, Umleitungen bestehen für Monate, wenn nicht Jahre. Selbst kleinste Infrastrukturmaßnahmen dauern ewig. So wurden im beschaulichen Gondelsheim Verkehrsteilnehmer wochenlang von einer Ampelanlage ausgebremst. Der Grund: Einige Kabel mussten von rechts nach links unter die Hauptstraße gelegt werden. Nach wenigen Tagen überschaubarer Aktivitäten wurde die Baustelle fachgerecht mit allerlei Schildern und Absperrungen gesichert und war danach wochenlang verwaist. Glasfaserkabel und Leerleitungen ragten fein säuberlich aufgedröselt aus der Baugrube oder waren am Wegrand platziert. Die vorzüglich funktionierende Ampelanlage regelte den überschaubaren Verkehr in alle Richtungen. Ein Gemeindemitarbeiter, der sich zufällig bei der Baustelle befand, bemerkte lapidar, er wisse auch nicht, wohin die Bauarbeiter verschwunden seien.

Zwar geht es an neuralgischen Punkten im Raum Bruchsal mit den Arbeiten etwas zügiger voran, aber wer sich noch an die Zeiten erinnern kann, wo an Hauptverkehrsstraßen und Knotenpunkten auch abends und an Wochenenden gearbeitet wurde und sich beim Bauhof nur die Hälfte der Bediensteten auf die Schaufeln stützte, kann über den Fortgang mancher Bauarbeiten nur den Kopf schütteln. Und bei der Bahn scheinen nachts hauptsächlich Graffiti-Schmierer zu Gange zu sein.
Baustellen überall – Fortschritt nirgends
Wer einen sicheren Arbeitsplatz auf ergonomisch geformten Stühlen schätzt, sollte heutzutage bei den Planungsämtern anheuern. Denn im Straßen- und Schienenbau gewinnen die Dauerplaner und Hütchensteller gegenüber Arbeitern zunehmend die Oberhand. Die Dichte an Absperrtechnik ist oft atemberaubend. Schrankenzäune, Baken, Bakenleuchten, Fußplatten, Traversen und Zurrgurte finden bei uns reißenden Absatz und sind wohl weltweit in dieser Art einzigartig. Mancher Beobachter erkennt in den Anordnungen gar Kunst am Bau.
Mitte September nahmen die Staus und der Schilderwald an der Prinz-Max-Kreuzung in Bruchsal, der Schnittstelle von B3 und B35, fast bedrohliche Ausmaße an. In fast alle Richtungen und von allen Seiten waren Umleitungsschilder installiert oder gar auf schon bestehende Umleitungsschilder aufgeschraubt. Die schiere Zumutung. Und so mancher fragte sich, ob dies für die ohnehin gestressten Verkehrsteilnehmer überhaupt noch als verkehrssicher anzusehen war, wechselten doch einige im letzten Moment die Fahrspur, um dann zu erkennen, dass der ursprünglich eingeschlagene Weg der bessere gewesen wäre. In wohl keinem anderen Industriestaat wird Kraftfahrern auf ähnlich undurchsichtige Art erklärt, dass sie eine gesperrte Autobahnzufahrt auch auf Umwegen nicht erreichen können.
Deutschland plant, sperrt und wartet
Ebenso nerven Brückenprojekte und es geht bei Instandsetzungen oft kaum voran. Nicht wenige fragen sich in Bruchsal, weshalb sich die kostspielige Sanierung der Saalbachbrücke an der Moltkestraße jahrelang hinzog oder warum die Ersetzung der Bahnüberführung Richtung Heidelsheim aufgrund von recht unkoordinierten Sperrzeiten fast anderthalb Jahre dauern muss. In Heidelsheim selbst werden Autofahrer angehalten, mit 10km/h über die marode Altenbergbrücke zu schleichen. Dabei verlässt sich die Verwaltung auf das Verantwortungsbewusstsein der Verkehrsteilnehmer und scheint damit aber eher selbst verlassen.
Auch bei der Deutschen Bahn selbst kommen Infrastrukturprojekte bestenfalls schleichend voran, was angesichts der Tatsache, dass deren Management als Resterampe für abgehalfterte Staatsdiener und Politiker dient, nicht verwundert. Der Fisch stinkt vom Kopf her und selbst die engagiertesten Bahnhofswärter, Lokführer und Kontrolleure bekommen die Wut der Kundschaft zu spüren. Jeder kennt Stuttgart21 und das Versagen der Zuständigen, welches selbst ideologisch verbohrten Gegnern großer Modernisierungsvorhaben geradezu in die Karten spielt. Leider sind andere Projekte vor unserer Haustür fast noch hanebüchener. Wissen Sie, seit wann am viergleisigen Ausbau der Rheintalstrecke Karlsruhe-Basel gewurstelt wird? Seit 1970 plant die Bahn und 1973 beschloss der Bundestag in Bonn, das Vorhaben in den Verkehrswegeplan aufzunehmen. Immerhin sind inzwischen schon schlappe 67 von knapp 200 Kilometern der Strecke fertiggestellt! In diesem Tempo ist sicherlich damit zu rechnen, dass die Gleise Ende des Jahrhunderts durchgehend befahrbar sind. Soll noch einer sagen, man denke nicht an die zukünftigen Generationen.
Stillstand wird zum Dauerzustand
Wer sein Berufsleben damit verbringen will, Stillstand statt Mobilität zu verwalten, scheint in den Planungs- und Gutachterstäben der Bahn bestens untergebracht. Oder in einer der gutdotierten Marketingabteilungen, die zunehmend dazu dienen, Versagen in Watte zu packen oder aufzuhübschen. Schlimm nur, dass sich viele Bürger inzwischen mit diesen Zuständen abfinden und Kritik als Gemotze betrachten.
Dies alles lässt für die gegenwärtigen Planungen der neuen Güterbahntrasse zwischen Mannheim und Karlsruhe nicht nur Gutes erwarten. Transparenz und Bürgernähe zeichnen unsere Demokratie aus, aber Bürgerbeteiligung ersetzt schlussendlich nicht die Notwendigkeit richtungsweisender politischer Entscheidungen. Schon jetzt formiert sich einiger nachvollziehbarer Widerstand seitens der tangierten Gemeinden gegen die derzeit präferierte Ausbauvariante R4, wenngleich das Projekt meist grundsätzlich gutgeheißen wird, will man doch mehr Güter auf die Schiene bringen. Man darf gespannt sein, haben doch auch Naturschützer Bedenken angemeldet. Allen voran Agnus-Vertreter Michael Hassler, der besser als jeder andere zu wissen meint, welcher Wald in Obergrombach den Windrädern gefälligst zu weichen hat und welche Sandrasen in Wiesental dem Schienenverkehr keineswegs geopfert werden dürfen. Seit Mitte des Jahres wird beim Regierungspräsidium Karlsruhe zu R4 ein hauseigenes Gutachten erstellt. Ob dieses noch 2026 vorliegen wird? Wo denken Sie hin! Dann wohl wenigstens 2027? Damit sei zu rechnen, lautet die sybillinische Antwort aus Karlsruhe.
Übrigens ist es ein böswilliges Gerücht, dass eine chinesische Baufirma für das Brückenprojekt in Heidelsheim angefragt wurde, die Firma aber die Übernahme der Bauarbeiten mit der Begründung ablehnte, für einen derart überschaubaren Auftrag, der sich in einer knappen Woche erledigen ließe, schicke man nicht extra Personal nach Deutschland.
Aus RegioMagazin WILLI 10/2026 | Text: Hubert Hieke










