Foto: Stadtarchiv Bruchsal
Standfoto aus der Filmsequenz „Bruchsal judenfrei!“ © Stadtarchiv Bruchsal

Bruchsal | „Mädchen mit Hutschachtel“ – Dokumentarstück für die junge BLB

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20.10 | Am 22. Oktober 2020 jährt sich einer der schwärzesten Tage der Geschichte Bruchsals zum 80. Mal: die Deportation der jüdischen Bevölkerung in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich.

Anlässlich dieses Jahrestages kündigt die Badische Landesbühne die Uraufführung des Dokumentarstücks „Mädchen mit Hutschachtel“ an.

Das Ereignis vom 22. Oktober 1940 wurde in einem noch heute erhaltenen NS-Propagandafilm mit dem Titel „Bruchsal judenfrei! Die letzten Juden verlassen Bruchsal“ festgehalten. In einer Filmsequenz ist unter vielen Menschen ein junges Mädchen mit einer Hutschachtel zu sehen. „Als kürzlich klar wurde, dass es sich dabei um die heute in den USA lebende 93-jährige Edith Leuchter (geb. Löb) handelt, haben wir sogleich mit ihr und ihren Töchtern Kontakt aufgenommen. Schnell wurde uns klar, dass wir ihre Lebensgeschichte auf die Bühne bringen wollen“, so Intendant Carsten Ramm.

Dank einer Förderung durch die Bruchsaler Bildungsstiftung konnte die Landesbühne die Autorin Lisa Sommerfeldt damit beauftragen, für die junge BLB ein Stück über das Schicksal von Edith Leuchter und ihrer Familie zu schreiben.

Edith Leuchter wurde 1927 in Bruchsal geboren. Als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Bruchsal die Synagoge von Nazis niedergebrannt wurde, befand sich Ediths Vater Max bereits in den USA. Er wollte dort Arbeit finden und seine Frau Julie, deren Mutter Mathilde und seine zwei Kinder Edith und Heinz später nachholen, doch leider kam es anders. Nach der Emigration von Max führte Julie seinen Kolonialwarenladen weiter, musste ihn aber bald zwangsverkaufen. Das Geld und das Essen waren knapp, deshalb wurde der kleine Heinz nach Frankfurt in ein Kinderheim geschickt. Kurz darauf wurden Edith, ihre Mutter und ihre Großmutter nach Gurs deportiert. Das entbehrungsreiche Leben im Lager bleibt in schrecklicher Erinnerung.

Die jüdische Hilfsorganisation OSE befreite Edith; getrennt von ihrer Familie, lebte sie dann unter dem Decknamen Edith Labé in verschiedenen französischen Internaten. Mathilde starb in Frankreich an einem Herzleiden. Julie wurde am 14. August 1942 in das KZ Auschwitz gebracht, und gilt seitdem als verschollen. Heinz wurde nach Theresienstadt deportiert und von dort am 18. Mai 1944 nach Auschwitz, wo er mit 13 Jahren umgebracht wurde.

Erst nach dem Krieg gelang es Edith, Kontakt mit ihrem Vater aufzunehmen und zu ihm nach New York zu emigrieren. Dort musste sie sich ein neues Leben aufbauen. Trotz des erlittenen Leids verlor sie ihren Lebensmut nicht, doch das, was ihr und ihrer Familie und Millionen von anderen Jüdinnen und Juden angetan wurde, darf nie wieder passieren.

Lisa Sommerfeldts Stück „Mädchen mit Hutschachtel“ basiert auf Interviews mit Edith Leuchter, ihrem Mann und ihren Töchtern sowie auf Tagebucheinträgen, Gerichtsakten und anderen Zeitdokumenten. Es wirft ebenso faktische wie poetisch verdichtete Schlaglichter auf das Schicksal einer der letzten noch lebenden Bruchsaler Holocaustüberlebenden und macht so eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte für „Nachgeborene“ erfahrbar. Gerade in einer Zeit, in der Nationalismus und Rassismus wieder erstarken, muss die Erinnerungskultur lebendig gehalten werden.

„Mädchen mit Hutschachtel“ richtet sich an Jugendliche und Erwachsene und wird am 17. März 2021 in der Inszenierung von Petra Jenni Premiere haben.

Ausschnitt aus “Die letzten Juden verlassen Bruchsal”

Ein beklemmender Filmausschnitt, der die Deportation der Jüdinnen und Juden aus Bruchsal und dem Landkreis Bruchsal nach Gurs zeigt. Der Film war lange unter Verschluss in einem Bruchsaler  Privatarchiv und wurde erstmals anlässlich des 50. Jahrestags der Bombardierung Bruchsals im Jahr 1995 auf der Landfunker-Vorgängerplattform Bruchsal-xl.de öffentlich gezeigt.

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