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WILLI-Reportage | Kirche kann auch anders!

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Der erste Arbeitstag, die erste Schulstunde: „Alter, nie im Leben is’ die unsere Reli-Lehrerin.“ Und wie sie das ist! Louisa Murr-Säubert entspricht nicht dem typischen Bild, das man von einer Religionslehrerin hat. Die 29-Jährige Bruchsalerin hat knallrot gefärbte Haare, Piercings und Tattoos und trägt gern bunte Kleidung. Sie mag es, mit dem Bild der veralteten Kirche zu brechen. Und das tut sie täglich aufs Neue in ihrem Unterricht.

Offen, chaotisch und empathisch“: Das sind die ersten drei Worte, die Louisa spontan in den Sinn kommen, wenn sie sich selbst beschreiben soll. Jeder, der mit ihr zu tun hat, kann vor allem Letzteres unterschreiben. Die junge Frau mit dem ansteckenden, fast schelmischen Grinsen, strahlt etwas Besonderes aus. Sie ist irgendwie anders. Und wenn sie dann auch noch erzählt, was sie beruflich macht, wars das mit den Stereotypen. Denn Louisa ist keine Künstlerin, keine Musikerin. Sie ist Religionslehrerin.

Seit dem Schuljahr 2021/2022 unterrichtet sie an der Oberstufe einer Berufsschule in Karlsruhe. Zuvor hat sie die Grund- und Mittelstufe betreut. „Das Schuldekanat Karlsruhe bot mir an, einen berufsbegleitenden Master an der evangelischen Hochschule zu absolvieren. Somit darf ich nun an der Heinrich-Hertz Schule unterrichten – und die Berufe der Elektrotechnik und Informationstechnik etwas näher kennenlernen“, erzählt Louisa. Angefangen hat alles im Gefängnis: „Während meines ersten Bachelors Religionspädagogik/Gemeindediakonie durfte ich als Praktikantin in der Gefängnisseelsorge der JVA Bruchsal den Alltag hinter Gittern miterleben. Die Arbeit mit den Menschen dort hat mich nachhaltig beeindruckt. Ich wurde deshalb Schulsozialarbeiterin. Das Unterrichten hat mich jedoch nie losgelassen.“

„Das Leben ist eine Pralinenschachtel“

Also hat sie sich dazu entschlossen, doch Lehrerin zu werden. Und heute ist das Leben für sie – wie Forrest Gump so schön sagt – wie eine Pralinenschachtel. „Man weiß nie, was einen im Alltag als Reli-Lehrerin erwartet. Und das macht diesen Beruf so wunderbar einzigartig!“ Die Bildungspläne zeigen zwar Themen auf, die erarbeitet werden sollen. Wie sie diese Themen letztendlich den Schülern nahebringt, bleibe ihr überlassen. So könne es sein, dass Diskussionsrunden über das ein und selbe Thema in jeder Klasse mit den unterschiedlichsten Erfahrungen, Lebenswelten und Wissen gefüllt würden. „Meine Arbeit beginnt dort, wo Menschen in den Dialog treten“, fasst Louisa treffend zusammen.

Die Bruchsalerin liebt ihren neuen Job und sagt: „Meine Erwartungen an diesen Beruf wurden nicht erfüllt – sie wurden übertroffen.“ Jedoch ist sie auch davon überzeugt, dass der Religionsunterricht dringend Nachwuchs benötigt. „Besonders von starken, selbstbewussten Frauen, die die Kirche so repräsentieren, wie ich sie mir ganz persönlich wünsche.“ Sie selbst hat durch ein Freiwilliges Soziales Jahr zur Kirche und zum Glauben gefunden. „Ich hatte das große Glück mein FSJ in der Paul-Gerhardt-Gemeinde in Bruchsal zu absolvieren. Ich habe dort erlebt, dass ich kritische Fragen über den Glauben, das Christentum und bestehende Zweifel stellen darf und dass mein Glaube durch einen kritischen Blick auch wachsen kann.“ Aber wie gläubig muss man als Religionslehrerin tatsächlich sein? „Das ist eine schwere Frage. Glaube ist individuell. Ich möchte mir nicht anmaßen, den Glauben anderer zu bewerten, oder in ‚viel‘ und ‚wenig‘ einzuteilen.

Voneinander lernen, zuhören, verstehen

Für die Arbeit als Religionslehrerin ist es wichtig, eine offene, wertschätzende und hörende Haltung innezuhaben – die Haltung der Nächstenliebe.“ Für Louisa ist außerhalb des Schulgebäudes der Glaube an Gott ein wichtiger, kraftspendender Teil ihres Lebens, der sie positiv beeinflusst. Zugleich kann sie gut verstehen, wenn Schüler kritische Fragen stellen – und empfindet das sogar als Geschenk: „Kritik fördert und fordert Weitblick, um Bestehendes immer wieder zu beleuchten. Ich bin dankbar um jede dieser Fragen, denn sie zeigen, dass Kirche und Glaube, anders als oftmals dargestellt, in unserer Gesellschaft nach wie vor einen Platz haben.“

Privat engagiert sich Louisa im Bruchsaler Bündnis „Wir für Menschlichkeit“, das sich für eine plurale Gesellschaft einsetzt, die durch einen Austausch der unterschiedlichen Kulturen und Religionen die Bundesrepublik bereichert. Und genau das setzt sie auch in ihrem Unterricht ein: „Ich darf Christen, Juden und Jüdinnen, Moslems und Muslimas, Menschen mit Zugehörigkeit weiterer Religionen aber auch Atheistinnen und Atheisten unterrichten. Und auch hier ist meine Haltung: Vielfältigkeit bedeutet voneinander zu lernen, zuzuhören, verstehen, aber auch auszuhalten und Diskussion zu ermöglichen. Und genau dadurch lerne auch ich jeden Tag aufs Neue dazu.“

Text: Lidija Flick

Fotos: Louisa Schütz, privat

Aus RegioMagazin WILLI 11/2021

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