EPPINGEN, im August 2026 | Am Anfang ist da vor allem Haut. Dann kommt ein Pinsel. Ein Strich, noch einer, Farbe über Farbe. Nach einigen Stunden steht dort kein Mensch mit ein bisschen Schminke, sondern ein Racheengel, eine Fantasiegestalt oder eine Figur, die irgendwo zwischen Gemälde, Theater und optischer Täuschung zu Hause sein könnte.
Pinsel, Airbrush, Farbe und ziemlich viel Geduld: Willkommen beim Bodypainting in Eppingen. Oder, wie es die Beteiligten selbst nennen: bei der Magie der Körperkunst. Beim 3. Internationalen Bodypainting Event auf der Schwanenwiese verwandelten Künstlerinnen und Künstler aus zahlreichen Ländern ihre Models in lebende Kunstwerke. KraichgauTV war als offizieller Partner drei Tage lang mittendrin.
Zum dritten Mal wurde die Schwanenwiese zum Treffpunkt der internationalen Bodypainting-Szene. Die erste Ausgabe hatte 2022 während der Gartenschau stattgefunden. Ein paar Jahre später ist das Gartenschau-Gefühl an diesem Wochenende wieder da, nur dass diesmal einige der auffälligsten Blumen zwei Beine haben und später zum Fotoshooting gehen.
Aus nackter Haut wird eine Leinwand
Künstlerinnen und Künstler aus Mexiko, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Wales, Großbritannien, Deutschland, Österreich, Frankreich, der Schweiz und China waren nach Angaben der Veranstalter dabei. Unter ihnen befanden sich mehrfach ausgezeichnete Bodypainter und Weltmeister ihres Fachs.
Gemalt wird mit Pinsel und Airbrush, mit feinen Linien ebenso wie mit kräftigen Farbflächen. Was dabei entsteht, hat mit bloßer Bemalung bald wenig zu tun. Körperformen verschwinden optisch, andere Konturen entstehen. Arme werden Teil eines Motivs, Rücken zur Bildfläche und Gesichter zum letzten Puzzlestück einer Figur.
Das Publikum kann dabei zusehen. Und zwar nicht erst, wenn alles fertig und fototauglich ist, sondern schon während der langen Stunden davor. Genau darin liegt ein besonderer Reiz des Festivals: Kunst entsteht hier nicht hinter einer Ateliertür. Man sieht ihr beim Werden zu.
Tatjana Hilker, eine der Hauptorganisatorinnen, beschreibt diesen Moment als „Explosion der Kreativität“. Aus einem Menschen werde vor den Augen der Zuschauer eine lebendige Fantasiefigur.
Was auf den fertigen Bildern federleicht aussehen kann, verlangt allerdings Ausdauer. Vier bis sechs Stunden dauert ein Ganzkörper-Painting häufig, mitunter sitzen oder stehen die Models noch länger Modell. Bei sommerlichen Temperaturen wird daraus durchaus eine körperliche Aufgabe. Pausen, Bewegung und ein aufmerksames Team gehören deshalb dazu.
Das Kunstwerk hat ein eingebautes Verfallsdatum
Und dann kommt die vielleicht merkwürdigste Eigenschaft dieser Kunst: Kaum ist sie vollendet, läuft ihre Uhr bereits ab.
Ein klassisches Gemälde kann Jahrhunderte überstehen. Beim Bodypainting genügt am Abend warmes Wasser. Stundenlange Präzisionsarbeit, unzählige Pinselstriche und eine Idee, die einen ganzen Körper verwandelt hat, verschwinden wieder in der Dusche.
Ein beteiligter Künstler bringt es im Gespräch mit Matthias Kampp von KraichgauTV auf einen bemerkenswerten Vergleich: Bodypainting sei eine „Riesenübung in Sachen Loslassen“. Er erinnert dabei an buddhistische Sandmandalas, die über lange Zeit geschaffen und anschließend bewusst wieder zerstört werden.
Ganz verloren geht das Werk in Eppingen allerdings nicht. Denn nach dem Painting beginnt der zweite Teil der Arbeit: die Fotografie.
