fbpx

BRUCHSAL | Städtische Initiative: Probeliegen für Wohnungssuchende

Lass das deine Freunde wissen!

Icon-Stadtmagazin WILLI

Ob es wohl die herannahende, besinnliche Jahreszeit war, an die die Bruchsaler OBin, Cornelia Petzold-Schick, gedacht hatte, als sie in ihrer recht zähen Haushaltsrede private Hauseigentümer und Vermieteraufforderte, endlich zur Besinnung zu kommen und manch notleidenden Wohnungssuchenden doch bitte Obdach zu gewähren? Wohnungen und Häuser seien unbenutzt, während Familien und Zugezogene keinen Wohnraum fänden. Ein unhaltbarer Zustand angesichts des angespannten Wohnungsmarktes, meinte die OBin.

Richtig, mag man hinzufügen. Allein, was das Stadtoberhaupt nicht aussprechen wollte: Bis vor nicht allzu langer Zeit hatte man sich in der Verwaltung gegenseitig kräftig auf die Schultern geklopft:  Bruchsal wuchs und wurde, wie allseits betont, vielfältiger. Die damit einhergehenden und ebenso vielfältigen Probleme, nicht nur auf dem Wohnungsmarkt, kehrte man geflissentlich gerne unter den Teppich.

So wurden in der Bahnstadt elegante Viertel für gehobene Ansprüche geschaffen. Günstige Wohnungen entstanden dort und anderswo natürlich auch. Aber meist als Lärmriegel für geräuscharmes, gehobenes Wohnen in der zweiten Reihe. Dafür waren dann selbst Gebäude recht, die Studierenden Obdach gewährten und damit den Karlsruher oder Heidelberger Wohnungsmarkt entlasteten, Bruchsal aber nur am Rande weiterhalfen.

Tatsächlich kann hochpreisiger Neubau gegebenenfalls ein höheres Angebot an Wohnraum im unteren Marktsegment befördern. Allerdings geht die Rechnung nur dann auf, wenn bei wachsender Nachfrage der Bestand an günstigen Wohnungen insgesamt nicht stagniert oder abnimmt, sondern signifikant steigt! Diese Erkenntnis scheint sich in Bruchsal mit reichlicher Verspätung durchzusetzen. Nun soll endlich Abhilfe geschaffen werden. Allerdings treibt die Einsicht teilweise recht seltsame Blüten. So bringt uns das Rathaus noch vor Nikolaus einen Sack frommer Wünsche in Form eines sogenannten „Anreizprogramms zur Leerstandaktivierung“ (Motto: „Sicher vermietet mit gutem Gefühl“). Wenn da mal nicht Knecht Ruprecht Pate stand…

Denn der Plan sieht vor, Personen, die bisher selbst nicht fündig wurden, aber eine „hohe Mitwirkungsbereitschaft“ zeigen, in Mietverhältnisse zu vermitteln. Städtische Hilfen in Form von Mietgarantien oder Renovierungszuschüssen sollen dies befördern. Und siehe da: Schon neun Menschen fanden dieses Jahr durch derartige Aktivitäten eine Unterkunft. Darauf lässt sich aufbauen, meint die Verwaltung und ist sich sicher, gehörig nachzulegen!

Donnerwetter, wenn das nicht hilft, die Wohnungsnot zu beseitigen!

Donnerwetter, wenn das nicht hilft, die Wohnungsnot zu beseitigen! Angesichts der beträchtlichen Komplexität der Aufgabe, dem Umstand, dass nicht so wirklich klar ist, wer genau gefördert werden soll und wenig gesicherte Wohnungsmarktdaten vorliegen, stochert man gehörig im Nebel. Ist unsere Verwaltung schlichtweg naiv oder von purer Verzweiflung getrieben?

Mieten auf Bewährung

Mieter werden nach ihrer „Mietfähigkeit“ eingeschätzt, erhalten gegebenenfalls „Bewährung“ und können „Probewohnen“. Die Stadt sieht vor, dass bei Konflikten ein „Nutzer“ eben „umgesetzt“ wird. Wie hat man sich dies im Einzelnen vorzustellen? Ich bin jetzt schon gespannt wie ein Regenschirm. Wie wird wohl jene Vermieterin auf das neue Anreizprogramm reagieren, der gerade eine Mietnomadin die Wohnung verwüstete?

