Mit dem Schulstart beginnt für viele Kinder auch der erste Weg in die Selbstständigkeit. Melanie Reich, Lehrerin an der Konrad-Adenauer-Schule in Bruchsal, erlebt jedes Jahr, wie wichtig dieser Weg für die Entwicklung der Kinder ist.
Aus der Reihe: WILLI – FamilyTime
Die Siebenjährige Emma aus der Bruchsaler Südstadt macht sich jeden Morgen etwas früher auf den Weg, um eine Freundin abzuholen. Gemeinsam laufen sie zur Schule, erzählen sich von ihren Erlebnissen und starten gut gelaunt in den Tag. Dass Emma ihren Schulweg inzwischen allein meistert, macht sie stolz.
Für ihre Eltern war dieser Schritt allerdings mit viel Unsicherheit verbunden. „Ist mein Kind überhaupt bereit den Schulweg alleine zu bewältigen?“ Eine pauschale Antwort gibt es nicht. Neben dem Alter spielen Persönlichkeit, Aufmerksamkeit und natürlich auch die Verkehrssituation eine entscheidende Rolle.
Ein gelungener Schulstart hängt nicht allein von guten schulischen Leistungen ab. „Viel wichtiger ist, dass Kinder möglichst viele Dinge selbstständig erledigen können“, sagt Melanie Reich, Lehrerin an der Konrad-Adenauer-Gemeinschaftsschule in der Bruchsaler Südstadt. Dazu gehören ganz alltägliche Aufgaben wie das Anziehen, den Schulranzen packen, die Brotdose oder das Mäppchen öffnen, sich für den Sportunterricht umziehen oder den Toilettengang selbst meistern. Ebenso wichtig seien Selbstvertrauen, soziale Kontakte und das Einhalten von Regeln – Fähigkeiten, die Kindern den Schulalltag oft mehr erleichtern als perfekte Noten.
Selbstständigkeit beginnt lange vor dem Unterricht.
Schon in den Tagen vor der Einschulung oder nach den Sommerferien können Eltern viel dazu beitragen. „Sprechen Sie positiv über die Schule“, empfiehlt die Grundschullehrerin. Ein geregelter Tagesablauf und ausreichend Schlaf helfen zusätzlich. Wer den Schlafrhythmus schon einige Tage vorher langsam wieder anpasst, erleichtert den Einstieg erheblich. „Und nehmen Sie sich Zeit zum Spielen, Vorlesen und Kuscheln.“ Solche gemeinsamen Momente geben Kindern Sicherheit und Vorfreude auf den neuen Lebensabschnitt.
Damit Kinder ihren Schulweg sicher bewältigen können, sollte dieser immer wieder gemeinsam geübt werden. „Mitlaufen, auf Gefahrenstellen hinweisen und über Situationen sprechen“, rät Melanie Reich. So lernen Kinder Schritt für Schritt, wo sie besonders aufmerksam sein müssen und wie sie sich im Straßenverkehr richtig verhalten.
Hilfreich ist es außerdem, wenn Kinder gemeinsam mit Freunden oder Nachbarskindern zur Schule laufen. Das macht nicht nur mehr Spaß, sondern stärkt auch das Gemeinschaftsgefühl. Unterwegs wird erzählt, gelacht und manchmal sogar der erste kleine Streit wieder beigelegt. Gleichzeitig entwickeln Kinder Orientierungssinn, lernen ihren Wohnort besser kennen und bekommen ein Gefühl für Entfernungen und Zeit.
Helle Kleidung sorgt besonders in den Herbst- und Wintermonaten dafür, dass Kinder besser gesehen werden. Und wenn später das Fahrrad dazukommt, gilt selbstverständlich: „Fahrradfahren nur mit Helm!“
Viele Eltern möchten ihren Kindern morgens etwas Gutes tun und fahren sie direkt bis vor das Schultor. Doch genau dort entstehen häufig unübersichtliche Situationen. Haltende Autos, Wendemanöver und Kinder, die zwischen parkenden Fahrzeugen auf die Straße laufen, erhöhen das Unfallrisiko erheblich.
Das Elterntaxi wird oft selbst zur Gefahr.
Melanie Reich rät deshalb, Kinder möglichst oft zu Fuß zur Schule gehen zu lassen. „Vermeiden Sie das Elterntaxi-Chaos vor der Schule!“, sagt sie. Lässt sich die Autofahrt einmal nicht vermeiden, sei es sinnvoll, das Kind einige hundert Meter vor der Schule aussteigen zu lassen. So legt es wenigstens einen Teil des Schulwegs zu Fuß zurück, sammelt Bewegung und übt gleichzeitig den sicheren Umgang im Straßenverkehr.
Kinder, die regelmäßig zu Fuß zur Schule kommen, profitieren gleich mehrfach. Sie bewegen sich an der frischen Luft, kommen wacher und entspannter im Unterricht an und können sich häufig besser konzentrieren. Gleichzeitig stärkt die tägliche Bewegung das Immunsystem. „Viele Kinder haben morgens schon etwas Interessantes erlebt – von einer Schnecke bis zu einer Baustelle“, erzählt Melanie Reich. Solche kleinen Erlebnisse sorgen ebenso für Gesprächsstoff wie der Austausch mit Freunden auf dem Schulweg. Ganz nebenbei wachsen Eigenverantwortung, Selbstständigkeit und Selbstvertrauen.
Für Schülerin Emma ist der gemeinsame Schulweg längst mehr als nur der Weg zur Schule. Die Gespräche mit ihrer Freundin, die Bewegung an der frischen Luft und das gute Gefühl, den Weg allein zu schaffen, gehören für sie ganz selbstverständlich zum Morgen. Der Schulweg ist für sie längst der erste schöne Teil des Tages.
Welchen Rat gibt Melanie Reich allen Eltern mit auf den Weg?
Die Antwort kommt ohne langes Nachdenken: „Bleiben Sie ruhig, gelassen und interessiert!“

Kein Elterntaxi: Melanie Reich, Lehrerin an der Konrad-Adenauer-Schule in Bruchsal, setzt auf Selbstständigkeit.