Fünf Stunden Farbe, ein Abend unter der Dusche: Bodypainting verzaubert Eppingen
Im Schwanensaal war dafür ein professionelles Fotostudio eingerichtet. Neben den offiziellen Fotografen konnten sich auch weitere Profi- und Hobbyfotografen anmelden. Plötzlich treffen zwei Kunstformen aufeinander. Die einen haben den Körper gestaltet, die anderen müssen Licht, Perspektive, Pose und den richtigen Sekundenbruchteil finden.
Die Kamera dokumentiert dabei nicht einfach nur das Painting. Im besten Fall entsteht etwas Eigenständiges. Das Foto wird zum zweiten Kunstwerk, und aus einer Arbeit, die am Abend verschwindet, bleibt ein Bild.
Für manche Produktionen reichte eine Studiowand allerdings nicht. Die bemalten Models zogen mit den Fotografen durch Eppingen. Ein altes Fachwerkhaus, die Frankenburg, wurde ebenso zur Kulisse wie die kupfernen Kessel der örtlichen Brauerei Palmbräu. Auch der zur Gartenschau 2022 entstandene Weiherpark lieferte Motive.
Und spätestens dort wird klar: Ein gutes Bodypainting braucht mehr als jemanden, der hervorragend malen kann. Das Model muss das Werk tragen, sich bewegen, posieren und ihm Präsenz geben. Nach mehreren Stunden stiller Geduld beginnt damit ausgerechnet dann der aktive Teil, wenn andere vermutlich längst nach einem Stuhl suchen würden.
Vom Racheengel bis zum Action Painting
Die Motive reichen von farbenprächtigen Fantasiegestalten bis zu Arbeiten mit einer Botschaft. Ein düster gestalteter „Racheengel der Tiere“ etwa thematisierte den Umgang des Menschen mit Tieren und Natur. Rund fünf Stunden dauerte allein dieses Painting.
International wurde es nicht nur auf dem Papier. Eine Künstlerin aus China, die in Hongkong lebt, verband ihre Reise nach Europa mit dem Festival in Eppingen. Beim Bemalen bekam sie Unterstützung durch einen jungen Assistenten, der sich um den Rücken des Models kümmerte. Nachwuchsförderung kann beim Bodypainting offenbar ziemlich direkt aussehen.
Beim Action Painting wiederum dreht sich die Dramaturgie noch einmal um. Die Models werden zunächst grundiert, anschließend entsteht das eigentliche Werk spontan in Aktion. Farbe wird hier weniger geduldig aufgetragen als regelrecht ins Bild gesetzt. Das Ergebnis entwickelt sich vor den Augen des Publikums.
Zum Tagesabschluss wechselte schließlich auch noch das Licht: Beim Schwarzlicht-Bodypainting entfalteten Farben und Motive unter UV-Licht eine völlig andere Wirkung.
Drei Tage Kunst, die nicht bleiben will
Vielleicht ist es genau dieser Widerspruch, der Bodypainting so reizvoll macht. Da investieren Künstler und Models Stunden in ein Werk, von dem alle Beteiligten wissen, dass es keinen dauerhaften Platz an einer Wand bekommen wird. Die Leinwand lebt, bewegt sich, schwitzt, posiert und geht am Ende duschen.
Was bleibt, sind Fotografien, Filmaufnahmen und Erinnerungen an drei Tage, an denen Eppingen zur internationalen Bühne für Körperkunst wurde. KraichgauTV hat das Festival als offizieller Partner begleitet, mit Kameras im Zelt, bei den Shootings und an ungewöhnlichen Schauplätzen der Stadt.
Im Video lässt sich deshalb etwas beobachten, das ein fertiges Foto kaum erzählen kann: der Weg von der ersten Farbe auf nackter Haut bis zu jenem Moment, in dem plötzlich eine Figur vor der Kamera steht, die ein paar Stunden zuvor noch gar nicht existierte.
Und wer danach auf den Geschmack gekommen ist und beim nächsten Mal nicht nur zuschauen möchte, findet weitere Informationen beim Veranstalter unter Artificium Eppingen: artificium-eppingen.de.
