Mit derartigen Nebensächlichkeiten halten sich einige unserer Vertreter im Gemeinderat, wie beispielsweise die ehemalige SPD-Landtagskandidatin, Alexandra Nohl, nicht auf. Warum auch. Sind die Schuldigen der Mietmarktmisere doch sowieso bekannt! Und deshalb holte Nohl in der Debatte wohl auch das ganz große Besteck heraus: Kellerlöcher würden angeboten, potenzielle Mieterinnen würden aufgefordert, in Naturalien zu zahlen, manche Wohnungen glichen Hütten. Sie hätte da schon ihre Erfahrungen gemacht. Differenzierung nach spezifischen Problemfeldern des lokalen Wohnungsmarktes? Pustekuchen!

Daumenschrauben für Hauseigentümer

Für Nohl scheint es notwendig, den Bruchsaler Hauseigentümern unisono zukünftig Daumenschrauben anzulegen und diese gehörig anzuziehen. Jedenfalls schwadronierte sie über Leerstandskataster und Bußgelder und forderte umgehend einen Bruchsaler Wohnungsgipfel. Wie letzteres neben einem pädagogischen Wohlfühleffekt auch Wohnraum schaffen könnte, dazu schwieg die Rednerin.

Vielleicht deshalb, weil sich einige ihrer Kollegen angesichts derlei Einlassungen kaum noch auf den Sitzen halten konnten? Unruhe machte sich im Gemeinderat breit; es wurde hörbar gemunkelt, dies alles gehöre nicht in ein kommunales Gremium.

Hatte sich Nohl im Eifer des Gefechts tatsächlich im Landtag verortet? Wenigstens schien sie vergessen zu haben, dass ihre eigene Gemeinderatsfraktion über Jahre hinweg kaum eine der stadtplanerischen Entscheidungen aufgrund sozialer Aspekte in Frage gestellt, geschweige denn, abgelehnt hatte.

Immer auf die Kleinen

Wie geht man denn teilweise mit manchen großen Investoren am Immobilienmarkt um? Ist die Bruchsaler Stadtentwicklung nicht auch entscheidend geprägt durch einzelne Unternehmen, die allein renditeorientierte Interessen haben und nicht nur in der Flüchtlingskrise gegenüber den kommunalen Trägern an sehr langen Hebeln saßen? Darauf ging Nohl nicht ein (zu heikel?). Für sie galt das Motto: Immer auf die Kleinen.

Übrigens wurde das Anreizprogramm – nach heftiger Kritik an dessen Effektivität – mit großer Mehrheit durchgewunken.
Vielleicht erbarmt sich der wohl alsbald scheidende Stadtplaner, Hartmut Ayrle, der Angelegenheit und hüllt zum Abschluss seiner Tätigkeit in Bruchsal einen Mantel des Schweigens nicht nur über diese Posse der Stadtentwicklung.

Text: Hubert Hieke

Aus RegioMagazin WILLI 12/2021

Kommentieren?
Ja bitte, denn eine offene Diskussion fördert das Miteinander.
Bitte achten Sie dabei auf unsere Kommentarregeln (Info)

Hier geht es zum Kommentarfeld >>>

 

close

Kurze Unterbrechung!

Schon gewusst? Der Landfunker-Newsletter informiert dich über die Region zwischen Kraichgau und Rhein.

Unser Newsletter erscheint jeweils freitags für alle, die das Wichtigste zusammengefasst haben möchten.

Hier kannst du einen Beispiel-Newsletter sehen!

Bei Nichtgefallen kannst du ihn jederzeit mit einem Klick am Ende des Newsletters abbestellen.

WICHTIG: Solltest du in den nächsten Minuten keine Bestätigungsmail von uns bekommen, so überprüfe bitte deinen SPAM-Ordner. Ohne die Bestätigungsmail können wir dir keinen Newsletter schicken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.