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TALKING HEADS | Fluchtziel Deutschland – Alles halb so schlimm oder kaum zu lösen?

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Oktober 2015 | Tausende Menschen suchen derzeit in Deutschland Zuflucht. Wir sprachen mit dem Landrat des Landkreises, Dr. Christoph Schnaudigel über Zuständigkeiten, Belastungen, Ängste und Menschen.

Auch der Landkreis Karlsruhe nimmt in diesem Jahr schätzungsweise 4500 Flüchtlinge auf. Viele Menschen sehen darin ein Problem. Doch stünde uns als reiches Land anstelle von Neid, Hetze und Missgunst, nicht eher  Hilfsbereitschaft, Wohlwollen und Gelassenheit an?
Die Landkreise sind verantwortlich für die Unterbringung und Versorgung der Asylbewerber. Dabei kümmert man sich auch um die Registrierung und gesundheitliche Versorgung. Es wäre schön, wenn man hier auf jede Immobilie zurückgreifen könnte, wie Schnaudigel sagte. Doch die Realität sieht anders aus, die Vorgaben für Brandschutz und Baurecht, sowie medizinische und hygienische Standards könne man nicht vernachlässigen. Immerhin leben die Menschen bis zu zwei Jahren in diesen Unterkünften. Man versuche aber möglichst flexibel zu sein und dabei auch machbar zu machen, was auf den ersten Blick nicht machbar scheine. Deutsche Flexibilität, anstatt Deutscher Ordnung.

Die lange Wartezeit in den Unterbringungen des Landkreises kämen zustande, weil die Entscheidung über die Asylanträge das Bundesamt träfe, dort scheitere es wiederum an zu wenig Personal. Es wurden zwar schon neue Stellen geschaffen, die neuen Mitarbeiter müssten aber zuerst “trainiert” werden. Der Landrat kritisiert, dass hier zu spät reagiert wurde. Eine schnellere Entscheidung sei nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen gut, sondern auch im Interesse der Menschen, die so schneller Klarheit hätten.

Wenn es um problematische Reaktionen aus der Bevölkerung zu den Asylbewerbern  gehe, wolle er nicht unterscheiden zwischen den Menschen aus Ost- und Westdeutschland. Bei uns schaffe vor allem der gute Arbeitsmarkt Erleichterung, da die Asylbewerber nicht als Bedrohung oder Gefahr angesehen würden. Im Landkreis Karlsruhe herrsche Wohlstand, mit gut situierten Städten und Gemeinden, daher sei es hier einfacher mit der Problematik umzugehen, als in anderen ‘Landstrichen‘. ‘Irrgänger und Verrückte‘ die Häuser anzünden, gebe es überall.

Vernetzung und Integration ist erwünscht

Die ganzen Jahre könne man schon auf ein großes Engagement aus der Bevölkerung zurückgreifen, es gebe zwar auch Drohmails an Verantwortliche, doch im Verhältnis seien die Unterstützer klar in der Mehrheit. Trotzdem wolle man das Problem ausdrücklich nicht auf die ehrenamtlichen Helfer verlagern, man mache seine Aufgabe indem man Unterkünfte sowie das Personal zur Verfügung stelle. Die Ehrenamtlichen würden vor allem bei der Integration und beim Kontakteknüpfen helfen, beispielsweise in Vereinen, Sprachkursen oder in der Kirche und seien somit eine notwendige Ergänzung. Asylbewerber seien keine Gefangenen auch wenn sie in Einheiten zusammen untergebracht werden. Vernetzung und Integration sei gewünscht. Sie dürfen sich frei bewegen, öffentliche Verkehrsmittel nutzen, sich in Vereinen beteiligen und bekämen mittlerweile früher eine Arbeitserlaubnis, doch fehlende Sprachkenntnisse bauen Barrieren auf.

Den Vorwurf, Asylbewerber lebten in Saus und Braus möchte Christoph Schnaudigel klar zurückweisen. Asylbewerber erhalten ungefähr die gleiche finanzielle Unterstützung wie ein Hartz 4 Empfänger, das sind etwas mehr als 300€, sowie die Unterkunft die vom Landkreis gestellt wird.  Das Geld soll für die Grundversorgung, also für Essen, Hygieneartikel, Kleidung etc. ausreichen. Vom Land erhalten die Kommunen für die Finanzierung der Flüchtlinge eine Pauschale von 13.000€ pro Asylbewerber und stehen daher in ständiger Diskussion, da das hinten und vorne nicht ausreiche. Aber natürlich solle es jetzt nicht am Geld scheitern, deshalb trete man in Vorleistungen in Millionenhöhe. Die Menschen seien da, jetzt müsse man sich auch um sie kümmern. Und dieser Aufgabe stelle man sich mit großer Verantwortung.

Was passiert mit den Unterkünften, die derzeit wie Pilze zu sprießen scheinen, wenn man sie nicht mehr benötigt? Der Landrat geht nicht davon aus, dass die Entwicklung “heute oder morgen aufhört” und da sollte die Politik ehrlich sein. Auch wenn einige Flüchtlinge wieder ausgewiesen werden und der Flüchtlingsstrom irgendwann aufhöre, gebe es keine Überversorgung an Wohnraum, zum einen würden derzeit auch einige sogenannte mobile Wohneinheiten genutzt, zum anderen könnten die neu errichteten Gebäude ohne großen Aufwand zu Wohnungen umgebaut werden.

Bis Ende des Jahres rechne man mit ca. 4500 Asylbewerbern die es vom Landkreis Karlsruhe zu versorgen gilt, bei fast 440.000 Einwohnern sei das eine Aufgabe und Organisationsaufwand aber “kein Grund, dass man da in Panik verfällt”.  Der Landkreis Karlsruhe wird das bewältigen, und die Zuwanderung wird sogar mit Blick auf die vielen freien Lehrstellen benötigt. Das derzeitige Problem sei eher, dass die Zuwanderung so schnell vonstattengeht, denn es kämen bis zu 500 Asylbewerber monatlich dazu. Für diese müssten Unterbringungsmöglichkeiten geschaffen werden, dazu müssten zukünftige Nachbarn überzeugt, aber berechtigte Ängste und Sorgen der Bürger trotzdem ernst genommen werden. Es sei wichtig über die Probleme zu reden und die Bürger vorzubereiten. Wir seien ein reicher Landkreis in einem reichen Land und „wir schaffen das“, zeigt sich Schnaudigel überzeugt. Zum Vergleich zählen im syrischen Nachbarland Libanon mittlerweile fast 1/3 der Bevölkerung als Flüchtlinge und nach dem Zweiten Weltkrieg bestand über 20% der Bevölkerung im Landkreis Karlsruhe aus Flüchtlingen. „Wenn nicht wir es packen, wer dann”.

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