fbpx

WILLI-Reportage | 1. März 1945 – Zeitzeugin Klara Hieke erinnert sich

Bereit 42 x geteilt!

„Der Backstein zum angrenzenden Keller war glutrot und erhellte das Mauerwerk“

Icon-Stadtmagazin WILLI

Recht sonnig und frühlingshaft war es am 1. März 1945 in Bruchsal. Klara Hieke (damals Botterer), gerade 14 Jahre alt, hielt sich mit ihren Eltern im Haus in der Durlacherstraße (damals Nummer 83) auf. Fast hätte das Wetter an diesem Tag die Menschen dazu eingeladen, auf Hockern vor die Häuser zu sitzen, zu stricken und sich zu unterhalten, sagt sie.

Neben ihrer Mutter Maria war auch ihr Vater Alois, Postbeamter und Soldat im Ersten und Zweiten Weltkrieg, mit offener Tuberkulose schwer lungenkrank zu Hause. Eine Verwandte aus Obergrombach, ebenfalls namens Maria, war zu Besuch gewesen und Klaras Vater meinte: „Maria, bleib doch noch hier.“ Die Tante wollte aber weiter und gegebenenfalls stadtauswärts in den großen Luftschutzkeller Ecke Durlacherstraße/Salinenstraße gehen.

„Komm, wir gehen in den Keller“

Klaras Mutter hatte nie Ruhe bei Alarm. „Komm, wir gehen in den Keller“, sagte sie immer, wenn die Sirenen heulten. So war es auch im Februar 1945 gewesen, als ein Nachbar nach einem Fliegeralarm ein einzelnes Flugzeug am Himmel sichtete und eher beiläufig meinte: „Jetzt kommt noch ein kleiner Flieger.“ Am 1. März aber kamen die großen Flieger…

Die Eltern waren gerade in der Küche, als am frühen Nachmittag Sirenengeheul ertönte. Die Mutter, die immer ein kleines Köfferchen mit den wichtigsten Habseligkeiten parat hatte, ging mit Klara hinunter. Ihr Vater kam gleich darauf nach.

Klara Hieke, geb. Botterer heute

So saßen sie an diesem Tag zu dritt im kleinen, gewölbten Keller des Hauses, was ihnen wohl das Leben rettete, als die Hölle losbrach.

Der Bombenlärm und die Einschläge waren von einer Gewalt und Heftigkeit, wie sie Klara Hieke auch heute noch für unbeschreiblich hält. Das ohrenbetäubende Getöse der Sprengbomben habe sie zittern lassen. Allein die Tatsache, dass ihre Eltern bei ihr waren und sie liebevoll trösteten, linderte ihre Todesfurcht und Angst. Klara Hieke kann sich auch fast achtzig Jahre später noch lebhaft daran erinnern, wie sich der Backstein zum angrenzenden Keller glutrot erhellte und das Mauerwerk erleuchtete.

Wie heute weiß sie noch, wie sie mit ihren Eltern danach aus dem lichterloh brennenden Haus die Durlacherstraße entlang und über das Hagelkreuz in den Schattengraben flüchtete, wo sie einen Garten hatten. Dabei stolperten sie vorbei an Bombentrichtern und brennenden Gebäuden. Auf dem Weg sahen sie das Fahrrad der Obergrombacher Tante liegen; die Verwandte war nicht mehr am Leben.

Auf dem Weg sahen sie das Fahrrad der Obergrombacher Tante liegen; sie war nicht mehr am Leben.

Klaras Vater machte sich gegen Abend auf die Suche nach seiner eigenen Mutter, die er nach einigem Herumirren schließlich zu seiner großen Erleichterung mitten in der Nacht bei Bekannten in der Peter-und-Paul-Straße fand. Klaras Elternhaus war vollständig abgebrannt; sie selbst ahnte damals noch nicht, dass sie das Grundstück zeitlebens nie mehr betreten würde.

