BRUCHSAL, OKTOBER 2026 | Ein Fragment eines steinzeitlichen Tulpenbechers aus dem Bruchsaler Stadtgebiet verbindet die Geschichte der Michelsberger Kultur mit der Zerstörung des Bruchsaler Schlosses im Jahr 1945. Das unscheinbare Fundstück erzählt dabei nicht nur von einer mehr als 6.000 Jahre zurückliegenden Vergangenheit, sondern auch von seiner eigenen ungewöhnlichen Geschichte.
Von Regina Bender, Städtisches Museum, Bruchsal
Wie viel Geschichte passt in eine Tonscherbe?
Manchmal sind es die unscheinbarsten Objekte, die die spannendsten Geschichten erzählen können. So wie hier. Auf den ersten Blick ist dieses Objekt nicht allzu spektakulär. Reiche Verzierungen fehlen und auch ansonsten fällt dieser Gegenstand eher durch seinen fragmentarischen Charakter auf. Dahinter versteckt sich jedoch so viel Geschichte! Haben Sie ein paar Minuten Zeit? Dann erzähle ich sie Ihnen.

Ein Tulpenbecher aus der Jungsteinzeit
Dieses Objekt ist das Fragment eines steinzeitlichen Tulpenbechers. Die Becherform erinnert an eine Tulpenblüte und ist charakteristisch für die Michelsberger Kultur, eine jungsteinzeitliche Kultur, deren Siedlungsspuren zwischen ca. 4.500 und 3.500 v. Chr. entstanden und sich auf eine relativ große Fläche zwischen Pariser Becken und Süddeutschland ausdehnten.
Sie denken beim Blick auf dieses Objekt sicher, dass der Vergleich mit einer Tulpenblüte sehr weit hergeholt ist, aber dazu muss man wissen, dass beim vorliegenden Stück ein recht großer Teil des Gefäßes fehlt. Es handelt sich nämlich lediglich um den unteren Teil des Bechers, der nach oben hin noch weit ausgekragt wäre und sich trichterförmig geöffnet hätte. Dadurch entsteht eine Becherform, die unten rund ist, dann schlauchförmig und nach oben hin weit ausladend. Da denkt man schon eher an eine Tulpenblüte, die diesen infundibuliformen Charakter – so lautet der etwas ulkige Fachbegriff aus der Botanik für trichterförmige Blüten – optimal beschreibt.
Die Form verrät das Alter des Bechers
Der Hinweis auf die Michelsberger Kultur ist aber nicht das einzige, das die Tulpenform preisgibt. Sie zeigt uns auch, aus welcher Phase der jeweilige Becher stammt. Dieses Fragment mit langgezogenem, schmalem Mittelteil gehört zum spätesten Typ, der gegen Ende der Michelsberger Kultur populär war. Frühere Entwicklungsphasen des Tulpenbechers sind für einen breiteren Mittelteil und eine insgesamt offenere Trichterform bekannt und können im Städtischen Museum besichtigt werden (aktuelle Öffnungszeiten unter museum@bruchsal.de).

Das vorliegende Stück wurde bei Grabungen gefunden, die 1909 im östlichen Bruchsaler Stadtgebiet, genauer gesagt im Bereich „Scheelkopf“ bzw. „Steinbruch Grundel“ durchgeführt wurden. Natürlich trat das Gefäß in Einzelteilen, also Scherben, zu Tage. Früher hat man leider versucht, solche Fragmente möglichst originalgetreu zu ergänzen, damit sie letztlich intakt und nicht selten „wie neu“ aussehen. Hiervon ist man glücklicherweise gänzlich abgekommen und hat erkannt, dass solche Bearbeitungen den Objekten mehr schaden als nützen und ihnen ihre historische Aussagekraft teils vollständig nehmen. Ergänzende Arbeiten ereilten aber auch unser Becherfragment, das zwar nicht als Tulpenblüte rekonstruiert wurde, bei dem aber Fehlstellen durchaus ausgefüllt und bemalt wurden. Auf dem Foto der alten Inventarkarte ist der ursprüngliche Zustand mit der ein oder anderen Fehlstelle noch zu erahnen.
Dennoch lassen sich Form und Beschaffenheit des Originals gut erkennen und vor allem sieht man eines: eine kleine Knubbe, zu der es auf einer fehlenden Scherbe vermutlich noch eine zweite gab, ein Knubbenpaar sozusagen, welches in der Forschung als Hinweis auf die weibliche Brust interpretiert wird. Diese Doppelknubben und ihr Hinweis auf weibliche Brüste sind aus Nachbarkulturen der Michelsberger Kultur bekannt und wurden von diesen vermutlich übernommen. Das Bruchsaler Becherfragment wäre dadurch zu den anthropomorphen – also menschenähnlichen – Artefakten zu zählen und würde damit zu einer sehr kleinen, aus dem Verbreitungsgebiet erhaltenen Gruppe von Bechern gehören, die diese Verzierung aufzeigen.
Dieser Umstand ist jedoch nicht das einzige, das die Geschichte dieses Objektes so reich macht, denn die gesamten Funde aus der Ausgrabung von 1909 gehören zu den Kriegsverlusten von 1945 – bis auf dieses Becherfragment. Nach aktuellem Kenntnisstand konnte lediglich dieser Teil eines Tulpenbechers mit Brandspuren in den Trümmern des Bruchsaler Schlosses wieder gefunden und für den Sammlungsbestand gesichert werden.
Eine Objektgeschichte über mehr als 6.000 Jahre
Sie sehen also: Auch wenn es sich hier auf den ersten Blick einfach nur um ein paar zusammengeklebte Tonscherben handelt, birgt diese Keramik doch eine Geschichte, die über 6.000 Jahre überspannt und uns nicht nur vom Alltag einer längst vergangenen Kultur berichtet, sondern die Biografie dieses Stücks im 20. Jahrhundert fortschreibt. Heute erzählt es uns vom Alltag und der Entwicklung einer alten Kultur, aber auch von Verlust, Zerstörung und einem Neuanfang.
Mit diesem Format geben der Landfunker, das Stadtarchiv und das Städtische Museum regelmäßig Einblicke in Kunst, Geschichte und Alltagskultur. Alle 14 Tage mittwochs öffnet sich ein neues Fenster – mal mit einem Objekt, mal mit einer Geschichte, mal mit einem Blick wie diesem: Auf eine liebenswerte, längst vergessene kleine Stadtgeschichte.








