Gesundgepflegt: Blindi ist der jüngste Zugang der Igelstation der Tierhilfe Forst. Das Jungtier wurde angefahren und war in sehr schlechtem Zustand. Dank der fachkundigen Pflege durch Annette Koop ist er mittlerweile außer Lebensgefahr.

WILLI-Reportage | Gefährdete Tierarten – Armer kleiner Igel

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Fossilienfunde in Nordamerika belegen, dass sie seit mindestens 66 Millionen Jahren durch ihre Reviere streifen – in Europa sind sie seit dem Eozän, also seit etwa 56 Millionen nachgewiesen. Vorfahren unserer heutigen Igel begegneten längst ausgestorbenen Tieren wie Dinosauriern, Säbelzahntigern oder Mammuts. Auch den frühen Menschen waren sie vertraut.

40.000 Jahre alt: Igelchen aus Mammutelfenbein

Wahrscheinlich bestand schon damals eine tiefe Beziehung zwischen Mensch und Igel, was das Werk eines der Eiszeitkünstler auf der Schwäbischen Alb vermuten lässt: Er schnitzte vor etwa 40000 Jahren ein kleines Igelchen aus Mammutelfenbein. Die 3,1 cm lange, wohl älteste figürliche Darstellung eines Igels überhaupt wurde von Tübinger Forschern im Jahr 2008 in der Vogelherdhöhle ausgegraben und ist heute im Museum der Universität Tübingen zu sehen.

Damals wie heute legen die nachtaktiven Tiere von der Abenddämmerung bis zum Sonnenaufgang auf der Suche nach Nahrung viele Kilometer zurück. Ihr bevorzugter Lebensraum sind abwechslungsreiche Feld- und Wiesenlandschaften mit Hecken, Gebüschen und Totholz, Ortsränder, naturbelassene Gärten und Bauerngärten. Dort verbringen sie die Nächte mit Futtersuche.

Igel gehören zu den Insektenfressern, ganz besonders mögen sie Laufkäfer. Sie fressen aber auch Schnecken, Würmer, räumen Mäuse- und Rattennester aus, so sie welche finden, sind also der ideale Besucher für Gärtner, die sich Sorgen um ihr Gemüse machen. Allerdings gestaltet sich die Nahrungssuche in immer mehr Regionen immer schwieriger.

Die Zerstörung intakter Feld- und Wiesenfluren zugunsten großflächiger Monokulturen, die immer weiter fortschreitende Zersiedelung der Landschaften durch Neubaugebiete, Straßen oder Solarfelder, aufgeräumte Gärten, die oft noch mit Schotter ausgelegt werden und nicht zuletzt Windräder verursachen einen immer stärker werdenden Rückgang der Insekten und lassen immer mehr Igel hungern.

Igelopa Henry: Auch er kam krank und halb verhungert in die Igelstation. Mittlerweile geht es ihm besser und er darf bald wieder in sein Revier zurück.

Die Igelexpertin Annette Koop, Vorsitzende der „Tierhilfe Forst e.V.“ und Leiterin der dazugehörenden Igelstation, erlebt dies hautnah:„Seit einigen Wochen bringen aufmerksame Menschen vermehrt halb verhungerte Igel zu uns. Viele können wir retten, aber nicht alle.“ Besonders schlimm ist, wenn Schmeißfliegen ihre Eier in die Körperöffnungen und Augen geschwächter Igel legen. Ohne Hilfe bedeutet dies den sicheren Tod.

„Wer tagsüber einen geschwächten oder verletzten Igel findet, sollte ihn auf Eier untersuchen und diese umgehend mit einer kleinen Bürste restlos entfernen. Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit“, so Koop. Nahrungsmangel, Madenfraß, Endoparasiten wie Lungen- und Darmwürmer, schwere Verletzungen durch Tellersensen, Rasenmäher, Mähroboter und Hundebisse zählen zu den häufigsten Todesursachen der Igel. Die Hauptgefahr bleibt jedoch der Straßenverkehr: Jedes Jahr werden in Deutschland etwa eine halbe Million Igel überfahren.

Wie viele Igel in Deutschland leben, ist nicht bekannt. Lokale Beobachtungen und Studien kommen jedoch zu der erschreckenden Bilanz, dass der Igelbestand seit den 1990er Jahren um 40 Prozent zurückgegangen ist. Sechs Bundesländer haben das besonders geschützte Tier sogar auf die „Rote Liste“ der bedrohten Tiere genommen. Tierarzt Markus Vogelbacher aus Forst, der eng mit Frau Koop zusammenarbeitet, kann selbst zwar keine Zunahme der absoluten Anzahl der Igelpatienten in seiner Praxis feststellen: „Setzt man die Zahl jedoch in Relation zu dem bestürzenden Rückgang des Bestands, hat die Zahl der Tiere, die behandelt werden müssen, stark zugenommen.“

Tierhilfe Forst e. V. – Infos und Kontakt

Am Schönborner Jagdhaus 1
68753 Waghäusel
Tel.: 07255 768 99 40
info@tierhilfe-forst.de
www.tierhilfe-forst.de

Wer einen hilfsbedürftigen Igel findet, kann sich mit Frau Koop telefonisch in Verbindung setzen oder die für alle deutschen Netze kostenlose Notruf-Hotline 0800 723 57 50 des Igel-Notznetz e.V. anrufen.

Die Igelstation ist dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen: Tierhilfe Forst e.V., Spendenkonto: Volksbank Bruhrain-Hardt e.G., IBAN: DE 3166 3916 0000 0002 4074, BIC: GENO-DE61ORH.

Text: Ellen Kattner
Bilder: Tierhilfe Forst, Museum der Universität Tübingen (MUT)

Aus RegioMagazin WILLI 6/21

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