Geschenk, Zufall oder Raubgut? – Vom Umgang mit rätselhafter Provenienz

BRUCHSAL, SEPTEMBER 2026 |

Manchmal beginnt Geschichte nicht mit einer Antwort, sondern mit einem Fragezeichen. Im Depot des Städtischen Museums Bruchsal lagerten mehrere Gegenstände, über die kaum mehr bekannt war als ihre Herkunft aus Bruchsal. Jüdische Ritualobjekte, sichtbar beschädigt, mit Spuren von Feuer und Gewalt – aber ohne überlieferte Geschichte. Woher kamen sie? Wem gehörten sie? Und wie gelangten sie ins Museum?

 

Worum geht es hier?
BruchsalNationalsozialismusjüdische Gemeinde BruchsalLost ArtProvenienzforschungKulturgutverluste
jüdische Ritualobjekte

 

Von Regina Bender, Städtisches Museum, Bruchsal

 

Normalerweise stellen wir Ihnen in unserer Kolumne „Bruchsaler Geschichtsfenster“ abwechselnd mit dem Stadtarchiv ein Objekt oder Thema aus unseren Beständen vor, dessen historischen Kontext und deren Besonderheiten wir Ihnen beschreiben. In diesem Fall ist es jedoch anders: Zu den Objekten, die Sie hier sehen, wissen wir kaum etwas. 
Warum dann in einer Kolumne vorstellen, könnten Sie sich jetzt fragen und damit haben Sie auf den ersten Blick vielleicht recht. Auf den zweiten Blick erzählen diese Stücke aber nicht nur etwas über ihren direkten Kontext als jüdische Ritualgegenstände, sondern liefern gerade über die Leerstellen, die unerklärt bleiben, Hintergrundinformationen zu ihrer ganz eigenen Objektbiografie. 
Aber fangen wir vorn an:

Bei den Gegenständen, die Sie hier sehen, handelt es sich um jüdische Ritualien, die in einem der städtischen Depots eingelagert waren. Lediglich, dass sie aus Bruchsal stammen und eventuell mit der zerstörten Synagoge zu tun haben, war vermerkt. Mehr wussten wir zunächst über diese Objekte nicht und da die Dokumentation des Vorkriegsbestandes gemeinsam mit einem großen Teil der Sammlung 1945 zerstört wurde, ließ sich auch nichts nachlesen. Also haben wir uns auf die Suche gemacht und tatsächlich für alle Objekte herausgefunden, worum es sich handelt und wie sie genutzt wurden (siehe Bildunterschriften). Was sich nicht rekonstruieren ließ, sind Herkunft und Fundzusammenhang.

Woher kamen diese Gegenstände?

Da diese Objekte zusammen eingelagert waren, vermuten wir, dass sie vom selben Fundort stammen, der allerdings nicht sicher überliefert ist. Bekannt ist außerdem, dass Sabbatampeln nicht in Synagogen, sondern in privaten Räumen üblich waren, sodass eher als die Bruchsaler Synagoge, die bis zu ihrer mutwilligen Zerstörung 1938 in der Friedrichstraße stand, der alte Betsaal der jüdischen Gemeinde in der Huttenstraße in Betracht kommt. Dieser beherbergte auch Privaträume des Rabbiners. Es könnte sich aber auch um einen anderen jüdischen Haushalt aus Bruchsal gehandelt haben, der während der Pogrome verwüstet wurde, denn Spuren von Feuer und mechanischer Gewalt sind an allen Objekten deutlich erkennbar. Weder die Frage, ob sie sich – rechtmäßig oder enteignet – bereits im Museumsbestand befanden und während des Bombenangriffs 1945 beschädigt wurden, noch die Vermutung, dass sie womöglich nach den Novemberpogromen 1938 aus den Trümmern geborgen und im Museum eingelagert wurden, lässt sich feststellen.

BILDERGALERIE – mit Beschreibung der Gegenstände

Die Suche nach einer verlorenen Geschichte

Die Washingtoner Erklärung hält seit 1998 unter anderem Kulturinstitutionen und Museen dazu an, ihre Bestände auf Objekte zu durchsuchen, die im Verdacht stehen, durch die Nationalsozialisten enteignet worden zu sein. Bei solchen Exponaten ist die Herkunft bestmöglich zu erforschen, um die Gegenstände ihren rechtmäßigen Besitzerinnen und Besitzern zurückgeben zu können. Da die beschriebenen Objekte beschädigt sind und keinerlei individuelle Merkmale aufweisen, ist eine persönliche Zuordnung zu einem der damaligen jüdischen Haushalte in Bruchsal kaum möglich. Um der Aufforderung zur Provenienzforschung dennoch bestmöglich nachkommen zu können, wurden die Objekte in die öffentliche Lost-Art-Datenbank des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste eingetragen (Lost-Art-ID: 596011-596015).

Trotz Lücken in der Objektgeschichte finden Sie diese Gegenstände im Städtischen Museum im überarbeiteten Ausstellungsraum zum Thema „Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg in Bruchsal“, wo sie in Zusammenhang mit der Bruchsaler jüdischen Gemeinde gezeigt werden. Wo die Vermittlungsfunktion, die Museen klassischerweise als eine ihrer zentralen Aufgaben haben, auf den ersten Blick versagt, scheint das Versprechen zwischen Museum und Publikum gebrochen. Auf den zweiten Blick jedoch erzählt genau diese Lücke etwas über eine Zeit, in der jüdisches Leben in Bruchsal präsent und gleichzeitig stark gefährdet war. Die Spuren von Beschädigung und Feuer erinnern an das gewaltsame Ende einer florierenden Gemeinschaft, die in der Bruchsaler Stadtgesellschaft bis kurz zuvor gut integriert war. Und die Fragezeichen, die uns in Hinblick auf die Herkunft der Objekte und die Umstände, unter denen sie ins Museumsdepot gelangten, trotz Recherche erhalten bleiben werden, erinnern uns an die vielen Schicksale jüdischer Männer, Frauen und Kinder – ganzer Familien – die sich im Dunkel der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie verlieren und nicht mehr rekonstruierbar sind.

Was das Unbekannte erzählen kann

Wer sich in der Ausstellung auf diesen Gedanken einlässt, versteht, dass gerade das, was wir nicht wissen und vor allem der Grund, warum wir es nicht mehr wissen, vieles über die Objektgeschichte erzählt und gerade in Beziehung zur Geschichte der jüdischen Gemeinde über die verbliebenen Leerstellen auch etwas über Menschen erzählen kann, die diese Ritualien nutzten, denen sie gehörten und denen sie wichtig waren.

Mit diesem Format geben der Landfunker, das Stadtarchiv und das Städtische Museum regelmäßig Einblicke in Kunst, Geschichte und Alltagskultur. Alle 14 Tage mittwochs öffnet sich ein neues Fenster – mal mit einem Objekt, mal mit einer Geschichte, mal mit einem Blick wie diesem: Auf eine liebenswerte, längst vergessene kleine Stadtgeschichte.

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