Die Nacht nach dem Angriff verbrachte Klara mit der Mutter bei Bekannten auf dem Fußboden des Wohnzimmers im Hagelkreuz. Klaras Vater, der am nächsten Vormittag auf dem Friedhof gewesen war, wohin man Leichen teils auf Schubkarren und in Kinderwägen brachte, sagte zu Klaras Mutter: „Du gehst mir auf keinen Fall auf den Friedhof. Es ist zu schrecklich, was man dort sehen muss!“. Am Nachmittag des 2. März gingen die Eltern mit Klara nach Obergrombach. Dabei mussten sie sich mehrmals vor Jagdbombern ins Gebüsch schlagen. Die Ankunft in Obergrombach hat Klara Hieke nie vergessen. „Habt ihr unsere Maria mitgebracht?“, fragten die verzweifelten Verwandten. Das Elend und Leid in den Gesichtern geht ihr bis heute sehr nahe.

Bald darauf machte sich Klara mit ihren Eltern, das letzte Hab und Gut auf einem Leiterwagen, zu Fuß auf nach Billigheim bei Mosbach, wo sie nach zwei mühsamen Tagen ankamen. Dort wohnte die andere Großmutter und dort sah Klara auch ihren fünf Jahre jüngeren Bruder Max wieder, der schon seit einigen Wochen – Schulunterricht fand ja nur noch unregelmäßig statt – dort sicher untergebracht war.

Klaras älterer Bruder Albert, gerade mal 19 Jahre alt, war als Soldat im März 1945 auf dem Weg in die Gefangenschaft in Frankreich. Er war froh, die Kriegswirren überstanden zu haben und recht human versorgt zu sein. Dennoch verstarb der junge Mann und begabte Musiker schon 1950 an den Folgen eines Leidens, das er sich wohl bei Bergwerkarbeiten während der Lagerhaft zugezogen hatte. Fast drei Jahre vorher, 1947, war der Vater verstorben, sodass Klara nun mit ihrer Mutter und dem jüngeren Bruder Max allein in einer Behelfsbaracke im Schattengraben lebte.

Außer Max, der danach in Bruchsal als Sänger recht bekannt wurde, hatten keine näheren männlichen Verwandten überlebt. Neben Klara und ihrer Mutter lebten beide Großmütter und Klaras Tante Franziska in Bruchsal. Der Tante, aufgrund eines medizinischen Fehlers chronisch krank, schwatzten vermeintlich gutmeinende Mitbürger in der Nachkriegszeit ihren verbliebenen Grundbesitz ab.

Siebenundsiebzig Jahre nach dem Bombenangriff auf Bruchsal als Folge des Naziterrors kann Klara Hieke nicht verstehen, weshalb die Welt wieder vor Waffen strotzt und zitiert gerne, was in ähnlicher Weise in Bruchsal im Bürgergarten geschrieben steht: „Keine Macht der Welt hat das Recht, zu bestimmen, wie und wann gestorben wird!“

Text: Hubert Hieke

Aus RegioMagazin WILLI 03/2022

Kommentieren?
Ja bitte, denn eine offene Diskussion fördert das Miteinander.
Bitte achten Sie dabei auf unsere Kommentarregeln (Info)

Hier geht es zum Kommentarfeld >>>

 

close

Kurze Unterbrechung!

Schon gewusst? Der Landfunker-Newsletter informiert dich über die Region zwischen Kraichgau und Rhein.

Unser Newsletter erscheint jeweils freitags für alle, die das Wichtigste zusammengefasst haben möchten.

Hier kannst du einen Beispiel-Newsletter sehen!

Bei Nichtgefallen kannst du ihn jederzeit mit einem Klick am Ende des Newsletters abbestellen.

WICHTIG: Solltest du in den nächsten Minuten keine Bestätigungsmail von uns bekommen, so überprüfe bitte deinen SPAM-Ordner. Ohne die Bestätigungsmail können wir dir keinen Newsletter schicken.

Ja, ich abonniere den