In der Werner-von-Siemens-Straße 42 plant die Stadt eine zentrale Unterkunft für Menschen ohne eigenes Zuhause. Der Gemeinderat hat einstimmig zugestimmt. Das Vorhaben soll jahrelange Übergangslösungen ersetzen und bessere Betreuung ermöglichen. Zugleich stellt sich die Frage, wie ein gutes Zusammenleben mit der Nachbarschaft gelingen kann.
Bruchsal, Oktober 2026 (muc). Wer seine Wohnung verliert und sich nicht selbst helfen kann, braucht zunächst einen sicheren Platz zum Schlafen. Diesen muss die Stadt bereitstellen. In Bruchsal wird das zunehmend schwieriger: Alte Gebäude sind marode, Mietverträge laufen aus, vorübergehend genutzte Wohnungen fallen weg. Mit einer neuen Unterkunft in der Werner-von-Siemens-Straße 42 will die Stadt deshalb längerfristig vorsorgen.
Am 29. September stimmten nun alle 32 anwesenden Stimmberechtigten im Gemeinderat dem Konzept zu. Es gab weder Gegenstimmen noch Enthaltungen. Die Verwaltung soll die Planung nun weiter umsetzen.
Was in der Werner-von-Siemens-Straße entstehen soll
Die Stadt plant nun das Gebäude erwerben und grundlegend zu sanieren. Bis zu 96 Menschen sollen dort Platz finden: Menschen, die obdachlos geworden sind, und geflüchtete Menschen, für deren weitere Unterbringung die Stadt zuständig ist. Geplant sind sieben Wohnbereiche, die sich bei Bedarf voneinander trennen lassen, etwa für eine getrennte Unterbringung von Frauen und Männern. Dazu kommen Küchen, Duschen und Toiletten, barrierefreie Räume sowie Platz für Beratung und Betreuung.
Für Sanierung und Umbau veranschlagt die Stadt rund fünf Millionen Euro. Das Geld soll im Haushalt 2027/2028 eingeplant werden. Der Kaufpreis ist in den veröffentlichten Unterlagen nicht genannt und in dieser Summe nicht ausgewiesen. Wann die Unterkunft eröffnet werden könnte, steht noch nicht fest.
Bisherige Lösungen reichen nicht mehr
Der Bedarf ist seit Jahren hoch. Zwischen Anfang 2016 und Juli 2026 brachte Bruchsal durchschnittlich 83 obdachlose Menschen gleichzeitig unter, zeitweise waren es 118. Die Verwaltung sucht nach eigenen Angaben seit 2021 nach einem geeigneten dauerhaften Standort. Auch eine zwischenzeitlich geplante Lösung in Untergrombach wurde aus Kostengründen verworfen. Nun drängt die Zeit. Die Häuser Orbinstraße 18 und 22 sollen abgerissen werden; ihre Sanierung hält die Stadt für unwirtschaftlich. Die Container am Eisweiher wurden bereits im Sommer abgebaut. Weitere angemietete Wohnungen stehen nur noch vorübergehend zur Verfügung.
Zunächst soll das Gebäude in der Schnabel-Henning-Straße 34 mit 70 Plätzen helfen. Laut Sitzungsvorlage sollten die ersten Umzüge aus der Orbinstraße noch im September beginnen. Doch spätestens Ende September 2029 läuft auch diese Übergangslösung aus. Ohne Ersatz blieben nach der städtischen Berechnung dann nur rund 32 Plätze. Für den Gemeinderat geht es damit um eine Aufgabe, die sich kaum weiter aufschieben lässt: Die Menschen brauchen weiterhin ein Dach über dem Kopf, gerade weil die bisherigen Unterkünfte schließen.
Wird sich die Gesamtsituation an einem feste Standort verbessern?
