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v.l.n.r.. Radiolegende Matthias Holtmann, der Stuttgarter Neurologe Dr. Klaus Schreiber,SWR1-Moderatorin Stefanie Anhalt (Bild: AOK)

Karlsruhe | Parkinson – die unbekannte Krankheit


Reportage | Matthias Holtmann über sein Leben mit Parkinson

„Guten Abend, Baden-Württemberg!“ Wenn dieser Satz im Radio erklang war klar: Matthias Holtmann ist wieder On Air. Matthias Holtmann ist ein deutscher Musiker und ehemaliger Hörfunk-Redakteur und -Moderator. 1979 wurde er Musikredakteur beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart, später Musikchef beim SWR3. Im Januar 2005 wechselte er zu SWR1 Baden-Württemberg.

Matthias Holtmann prägte als „die Kultstimme des Südwestens“ die deutsche Radiolandschaft. Doch nicht alles verlief glatt in seinem Leben. Denn 2009 wurde die Parkinson- Krankheit bei ihm diagnostiziert. Für Matthias bedeutete das eine Umstellung seines bisherigen Lebens. Doch die verkraftet er ganz gut, wie man bei seinen öffentlichen Auftritten erahnen kann. In einem Vortrag, zu dem die AOK Baden-Württemberg, der Hausärzteverband und der Medi-Verbund Baden-Württemberg eingeladen hatten, erzählte Matthias von seinem Leben mit Parkinson. Die Leute dürften ruhig sehen, dass er eine Krankheit habe. Mit viel Witz und Anekdoten plaudert er auf der Bühne mit seinem praktizierenden Neurologen, Dr. Klaus Schreiber und der Moderatorin des Abends, Stefanie Anhalt. Fast 500 Menschen kamen, um ihn sprechen zu hören. Viele davon sind selbst von der Krankheit betroffen oder haben Erkrankte im Freundes- oder Familienkreis.

Matthias Holtmann und sein Leben mit Parkinson

Im Jahr 2006 merkte der Moderator erstmals, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Er klagte über Muskelschmerzen und Koordinationsprobleme. 2009 erhielt er die Diagnose: Parkinson.

„Es war, als ob sich eine Falltür unter mir geöffnet hätte, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen“, erzählte Matthias. Viele Betroffene können mit der Diagnose nicht umgehen. Sie denken an Suizid oder begehen diesen sogar, die meisten verkriechen sich und ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück. Laut Matthias sei das grundfalsch. Man bräuchte Impulse von außen, um fit zu bleiben. So kam es, dass er trotz seiner Erkrankung auch weiterhin moderierte und auf der Bühne stand. Doch irgendwann verschlimmerten sich seine Symptome. Dinge des alltäglichen Lebens fielen ihm zunehmend schwerer. Das Zuknöpfen eines Hemds zum Beispiel oder das Einsortieren von Geldscheinen in sein Portemonnaie. „Mal eben geht nicht mehr“ – Um sich ein normales T-Shirt über den Kopf zu ziehen, wofür gesunde Menschen nur wenige Sekunden benötigen, vergehen für Matthias Minuten. Es sind die typischen Auswirkungen der neurologischen Krankheit, die sich bei jedem der 250 000 Bundesbürgern finden, die an Morbus Parkinson erkrankt sind. Wahrscheinlich sind es weitaus mehr: Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer um ein Drittel höher ist als die tatsächlich bekannten Diagnosen. Als Person des öffentlichen Lebens fiel es Matthias schwer, diese Krankheit zu verbergen. Oft wurde er für betrunken gehalten. „Die Leute denken, ich sei bekloppt“, erzählte er dem Publikum. Doch auch als bekannt wurde, dass die Radiolegende an Parkinson erkrankt war, ließ Matthias sich nicht unterkriegen.

