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WILLI-Reportage | 160 Jahre Sängerbund Wiesental

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Zustände wie bei „Don Camillo und Peppone“

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 160 Jahre alt wird der älteste Verein in der Stadt Waghäusel: der Gesangverein Sängerbund. Es war ein „hochverdächtiger Revolutionsfreund“, der 1862, 13 Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Badischen Revolution, den Sängerbund als ersten kulturellen Verein in Wiesental aus der Taufe hob.

1862 war Friedrich Thoma, ein Lehrer mit „Vergangenheit“ in die badische Gemeinde abgeordnet worden. Ein politisches Vergehen steht in seiner (noch vorhandenen) Personalakte: „Gegen ihn wurde 1849 ein Verfahren eingeleitet, weil er der revolutionären Bewegung nicht fremd geblieben ist.“ Die Obrigkeit beschuldigte den jungen aufmüpfigen Anhänger der Freiheitsbewegung, 1849 im Wirtshaus geäußert zu haben: Wenn er einem Offizier des Großherzogs begegnen würde, so würde er diesen abknallen.

Sänger quer durch die Gesellschaft

Wenige Monate nach Antritt seiner Lehrerstelle in Wiesental scharte der 41-jährige aus Königheim (bei Tauberbischofsheim) 14 Männer im Alter von 16 bis 34 Jahren um sich und formierte aus der bunt zusammengewürfelten Truppe, bestehend aus Landwirten, Handwerkern, einem Bahnwart, einem Totengräber und einem angehenden Ratschreiber, einen aufwärtsstrebenden, auf Dauer erfolgreichen Chor. Der ehemalige Revoluzzer Thoma arrangierte sich wohl mit den politischen Gegebenheiten und sang mit seinen Schützlingen fortan, wie damals so üblich, überwiegend patriotische Lieder.

Friedrich Thoma

1894 gab es die erste große Vereinsfeier: die Fahnenweihe mit 24 Sängern und 22 Ehrenjungfrauen, 32 Gastvereinen und einem Riesenfeuerwerk. 1900 traute sich der Chor, an einem Preissingen teilzunehmen. In Altlußheim gewannen die Sänger, noch wenige Wochen zuvor wegen „ruhestörendem Singen“ angezeigt, eine Silbermedaille.

Ein Orgelstreit spaltete die Sänger

Dann kam das turbulenteste Jahr in der Vereinsgeschichte: 1909 eskalierte der „Orgelstreit“. Einigkeit in der Gemeinde bestand darin, dass die Pfarrgemeinde ein neues Kircheninstrument brauchte. Doch zu heftigsten Auseinandersetzungen führte die Frage nach der Finanzierung der Orgel. Wie „Don Camillo und Peppone“ beharkten sich Pfarrer Franz Sales Roth und Bürgermeister Karl Stöckel.

Beide Streithähne sorgten mit ihren fanatischen Anhängerschaften dafür, dass sich die Gemeinde in zwei feindliche Lager spaltete. Auch der Sängerbund geriet in den Strudel der Ereignisse. Es gab pfarrertreue Sänger und bürgermeistertreue Sänger. 1909 sagten sich etwa 30 aktive Sänger des damals 80 Mann starken Chors los und gründeten einen neuen, zweiten Gesangverein.

Mit der „Gleichschaltung“ im Dritten Reich und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kam das Vereinsleben zum Erliegen. Doch nach 1945 ging’s wieder aufwärts. Das hohe musikalische Niveau des Chors wurde in den Folgejahren durch viele Bestleistungen bei Prädikats- und Wertungssingen gekrönt. 1987 baute der Sängerbund ein schmuckes Vereinsheim.

Mitte der 1990er Jahre erstmals 100 Sänger

1995 rückte Karl-Heinz Käpplein an die Spitze des Vereins und sorgte für einen enormen Aufschwung, so dass sich der Chor auf über 100 Sänger vergrößerte. Nach Klaus Bernstein hat heute Bernd Heim das Ruder übernommen. Seit 36 Jahren dirigiert Wolfgang Tropf den Chor. Zu seiner Bilanz gehören ein Dutzend „Tagesbestleistungen“ und mehr als 40 Goldpokale, die der Sängerbund nach Wiesental holte.

Dank der Corona-Pandemie hat das Vereinsleben wie andernorts erheblich gelitten, Singstunden und Auftritte sind ausgefallen. Nichtsdestotrotz zählt der Sängerbund Wiesental zu den stärksten Männerchören in der Region.

Text: Werner Schmidhuber

Aus RegioMagazin WILLI 02/2022

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