Die Stadt verspricht sich von dem eigenen Gebäude mehr Sicherheit bei der Planung und niedrigere laufende Kosten. Kurzfristig angemietete Pensionszimmer sind teuer. Wie viel sich mit der neuen Unterkunft tatsächlich sparen lässt, ist allerdings noch nicht beziffert. Ebenso wichtig ist die Betreuung. Wer Schulden hat, mit einer Suchterkrankung lebt oder gesundheitliche Hilfe braucht, benötigt häufig mehr Unterstützung als nur ein Zimmer. Am neuen Standort sollen Sozialarbeiter beraten und passende Hilfen vermitteln, stellt sich das Stadtkonzept vor. Hauswarte sollen ansprechbar sein und frühzeitig eingreifen, wenn Konflikte entstehen. Das Ziel bleibt, den Menschen wieder ein möglichst selbstständiges Leben zu ermöglichen – wenn möglich in einer eigenen Wohnung. Die neue Unterkunft soll dauerhaft zur Verfügung stehen, für ihre Bewohner aber möglichst eine Zwischenstation bleiben, beschreibt die Stadt in den öffentlichen Ratsunterlagen.
Die Sorgen der Nachbarn verdienen Antworten
Bis zu 96 Menschen, teils mit erheblichen persönlichen und sozialen Problemen, an einem Standort? Wie kann das gut gehen? Wird es nachts lauter? Kommt es erneut zu Verschmutzungen, Streit oder sogar Straftaten? Wird es vielleicht sogar noch dramatischer, da noch viel mehr Menschen hier auf einem Raum untergebracht werden sollen? Wer kümmert sich, wenn Probleme auftreten?
Warum sollte es in der neuen Unterkunft anders laufen als bisher z.B. in der Orbinstraße? Die Liste an Vorkommnissen ist lang: 2016 musste die Feuerwehr bei einem Brand im städtischen Obdachlosenheim sieben Menschen über Leitern retten; vier kamen ins Krankenhaus. 2018 erforderte ein weiterer Küchenbrand eine Menschenrettung und die vorübergehende Unterbringung betroffener Bewohner an anderer Stelle. Im März 2019 eskalierte ein Streit zwischen zwei Mitbewohnern: Ein alkoholisierter Mann soll mit einem Messer hantiert haben, sein Gegenüber schlug zu.
Auch in jüngerer Zeit gab es schwere Vorfälle in der Straße: Im August 2024 wurde ein Mann von mehreren Angreifern schwer verletzt. Wenige Tage später versperrte der Rauch einer brennenden Mülltonne zehn Menschen den Ausgang eines Hauses. Im September 2026 wurde ein weiterer Mann mit schweren Verletzungen auf der Straße gefunden. Nicht bei jedem dieser Fälle ist geklärt, welcher Zusammenhang mit den Unterkünften bestand.
Die künftigen Nachbarn werden Antworten verlangen: Wer greift bei Konflikten ein? Wie schnell ist auch abends oder am Wochenende Hilfe erreichbar? Wie viel Personal ist vor Ort? Wer ist abends und am Wochenende erreichbar? Wie wird bei Gewalt, Suchtproblemen oder psychischen Krisen reagiert? Und an wen können sich Nachbarn wenden?
Entscheidend wird deshalb sein, wie die Unterkunft geführt wird. Die veröffentlichten Planungsunterlagen beantworten diese Fragen bisher nur teilweise. Konkrete Angaben zu Personalstärke und Anwesenheitszeiten fehlen noch.
Einen Königsweg gibt es nicht. Ein gemeinsamer Standort kann Hilfe leichter erreichbar machen und die Organisation vereinfachen. Er verlangt aber auch verlässliche Betreuung, klare Regeln und schnelle Reaktionen auf Beschwerden.
Mit seinem einstimmigen Beschluss hat der Gemeinderat eine Richtung vorgegeben. Bei der weiteren Planung kommt es darauf an, die Menschen mitzunehmen, die dort wohnen werden – und diejenigen, die bereits in der Nachbarschaft leben. Beide brauchen die Gewissheit, dass ihre Sicherheit und ihre Sorgen ernst genommen werden.