„Man stirbt nicht an Parkinson, man stirbt mit Parkinson“

Eine Heilung für Parkinson gibt es beim derzeitigen medizinischen Fortschritt nicht, aber die Krankheit ist auch nicht unmittelbar tödlich. Mittlerweile haben Erkrankte eine nahezu normale Lebenserwartung. Auch die Ursachen der Krankheit sind weitgehend geklärt: Das Gehirn von Betroffenen produziert zu geringe Mengen des Botenstoffs Dopamin. Herrscht ein Dopamin-Mangel, kommt es unter anderem zu den typischen Bewegungsstörungen. Neben den motorischen Beeinträchtigungen können im Verlauf der Krankheit aber auch weitere Begleitsymptome auftreten wie beispielsweise Schlafstörungen, Probleme mit dem Magen-Darm-Trakt sowie Schmerzen.

Holtmann mit seinem Keyboarder Randy Lee Kay (Foto: AOK)
AOK Parkinsonveranstaltung

Doch nicht nur Medikamente helfen gegen die Symptome. Matthias steht jeden Morgen um 7 Uhr morgens auf, um sich seinem Fitnessprogramm zu widmen. Denn besonders die Stärkung der Rückenmuskulatur ist sehr wichtig für Parkinson-Patienten. Und auch der Musik kehrt er nicht den Rücken. Die vielen Gesangseinlagen, die der Vollblutmusiker vor dem Publikum zum Besten gab sind laut Dr. Schreiber ein großartiges Training für die Stimme.

„Ich hatte schlicht und ergreifend Angst“

Dem Publikum erzählte Dr. Schreiber von den neuen Therapiemöglichkeiten, die über die normale Medikation von Dopamin hinaus gehen. Man könne sich einen sogenannten Hirnschrittmacher einsetzen lassen, der ähnlich einem Herzschrittmacher funktioniert und schwere motorische Störungen lindern soll. Dabei würden Elektroden an das Mittelhirn angebracht. Doch ein solcher Eingriff dauert mit etwa zehn Stunden sehr lange und sei auch nicht unbedingt risikofrei. Außerdem wäre er nicht für alle Patienten geeignet. Nur solche, deren kognitive Fähigkeiten ausgeprägt genug sind, seien dafür geeignet, sich solch einer Operation zu unterziehen. Obwohl Matthias durchaus die Voraussetzungen erfüllt, schreckt er noch vor dieser Methode zurück. „Ich hatte schlicht und ergreifend Angst“ gibt der Moderator zu.

„Man stirbt nicht an Parkinson, man stirbt mit Parkinson“

Für Matthias gibt es jedoch viel schlimmere Krankheiten als Parkinson. „Die Krankheit ist großer Mist. Doch man stirbt nicht an Parkinson, man stirbt mit Parkinson“. Durch den Rückhalt von Familie und Freunden sei ein Leben mit dieser Krankheit durchaus möglich. Natürlich müsse man viel mehr Zeit einplanen für einfache Dinge und sich auch überwinden, Andere um Hilfe zu bitten. Matthias war dafür nie zu stolz, wobei er betont, man dürfe sich nicht zurücklehnen und von allen bedienen lassen, sondern fit und aktiv bleiben und sich anstrengen. Denn nichts sei schlimmer für einen an Parkinson Erkrankten, als sich auf die faule Haut zu legen und nichts mehr zu tun.

Matthias Holtmann und Randy Lee Kay
Das möchte er auch gar nicht. Denn trotz seiner Krankheit will er auf keinen Fall seine große Leidenschaft aufgeben: Autos. Nicht nur Anschauen, sondern auch selbst fahren. Viele mögen jetzt denken, dass man mit Parkinson nicht mehr in der Lage sei, ein Automobil zu führen, doch Matthias überzeugt vom Gegenteil. Alle 2 Jahre lässt er ein psychologisches Gutachten machen, das bezeugt, dass er noch fahrtüchtig ist.

Auf die Frage, ob er etwas bereue, antwortete er ganz schlicht: „Ich hätte früher zum Arzt gehen sollen.“ Denn wie viele Parkinson-Patienten hat auch er die ersten Anzeichen ignoriert, in der Hoffnung, es würde sich von allein wieder legen. Doch wie überall gilt: Je früher eine Krankheit diagnostiziert wird, desto früher kann dagegen vorgegangen werden. Auch wenn Matthias mit einem Augenzwinkern hinzufügt, dass er nur zum Arzt gegangen wäre, um früher auf Behindertenparkplätzen parken zu dürfen.

Text: Christine Link

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