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WILLI-Reportage | Karriere oder Liebe

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Holler wählte Liebe und bekam die Karriere dazu

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Gerhard Holler, Jahrgang 1930, ist seit mehr als 70 Jahren Mitglied der IG Metall und seit über 60 Jahre SPD-Mitglied. Die Vita des Untergrombachers streifte oft die große Politik.

as Schönste in meiner ganzen beruflichen Laufbahn, das waren sicher die Empfänge, die ich als Sozialattaché der Deutschen Botschaft in Israel geben durfte“, erinnert sich Gerhard Holler, mit einem warmen Lächeln in den Augen und ergänzt: „Mehr als 600 Namen standen bei meiner Verabschiedung in unserem Gästebuch!“ Darunter waren ranghohe Persönlichkeiten wie Verteidigungsminister und vormaliger Regierungschef Jitzchak Rabin, Minister Schimon Peres und natürlich öfters Otto Martin von der Gablenz, der damalige deutsche Botschafter in Israel.

Gerhard Holler mit Ehefrau Gerdi und Bernhard Dithney

Holler hatte 1987 ein Angebot von Außenminister Genscher angenommen und ging zusammen mit seiner Frau Gerdi, geborene Oehler, für fünf Jahre in den diplomatischen Dienst. „Als erstes sorgte ich dafür, dass ich in Tel Aviv ein repräsentatives Haus hatte, das war es mir sogar wert, dass ich einen Teil der Miete aus meinem privaten Einkommen bezahlte. Damit hatten wir eine gute Basis für unsere Arbeit.“, sagt er rückblickend.

1987 kam er in den diplomatischen Dienst

Er setzte sich für die jüdisch-deutsche Aussöhnung ein, indem er zusammen mit dem damaligen Landrat Bernhard Ditteney eine Partnerschaft zwischen dem Landkreis Karlsruhe mit der Region Sha’ar HaNegev ins Leben rief und Kontakt zu zahlreichen ehemaligen Bruchsaler Bürgern jüdischen Glaubens aufnahm. Ein besonderes Highlight war die Organisation von Konzerten des Jugendsinfonieorchester Bruchsal unter der Leitung von Professor Heinz Acker (1992) in Tel Aviv und die Israel-Tournee der Schlossspatzen.

Gerhard Holler und Jitzchak Rabin

Er freut sich so sehr über seine steile Karriere, weil der erfolgreiche Weg in seiner Jugend sehr unwahrscheinlich schien. Er kam 1930 als drittes von sechs Kindern in Untergrombach zur Welt. Die Mutter war Zigarrenmacherin; der Vater, ein Eisenbahner, kam bei einem Bombenangriff im September 1944 ums Leben. Der damals 14-jährige verließ die Schule nach nur 7,5 Volksschuljahren und arbeitete im Jahr 1945 als Bauernknecht bei einer Familie in Obergrombach. So konnte er seiner Familie am Wochenende wenigstens Lebensmittel mitbringen. Aber der junge Gerhard war klug, ehrgeizig und zielstrebig. Er wollte Ingenieur werden, dafür brauchte er zuerst eine Ausbildungsstelle als Mechaniker. „Ich wussten damals nicht, ob man Mechaniker mit oder ohne ‘ck‘ schreibt, aber ich wollte die Stelle!“, erinnert er sich. Sein Glück war es, dass er sie bei der Firma Vereinigte Eisenbahn-Signalwerke (später Siemens) bekam.

Vom Bauernknecht zum Geschäftsführer

Im Alter von nur 23 Jahren wurde er dort zum Betriebsrat gewählt, „mit den zweit meisten Stimmen von rund 4.000 Beschäftigten. Darauf bin ich auch heute noch stolz!“, so Holler. Danach bot ihm Siemens einen sehr lukrativen Job in Argentinien an, aber die Eltern seiner Verlobten waren damit nicht einverstanden, dass sie ins Ausland geht. Er musste eine, nach eigenem Bekunden „der schwersten Entscheidungen im Leben“ treffen: Liebe oder Karriere! Er entschied sich für seine Gerdi – und erhielt die Karriere später trotzdem dazu. Sie bauten sie gemeinsam auf.

Gerhard Holler und Scheich Ben Amor

Der junge Gewerkschafter nutzte gezielt alle Chancen und Möglichkeiten des zweiten Bildungswegs: Fernlehrgänge, Weiterbildung in Arbeitsstudien und ein Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Frankfurt. Nach einem Volontariat in Bruchsal wurde er 1970 zum Geschäftsführer der IG Metall Bruchsal gewählt. Als einen besonderen Höhepunkt aus dieser Zeit, nennt er den Besuch des damaligen Bundeskanzlers Willy Brand in Bruchsal, den er organisiert hatte. Die nächsten Stationen waren die Landesleitung der IG Metall in Stuttgart und ab 1978 die Leitung der größten Gewerkschaftsschulungsstätte in Deutschland in Sprockhövel/Bochum. In diese Zeit fällt sein Treffen mit Lech Walesa, dem damaligen neuen Sekretär der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc und dem späteren Staatspräsidenten Polens.

Er engagierte sich aber auch ehrenamtlich, beispielsweise zehn Jahre lang im Stadtrat, im Kreistag, beim Deutsch-Jüdischen Freundeskreis des Landkreises Karlsruhe und in der Ostakademie. All das würdigte seine Heimatstadt durch die Verleihung der Verdienstmedaille der Stadt Bruchsal.

Text: Margrit Csiky
Fotos: Margrit Csiky, Gerhard Holler privat

Aus RegioMagazin WILLI 11/2021

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