In der ehemaligen Landesfeuerwehrschule wäre deitlich mehr Platz gewesen. Schade.
In beispielloser Ignoranz ging eine Abstimmung des Bruchsaler Gemeinderats, am 29.09.26, zugunsten des Kaufs einer Immobilie in der Werner von Siemens Straße in Bruchsal
für eine Massenunterkunft für Obdachlose in die nächste Runde.
Wie konnte so leichtfertig über eine derartige Investition entschieden werden, ohne sich konkret mit dem Scheitern einer ähnlichen Einrichtung für Obdachlose, in der Orbinstraße in Bruchsal, auseinanderzusetzen?
Was in der Vergangenheit mit 30 Hausbewohner: innen nicht funktioniert hat, wird in Zukunft mit dreimal so vielen Hausbewohnern ganz bestimmt klappen. Vermutlich. Schaun ma mal. Und Platz zum Auffüllen möglicher zusätzlicher Wohncontainer gäbe auf dem Areal der Wunschimmobilie, als „Mini- Ghetto“, auch.
Konflikte können vermieden werden, wenn aus der Geschichte bestenfalls gelernt wird.
Warum ist das Projekt in der Orbinstraße in Bruchsal gescheitert?
Warum ist das Wohnprojekt für Obdachlose in Büchenau gescheitert?
Warum beschäftigt die Stadt Bruchsal Sozialarbeiter: innen, die seit Jahren bedingt ihres fundierten Hochschulstudiums, auf Lösungen hinweisen und nicht gehört werden wollen?
Warum hat das Julius- Itzel- Haus die Einzelzimmer- Belegung ihrer Wohneinrichtung für Obdachlose Menschen, die coronabedingt eingeführt wurde, nach der Pandemie beibehalten?
Obdachlose- und wohnungslose Meschen sind laut SEEWOLF- Studie bis zu 90% von mindestens einer psychiatrischen Erkrankung betroffen: Alkoholabhängigkeit, Drogen- und Medikamentenmissbrauch, Persönlichkeitsstörungen, Depression, Angst- und Traumafolgestörung, Psychosen und schizophrene Erkrankungen.
Die Einzelzimmerbelegung(en) meidet „Trigger- Punkte“, die derartige Erkrankungen zusätzlich belasten und wirkt deeskalierend. Dazu tragen auch kleinere Wohneinrichtungen bei, die unterschiedliches Klientel bedienen können: Frauen, Männer, jugendliche Obdachlose, ältere und körperlich erkrankte Menschen.
Die Einzelzimmerbelegung kam in der Vergangenheit, trotz eingehender Gespräche mit der Sozialarbeit, in Bruchsal nicht zustande. Der Grund hierfür war laut Ordnungsamt, von regelmäßigen Polizeieinsätzen einmal abgesehen: Geld.
Dieser Sparmaßnahme bleibt sich die Stadt Bruchsal, hinsichtlich der Wunschimmobilie in der Werner von Siemens Straße, treu und wird damit die tragischen Eskalationen der vergangenen Jahre, in kleineren Einrichtungen, um ein vielfaches übertreffen.
Wer „zahlt die Zeche“?
Die Obdachlosen, die Polizisten und Polizistinnen, die zu den Einsätzen gerufen werden, Anwohner und Anwohnerinnen inmitten einer Wohnlandschaft und die Steuerzahler.
Letztendlich wird auch die Stadt Bruchsal, die Millionen in eine Massenunterkunft investiert hat, sich früher oder später ihren „Hausaufgaben“ der Konflikte- Bewältigung stellen müssen.
Und der Gemeinderat? Der sollte sich in seiner Aufgabe, als Vertreter „des Volkes“, bewusst darüber sein und sich vor etwaigen Abstimmungen besser informieren.
Die Politik täte gut daran, ob in Berlin oder im Badischen, Fehlentscheidungen einzuräumen und Beschlüsse neu zu überdenken.
B. Gäng