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RAINwurf 19 | Nach dem Festival…

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30.8. | Der Gastkommentar von Rainer Kaufmann

So schnell kann es gehen. Da liegen die Schlussabrechnung des Schloss-Festivals und eine umfassende Bewertung der ganzen Veranstaltung noch nicht einmal vor und schon stricken die Macher des Festivals und ihre PR-Riegen an der Erzählung: „Nach dem Festival ist vor dem Festival.“

Sogar aus den Reihen des Gemeinderats wird bereits mitgeteilt, man könne sich eine solche Veranstaltung vielleicht im Zweijahres-Rhythmus vorstellen. Sieht so eine verantwortungsbewusste Kommunalpolitik aus? Dabei sollte die kryptische Aussage des aktuellen Schlossherren Hörrmann nicht übersehen werden, der anmerkte: Wenn die Stadt Bruchsal den Mut für ein weiteres Festival dieser Art aufbringt, würde die Staatliche Schlösserverwaltung mitmachen. Kann der Öffentlichkeit der wahre Hintergedanke dieser Stellungnahme vermittelt werden? Nach Friede-Freude-Eierkuchen zwischen Stadt und Schloss hört sich das allenfalls nicht an. Aber lassen wir das, die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung, aber auch in den lokalen Medien, werden sich ihrer Aufgabe bewusst sein und das ganze Spektakel hinreichend analysieren und die richtigen Schlüsse für die Zukunft ziehen.

Die Feststellung aber, dass nach dem Festival auch vor dem nächsten Festival sei, könnte in Bruchsal eine ganz andere Bedeutung haben. Denn nach dem Schloss-Jubiläum stehen in den nächsten zwei Jahren andere Jubiläen an: 175 Jahre Badische Revolution der Jahre 1848/49. Und da muss sich dann zeigen, ob eine Stadt, die heute noch 300 Jahre Grundsteinlegung eines feudalen Schlosses zum Zentrum ihrer Identität erklärt, willens ist, sich auch ihrer Demokratiewerdung, also der Überwindung des Feudalsystems, zu erinnern.

Dabei muss ein solches „Demokratie-Festival“ keinesfalls in dem gigantischen Rahmen angedacht werden wie die Veranstaltungen im Sommer 2022. Demokratie kann auch eine Nummer bescheidener daherkommen als der Prunk des Absolutismus. Nur: Wer jetzt schon an weitere Groß-Veranstaltungen der nächsten Jahre denkt, sollte die Jubiläumsjahre der bürgerlichen Reformbewegungen des vorletzten Jahrhunderts nicht übersehen.

„Es muss ja nicht unbedingt 1,5 Millionen Euro kosten.“

Dabei gibt es genügend Vorschläge für ein entsprechendes Programm, sie liegen auf dem Tisch zum Beispiel der Kommission für Stadtgeschichte: Vorträge, Konzerte, Theateraufführungen, Stadtführungen, Diskussionen und vieles mehr. Vielleicht auch ein Buch oder andere mediale Aufarbeitungen. Die Reaktion der zuständigen Stellen der Stadtverwaltung oder des Gemeinderats sind aber sind bis jetzt mehr als nur zurückhaltend. Darf da von Seiten der engagierten Bürgerschaft etwas mehr offizielles Engagement und damit auch Wertschätzung eingefordert werden? Ich denke ja.

Es geht in diesem Zusammenhang auch um die Frage der Nachnutzung des früheren Synagogen-Geländes. Vom „Förderverein Lernort Bergfried: Freiheit, Bürgerrechte, Demokratie“ liegt ein Konzept vor, der in den städtischen Entwurf vom „Denkort Fundamente“ auch diesen Teil der Stadtgeschichte einbeziehen möchte. Zu diesem Vorschlag haben sich bis heute weder Stadtverwaltung noch Gemeinderat einigermaßen angemessen geäußert.

Auch der Vorschlag des Fördervereins, die Stadt möge sich stärker in der bundesdeutschen Arbeitsgemeinschaft „Orte der Demokratiegeschichte“ engagieren, die lokale Projekte auch mit eigenen Stiftungsmitteln unterstützt, wurde von den zuständigen Mitarbeitern der Stadtverwaltung mehr als nur zurückhaltend, wenn nicht sogar ablehnend aufgenommen. Dabei hat Bruchsal auch auf dem Gebiet der Demokratiewerdung Deutschlands einige lokale Beiträge zu bieten, über die an dieser Stelle schon mehrfach berichtet wurde.

Vielleicht sollten sich die Verantwortlichen in Verwaltung und Gemeinderat noch einmal folgenden Rat zu Gemüte führen. Er stammt vom damaligen Vorsitzenden des Deutschen Bundestages, Dr. Norbert Lammert aus dessen Eröffnungsrede zur 16. Bundesversammlung am 12. Februar 2017:

„Tatsächlich hat das erstaunliche Ansehen, das Deutschland heute in der Welt genießt, wesentlich mit unserem verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Geschichte zu tun. Zum historischen Werden Deutschlands gehört im Übrigen auch seine zwar wechselvolle, aber beachtliche Freiheits- und Demokratiegeschichte. Ihr angemessen und würdig zu gedenken, ist ebenso unverzichtbar wie konstruktiv für das Selbstverständnis unserer Nation.“

Könnte das nicht ein zielführender Hinweis sein für ein neues Festival in Bruchsal? Es muss ja nicht unbedingt 1,5 Millionen Euro kosten. Wobei ich jetzt keine Antwort auf die Frage weiß, warum uns unsere demokratische Entwicklung weniger wert sein soll als die Überreste des Feudalismus?

Über Rainer Kaufmann

Der gebürtige Bruchsaler Rainer Kaufmann ist Journalist, Gastronom, Gründer des 1. Bruchsaler Stadtkabaretts, war in den 90er Jahren Veranstalter von mehrtägigen Kulturevents im Schlachthof und im Atrium des Bürgerzentrums (auf eigene Rechnung!) und beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der Geschichte seiner Heimatstadt – ob in TV-Dokumentationen, Büchern („Seilersbahn – ein Weg Geschichte“, „Elternstadt Bruchsal“), Theaterstücken („Unschädlichmachungen“), Kabarett-Aufführungen, Vorträgen oder als Stadtführer.

Landfunker nimmt das Angebot des oft unbequemen Rainer Kaufmann gerne an, in Form von Gastkommentaren seinen Leserinnen und Lesern eine andere Bruchsal-Perspektive zu bieten, die in der Regel jenseits der Selbstbelobigungen der Amtsblätter oder der Pressemitteilungen an die hiesigen Tageszeitungen und Internetportale liegt.

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