Die internationale Schule

Wussten Sie … dass es in Bruchsal mal eine Internationale Schule gab?

Die Unterhaltungs- und Familienzeitungen des 19. Jahrhunderts waren ein wahres Sammelsurium an Themen: Tagesgeschehen und Geschichtliches, Reisebeschreibungen und Modezeichnungen, Neuigkeiten aus Medizin und Naturwissenschaft, aus Industrie und Landwirtschaft, viele Zeichnungen zur visuellen Unterhaltung und auch ein paar ganzseitige Drucke, die herausgelöst und an die Wand gehängt werden konnten.

 

Von Dr. Tamara Frey, Stadtarchiv, Bruchsal

 

Für Historikerinnen sind diese Massen-Zeitschriften, wie „Die Gartenlaube“ oder „Über Land und Meer“ eine Fundgrube an Alltagsdetails, Geschmacksstudien und Kuriosem. Und zwischen dem neuesten Fortsetzungsroman und einer Zeichnung von der Taufe des Prinzen Baldouin von Flandern findet sich auch hin und wieder ein bisschen vergessene Stadtgeschichte.

So berichtete die Zeitschrift „Über Land und Meer“ vom August 1869 über die Internationale Schule in Bruchsal. Der oder die Autorin (oft blieben die in den Zeitschriften der Zeit anonym), schildert zuerst den malerischen Weg vom „schönen Heidelberg“ mit dem Zug durch den Kraichgau und benennt dabei Bruchsal als den „interessantesten Punkt der Strecke“. Der Bahnhof sei belebt und die Stadt zeichne sich durch sein Schloss, das Zellengefängnis – und eine internationale Schule aus.

Es folgen politisch-philosophische Gedanken über das Element des „Internationalen“ als „friedliche, auf Gegenseitigkeit beruhende Beziehung der Völker“ und die neue Notwendigkeit, mindestens zwei moderne Sprachen zu sprechen. Diese und die Handelswissenschaft standen in der Internationalen Schule in Bruchsal im Zentrum der Ausbildung (die natürlich nur männlichen Jugendlichen zur Verfügung stand). Und gerade für den Unterricht in modernen Fremdsprachen gab es ein besonderes System: An den langen Winterabenden erzählten die Lehrer den Schülern Geschichten auf Deutsch oder Französisch, die durch die Schüler in die jeweils andere Sprache übersetzt werden sollten; Tandems aus einem fremdsprachigen und einem deutschen Schüler erklärten sich gegenseitig Bücher und Bilder und der Geschichtsunterricht wurde nur auf Französisch abgehalten.

Am Ende des dreijährigen Kursus sollten alle Schüler gute schriftliche und mündliche Kenntnisse in Deutsch, Französisch und Englisch vorweisen können.
Die Schule war als Privatschule und Pensionat angelegt, auch die Lehrer wohnten im Schulgebäude. Im Schuljahr 1867/68 besuchten fast 100 Zöglinge das Institut, darunter Franzosen, Amerikaner und Engländer. Nach diesen Beschreibungen folgen im Artikel noch einige eher seltsam anmutende Überlegungen über Genie, Erziehung und Heimatgefühl, die menschliche Seele, Goethe und die Einführung einer allgemeine Weltmünze, die uns aber leider keine weiteren Informationen über die Schule in Bruchsal liefert.

Um mehr herauszufinden, müssen wir Alternativquellen hinzuziehen. In einem kurzen Abriss zur Stadtgeschichte Bruchsal im Adressbuch von 1928 findet sich der Eintrag, dass im Jahr 1864 ein internationales Lehrinstitut von einem Herrn Tur de Sechelles gegründet wurde, das zuerst im Salinengebäude und dann in der Wasserburg auf der Reserve untergebracht war. Tatsächlich findet sich auch auf einer Postkarte ein solcher Vermerk. 1888 wurde das Institut dann nach Waldkirch verlegt.

Gerne würden wir die Zeitmaschine bitten, uns mal zu so einem „Winterabend“ in der Schule zu führen. War das Essen wirklich so kräftig und reichlich, wie der Zeitschriftenartikel schreibt? Mussten die Schüler Zylinder und Frack tragen wie in manchen schweizerischen Internaten der Zeit? Und waren sie dort glücklich? Diese Fragen bleiben leider unbeantwortet.

Unsere Rubrik wurde neu benannt und heißt jetzt „Bruchsaler Geschichtsfenster“. Mit diesem Format geben der Landfunker, das Stadtarchiv und das Städtische Museum regelmäßig Einblicke in Kunst, Geschichte und Alltagskultur. Alle 14 Tage mittwochs öffnet sich ein neues Fenster – mal mit einem Objekt, mal mit einer Geschichte, mal mit einem Blick wie diesem: Auf eine liebenswerte, längst vergessene kleine Stadtgeschichte.

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