Zweimal zusammengesetzt: Die erstaunliche Geschichte eines Bruchsaler Soldatenbildes

BRUCHSAL, AUGUST 2026 |

Ein Bild, zwei Kunststücke, ein Reservistenbild aus dem Jahr 1913 erzählt gleich zwei Geschichten: von erstaunlich früher Bildbearbeitung und von einer Restaurierung, die das zerrissene Werk mehr als 100 Jahre später wieder zusammenfügte.

 

Von Regina Bender, Städtisches Museum, Bruchsal

Wenn Sie sich fragen, wie das hier passieren konnte, geht es Ihnen wie uns. Diese Stiftung einer Fotografie haben wir etwas ratlos entgegengenommen. 
Vom Stifter erfuhren wir nur, dass er das Objekt aus dem Jahr 1913 in zerfetztem Zustand von einem Freund erhalten hat. Vielleicht sollte das Bild entsorgt werden und man besann sich dann doch seines geschichtlichen Werts?

Die Antwort bleibt wohl im Dunkeln, die Bedeutung dieses Neuzugangs für die Städtische Sammlung ist allerdings dennoch groß, weshalb das Objekt nach Eingang von einem auf Papier und Fotografie spezialisierten Restaurator bearbeitet wurde. 
Dabei fand zunächst eine Trockenreinigung statt, wonach die Bruchstücke zusammengesetzt und mit säurefreien Materialien geklebt wurden. Zuletzt wurden Fehlstellen ergänzt und farblich angeglichen. Die Fotografie befindet sich dadurch wieder in einem Zustand, in dem sie stabilisiert und konservierbar ist.

Aber was ist überhaupt so besonders an dem Bild, dass man diesen restauratorischen Aufwand betreiben sollte?

Zu sehen sind Reservisten der 2. Eskadron des 2. Badischen Dragoner-Regiments Nr. 21, welches in Bruchsal stationiert war. Es handelt sich also um ein sogenanntes Reservistenbild, das als Erinnerung an die aktive Dienstzeit der Abgebildeten angefertigt wurde, bevor sie ins zivile Leben entlassen wurden. Dabei entstand ein ganzer Souvenir-Kult, der außer in Form solcher Fotografien auch verewigt auf Krügen, Gläsern und weiteren Objekten an die Dienstzeit und die damit verknüpften Freundschaften erinnerte. Häufig wird diese Zeit der militärischen Ausbildung dabei glorifiziert und unter den Aspekten „Pflichterfüllung“ und „Kameradschaft“ überhöht.

„Es lebe hoch das Regiment, das sich mit Stolz das gelbe nennt!“,

prangt im Vordergrund der Männer und zeugt von Prestige und Ansehen, den der Militärdienst mitbrachte. Ganz im Sinn der kaiserzeitlichen Gedankenwelt werden Militär, Kampf und Krieg mit Männlichkeit und Disziplin assoziiert – weitgehend ohne Problematisierung dieser Interpretation. Wer nicht gedient hatte, trug einen gesellschaftlichen Makel. Leicht verständlich also, dass die hier Abgebildeten ihre Dienstzeit mit Stolz beendeten und diesen Moment auf damals vergleichsweise aufwändigen Fotografien festhielten.

Mit Skalpell und Pinsel:
So ging Bildbearbeitung um 1910

Apropos Fotografie: Ganz exakt ist diese Bezeichnung nicht, denn wenn Sie sich die Anordnung der Männer einmal genauer anschauen, bemerken Sie sicher Unstimmigkeiten. So passt bei manchen der Soldaten die Proportion zueinander nicht oder die Konturen der Männer sind allzu scharf ausgeschnitten. Was Sie hier sehen, ist nichts anderes als Bildbearbeitung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Einfachheit halber wurden nämlich nicht alle Soldaten gleichzeitig für eine Aufnahme versammelt, sondern Einzelbilder oder Gruppenfotos wurden ausgeschnitten und auf einer bearbeiteten Vorlage angeordnet und aufgebracht – in diesem Fall mit Blick auf das Bruchsaler Schloss in romantisierender, pittoresker Manier. Geschlossene Augen oder andere Unschärfen ließen sich so vermeiden und die Fotomontagen konnten schließlich beliebig oft vervielfältigt werden.

Besonders ist, dass die gekitteten Risse und Fehlstellen, die fortan als restaurierte Bereiche mit zur Objektgeschichte gehören, uns auch etwas über den Wandel der Bedeutung von Kriegsführung und des Kults um solche Erinnerungsstücke erzählen: Damals als wichtiges Statussymbol und Dokumentation der eigenen Männlichkeit, findet sich dasselbe Objekt heute in zerrupfter und beschädigter Form in einem Museum wieder, wo es uns Anlass dazu gibt, über eine überkommene Assoziation von Gewalt mit Heroismus und Tugend nachzudenken.

Seit dieser Ausgabe heißt unser „Bruchsaler Kulturfenster“ jetzt treffender „Bruchsaler Geschichtsfenster“. Mit diesem Format geben der Landfunker, das Stadtarchiv und das Städtische Museum regelmäßig Einblicke in Kunst, Geschichte und Alltagskultur. Alle 14 Tage mittwochs öffnet sich ein neues Fenster – mal mit einem Objekt, mal mit einer Geschichte, mal mit einem Blick wie diesem: Auf eine liebenswerte, längst vergessene kleine Stadtgeschichte.

★ Landfunker als bevorzugte Google-Quelle festlegen

Kommentiere gern zu diesem Thema

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Oft geklickt

BRUCHSAL 1. MÄRZ 1945 | Als der 16-jährige Josef um sein Leben rannte …

Filmbericht | Am 1. März 1945 erlitt die Stadt...

Landfunker 2.0 ist da

Sie haben es schon bemerkt? Landfunker 1.0 geht nach...

Das große Bauen – Ab Montag, 3.8. ist Bauabschnitt 1 gesperrt

BRUCHSAL, 19. Juni 2026 | Auf Autofahrerinnen und Autofahrer...

Kommentare zu Beiträgen

Anzeige

spot_img
spot_img
spot_img

Auch interessant

Es gibt noch mehr zu entdecken

spot_img