RAINwurf 11 | Bruchsal, Salzburg, Verona und Bayreuth. (Archiv 2022)

5.2. | Bruchsal dreht mal wieder am großen Rad.

Gastkommentar von Rainer Kaufmann.

Es war wieder einmal Pressekonferenz zum wichtigsten Thema, das die Stadt derzeit bewegt, das Schloss-Festival im Sommer.

Und wieder einmal hat Bruchsals Oberbürgermeisterin ihrem Stolz über das Programm überzeugenden Ausdruck verliehen, indem sie verkündete:

„Dies ist eine Qualität, mit der wir uns weder hinter Salzburg, Verona noch Bayreuth verstecken müssen.“

Dabei sind von acht Abenden erst einmal drei Programme samt Starbesetzung benannt, die Stuttgarter Staatsoper gleich zweimal und ein Jazztrompeter, im nationalen Maßstab ganz sicher prominente Künstler. Ob sie aber mit den genannten Festival-Hochburgen in irgendeine Beziehung gebracht werden können, müsste erst noch nachgewiesen werden.

Egal, die Messlatte für das Lebensgefühl in dieser Stadt kann nicht hoch genug gelegt werden. Und bald wird das Management der klassischen Festival-Städte aus der ganzen Welt nach Bruchsal pilgern und mit seinem Schicksal hadern, dass es sich künftig hinter der Kraichgau-Metropole mit ihrem Schloss wird verstecken müssen. Dumm nur, dass Bruchsal bis dahin nicht einmal einen Hauptbahnhof hat.

Das Schloss und die Gründung der Stadt

Noch besser machen es die hiesigen Festival-Marketing-Strategen auf der Webseite www.schlossfestival.de. Dort schreiben sie:

„Schon im Jahr 1722 entdeckte der Fürstbischof von Speyer, Damian Hugo, das Potenzial dieses wunderschönen Plätzchens und baute seine Traumresidenz: das Schloss Bruchsal. Seit Gründung der Stadt ist es Anlaufpunkt für Besucher*innen, Wiedererkennungsmerkmal von Bruchsal und der ganze Stolz der Bewohner*innen. Nun wird es zum 300. Geburtstag Zeit, das Herzstück der Stadt und das historische Zentrum der Region gebührend zu feiern!“

Ja, muss jetzt die Geschichte der Stadt umgeschrieben werden? War das Schloss irgendwie virtuell schon da, als im Jahr 976 Bruchsals erstmals urkundlich erwähnt wurde, als Kaiser Otto II. im damaligen Königshof abgestiegen war? Hat vielleicht sogar Otto vor 1.045 Jahren den Grundstein für das Schloss gelegt, das somit nunmehr seit über 1.000 der ganze Stolz der Stadt und ihrer Bevölkerung ist?

Nur: Wer hat denn die Bewohner*innen damals und heute befragt, ob das Schloss wirklich ihr ganzer Stolz ist? Und wo ist nun wirklich das Herzstück der Stadt zu verorten und das historische Zentrum der Region? Wie definieren wir denn wirklich unsere Region? Haben wir andere Städte der Region befragt, ob sie damit einverstanden sind? Und was ist dann mit den Schlössern in Mannheim, Heidelberg, Rastatt, Ettlingen oder Schwetzingen? Müssen die sich hinter dem Bruchsaler Schloss verstecken?

Michael Hörmann, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten, fasst zusammen, heißt es auf der Webseite der BTMV (Bürgerzentrum Tourismus Marketing und Veranstaltungs GmbH):

„Wenn wir jetzt nicht feiern, wie es sich für Bruchsal gehört: groß, selbstbewusst, besucherfreundlich und alle, wann sollen wir es sonst machen? Denn das Schloss Bruchsal ist der Kern unserer Stadt und diese Veranstaltungslocation, die so einzigartig ist, bekommt nächstes Jahr nochmals das Sahnehäubchen aufgesetzt.“

 

Sponsoren in der Warteschleife

Und für dieses Sahnehäubchen der Bruchsaler Selbstdarstellung hat der Gemeinderat der Stadt anscheinend eine Verlustübernahme von 1.500.000 Euro übernommen, in Worten: Eineinhalb Millionen Euro. Für die Steuerzahlenden heißt dies: Ohne öffentliche Diskussion über das Budget des Festivals, haben die Veranstalter einen Finanzspielraum erhalten, der für eine Stadt wie Bruchsal unglaublich erscheint und ganz offensichtlich beispiellos ist in der Geschichte der Stadt und dies wirklich seit ihrer Gründung.

Sollte das Projekt scheitern oder seine finanziellen Zielsetzungen verfehlen, aus welchem Grund auch immer, dürfte dies den Haushalt der Stadt auf einige Jahre ganz erheblich belasten. Dabei kann sich die Öffentlichkeit derzeit kein Bild darüber machen, wie realistisch die Prognosen von Kosten und Einnahmen sind.

Irgendwie komisch erscheint auch, dass sich bis heute niemand zu erklären traut, wer denn die groß angekündigten Sponsoren des Spektakels sind, die sicher einen anständigen Teil der Einnahmen ausmachen sollen. Zumindest für die Bruchsaler Öffentlichkeit ist das Schloss-Spektakel somit derzeit nicht viel mehr als eine Luftnummer. Es wäre doch an der Zeit, dass Stadtverwaltung und Gemeinderat wenigstens einen Anflug von Transparenz schaffen.

Es wäre mehr als fatal, wenn sich die Bewohner*innen der Stadt jetzt ein halbes Jahr in einen noch nie da gewesenen Freudentaumel versetzen lassen müssen, bei dem ein schlimmes Erwachen nicht ausgeschlossen werden kann. Kritiker und Zweifler macht man stumm, wenn man sie mit seriösen Informationen, mit Zahlen und Fakten also, überzeugt.

Am besten rechtzeitig, bevor noch weitere Zeitungen im Land die Schlagzeile der Südwestpresse/Neckarquelle von diesen Tagen übernehmen:

„Schloss Bruchsal wird 300 Jahre alt
und eine ganze Stadt feiert“

 

Eine ganze Stadt? Wirklich?

Über Rainer Kaufmann

Der gebürtige Bruchsaler Rainer Kaufmann ist Journalist, Gastronom, Gründer des 1. Bruchsaler Stadtkabaretts, war in den 90er Jahren Veranstalter von mehrtägigen Kulturevents im Schlachthof und im Atrium des Bürgerzentrums (auf eigene Rechnung!) und beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit der Geschichte seiner Heimatstadt – ob in TV-Dokumentationen, Büchern („Seilersbahn – ein Weg Geschichte“, „Elternstadt Bruchsal“), Theaterstücken („Unschädlichmachungen“), Kabarett-Aufführungen, Vorträgen oder als Stadtführer.

Landfunker nimmt das Angebot des oft unbequemen Rainer Kaufmann gerne an, in Form von Gastkommentaren seinen Leserinnen und Lesern eine andere Bruchsal-Perspektive zu bieten, die in der Regel jenseits der Selbstbelobigungen der Amtsblätter oder der Pressemitteilungen an die hiesigen Tageszeitungen und Internetportale liegt.

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