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Nanja Frank | Akrobatik

Weingarten | Zirkuskind – ein Leben zwischen Wohnwagen und Manege

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Nanja Frank wurde in das Zirkusleben hineingeboren. Seit sie denken kann lebt sie in einem Wohnwagen und lernte die Akrobatik von der Pike auf. Der Circus Bely wird von ihrer Familie in der 9. Generation geführt.

Aus dem RegioMagazin WILLI 05/18

Nanja ist die älteste Tochter der Zirkusfamilie Frank-Bely und neben ihrem Beruf als Artistin eigentlich eine ganz normale Ehefrau und Mutter. Mit Ehemann Willy, dem dreijährigen Sohn Maddox und der Zirkusfamilie zieht sie im Wohnwagen durch die Region, immer auf der Suche nach neuen Auftrittsorten!
„Ich kenne das Gefühl nicht in einer Wohnung zu wohnen, aber es wäre auch nicht mein Leben“, sagt Nanja lachend. „Ich bin es gewohnt ständig woanders zu sein und das gefällt mir. Auch wenn sich unser Hab und Gut auf wenig beschränkt“.

Nanja Frank | Circus Belly
Nanja Frank

Nanja hat drei Geschwister, sie alle wurden im Wohnwagen groß. Ihr Leben war schon immer die Manege, hier lernten sie das, was sie zum Zirkusleben brauchten. Eine Zirkuskarriere erfordert viel Disziplin und Geduld. Es dauert einige Jahre und man muss ständig trainieren, bis man etwas kann. „Natürlich gingen wir alle auch auf eine Schule. Während der Wintermonate waren wir immer in Rastatt, dort besuchten meine Geschwister und ich immer dieselbe Schule, und hier haben wir auch unseren Schulabschluss gemacht. Den Rest vom Jahr sind wir getingelt und waren alle zwei Wochen in einer anderen Schule. Morgens pauken und mittags dann in die Manege zur Aufführung. Mit acht Jahren war ich für längere Zeit in Hamburg auf einer Artistenschule. Da lernte ich die Akrobatik von Grund auf.“ Ihre Augen strahlen, wenn sie von ihrer Kindheit erzählt. „Zwar mussten wir von Anfang an mithelfen aber wir kannten es auch nicht anders. Dafür konnten wir uns viel mit unseren Tieren beschäftigen und wenn wir an einem neuen Ort waren, erkundeten wir die Gegend mit dem Fahrrad, das war spannend und hatte etwas von Freiheit.“

Mittlerweile ist Nanja selbst Mutter. Sohn Maddox macht bereits bei der Bauernhofnummer von Papa Willy mit und hat keine Angst vor Kühen, Ziegen oder auch den Hunden, mit denen der Papa eine Show macht. Trotz allem ist vorsichtig geboten. „Ich passe immer sehr gut auf, wenn Maddox bei den Tieren ist“, erzählt Nanja. Auch wenn die Tiere wie Familienmitglieder für die Franks sind, haben auch sie ihren eigenen Kopf.“ Für die Artisten ist es das Schwierigste, körperlich immer fit zu sein. Die wenigsten Zuschauer sehen, wie viel Arbeit in einer Zirkus-Nummer steckt, die nur wenige Minuten dauert. Wer von der Schaustellkunst leben will, muss „dranbleiben“ und üben, üben, üben. Außerdem neue Nummern zusammenstellen, Beziehungen knüpfen und Auftrittsmöglichkeiten abklappern. Das ist nicht einfach, da kann man sich nicht einfach entspannt zurücklehnen.

Tiere | Circus BelyVon der einstigen Zirkus-Nostalgie ist nicht viel übrig geblieben und der Traum von Freiheit im Wohnwagen verblasst mehr und mehr. „Früher haben uns die Gemeinden gerne auf ihren Festplätzen gastieren lassen, mittlerweile ist es schwierig bis fast aussichtslos eine Wiese zu finden“, sagt Nanja. „Die schwarzen Schafe unter den Zirkussen haben dazu beitragen, dass Gemeinden ihre Fläche nicht mehr gerne oder gar nicht mehr zur Verfügung stellen“, erklärt sie und verweist auf Zirkustruppen, die Regeln nicht einhalten, Wiesen nicht ordnungsgemäß verlassen oder ihre Tierhaltung vernachlässigen. „Wir haben unsere Plätze schon immer ordentlich verlassen und unsere Tiere sind uns das Wichtigste. Leider sind es oft „selbsternannte“ Tierschützer die mal ganz schnell einen schlechten Ruf entstehen lassen, sie prangern eine schlechte Tierhaltung an, obwohl das Veterinäramt uns immer eine 1A-Tierhaltung bescheinigt.“ Es ist ein täglicher Kampf gegen Windmühlen, der neben der körperlich anstrengenden Arbeit ausgefochten werden muss. Aber auch steigende Kosten, immer schärfere EU-Richtlinien und eine übermächtige Konkurrenz durch Fernseher und Smartphone macht den Zirkussen das Leben schwer. Der mediale Wandel prägt heute den Alltag von Kindern und Familien und sorgt für den Rückgang der Besucherzahlen in einem Zirkus. Kinder erfahren Spannung und Faszination auf ihrer Spielkonsole oder ihrem Handy, ein Zirkusbesuch klingt da langweilig. „Und trotzdem“, sagt Nanja nachdenklich, „wenn die Kinder dann in den Zirkus kommen sind sie fasziniert und strahlen. Schon den Kids zuliebe muss der Zirkus weiterleben. Bei uns bekommen sie ein Gespür für menschliche Leistung und das Miteinander von Mensch und Tier.“

Ein Kampf um’s Überleben

Tierfütterung | Nanjas Papa Harry
Familien – Unternehmen: Nanjas Papa Harry bei der Tierfütterung
Der Circus Bely möchte die Welt des traditionellen Zirkus unbedingt aufrechterhalten. Der Kampf ums Überleben wird aber auch für Familienunternehmen Frank immer schwerer. “Die goldenen Zeiten sind vorbei”, bedauerte Nanja Frank und kämpft trotzdem weiter. Auch wenn das Zirkusleben immer härter wird, missen möchte sie es nicht. „Ich bin in den Zirkus geboren und dort aufgewachsen. Auch wenn wir alle auf engstem Raum wohnen, so hat uns das auch zusammengeschweißt und wir haben alle ein wunderbares Verhältnis untereinander.“ Jede Saison ist eine Ungewisse, spielt das Wetter mit, bleiben alle gesund, bekommen wir einen Gastspielplatz, kommen genügend Zuschauer. Es sind viele Gedanken, die Nanja beschäftigen aber sie zieht weiter von Ort zu Ort. Von März bis November ist die Familie im Radius von 120 Kilometer um Rastatt unterwegs, von 12. – 21. Mai gastiert der Zirkus in Weingarten.

Text: Christina Notheisen
Bilder: Christina Notheisen, privat

 

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