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Innenstadt Bruchsal

Bruchsal | Vier Fragen an Harry Mühl …

… den Vorsitzenden des Vereins Haus und Grund Bruchsal-Philippsburg über seine Eindrücke zu Bruchsals Handel

Aus RegioMagazin WILLI 9/18

Wie haben Sie Bruchsals Handel erlebt als Sie hier ankamen?

Harry Mühl (HM): Als ich 1985 nach Bruchsal kam, hatte der Einzelhandel einen sehr guten Ruf. Das Einzugsgebiet reichte bis Schwetzingen und Wiesloch. Ende der 80er Jahre gab es dann eine Delle, mit Leerständen und großer Fluktuation, die sich in den 90er Jahren verstärkt hat. Die Trendwende kam mit dem Errichten des Friedrichspalais mit C&A, mit dem Neubau der Rathausgalerie und mit dem Modehaus Jost. Seit 2007 verstärkt sich der Strukturwandel im Bereich des stationären Einzelhandels in Richtung Einkaufen im Internet. Aber auch da gibt es schon gegenläufige Tendenzen.

Harry Mühl
Harry Mühl, Vorsitzender des Vereins Haus und Grund Bruchsal-Phillipsburg

Nennen Sie ein Beispiel

HM: Vielen Kunden fehlt beim Kauf im Internet die sensorische Wahrnehmung der Waren. Deswegen haben große Häuser begonnen, nach dem so genannten Multi-Channel-Prinzip Sales Points zu eröffnen, an denen man die Waren auch tatsächlich sehen, fühlen, schmecken, riechen kann. Im Modebereich sind das beispielsweise Mode-Beratungszentren, in denen die Kundschaft Stoffkollektionen, Musterstücke, Accessoires wie Knöpfe, Reißverschlüsse u.ä. findet. Mit einem Körperscanner wird der Körper aufgenommen und man kann am Bildschirm schon mal probieren, wie Schnitte oder Farben am eigenen Körper wirken.

Was kann der Handel, was können die Einzelhändler, was kann die Stadtverwaltung tun, damit die Innenstadt weiterhin attraktiv bleibt?

HM: Ich würde es in sechs Punkten zusammenfassen:
Einheitliche Ladenöffnungszeiten von 10 bis 18 Uhr in der Innenstadt festlegen. Das würde für auswärtige Kunden Verlässlichkeit schaffen. Oft fahren sie wegen der Unsicherheit in eine der Großstädte in der Nähe. Aufpassen, dass bei uns alle Branchen vertreten sind.

Ein Bruchsaler Geschäft darf das andere nicht als Konkurrent sehen, sondern als Ergänzung des „Kaufhauses Innenstadt“. Die aktuelle Strukturveränderung betrifft vor allem kleine Geschäfte, für die die Mieten in guten Lagen immer schwerer zu erwirtschaften sind. Einzelhandelsketten haben es einfacher. Vermieter müssten dem Rechnung tragen.

Die Besucherfrequenz muss auch durch die Gastronomie generiert werden. Wer gut essen und trinken kann bleibt länger in der Stadt. Nach wie vor plädiere ich vehement für ein innerstädtisches Parkleitsystem! Und ich empfehle seit langem, dass die Stadt die Kaiserpassage kauft, neu aufteilt und an Investoren weiterverkauft.

Was würde die Attraktivität Bruchsals weiter steigern?

HM: Das kann man nicht in zwei Sätzen beantworten. Ich habe einige Ideen, die ich nennen möchte: E-Mobilität voranbringen! Elektrobusse einführen, wenn demnächst der Bus-Fuhrpark erneuert wird. Elektro-Taxen ermöglichen, wenn der Bahnhofsbereich umgestaltet wird. Außerdem einen E-Bike-Verleih ansiedeln.

In Bruchsals neuer Bahnstadt ein Spielplatz nach dem Modell der „alla-Hopp-Spielplätze“ anlegen. Barocke Ziergärten gibt es in vielen Städten, deswegen würde ich in Bruchsal einen barocken Nutzgarten anlegen – mit Rhabarber, Artischocken und natürlich Spargel.

In der Güterbahnhofshalle könnte ein Zentrum für Kunst entstehen. Bei Interesse könnten dort die kulturschaffenden Vereine eine Bleibe finden. Nach dem Vorbild des Kulturbahnhofs Sinsheim könnte dies als Genossenschaft geführt werden.

Marktfrühstück am Wochenmarkt! Im Bereich unseres Wochenmarktes werden viele Speisen angeboten. Ich würde einfach Tische, Stühle und Schirme aufstellen, so dass sich jeder von den Speisen etwas holen kann und dann in geselliger Atmosphäre verspeisen kann.

Bei der Neugestaltung des Feuerwehr-Areals würde ich eine Wegebeziehung von Bereich heute Steakhouse zur Friedrichstraße schaffen und eine Mischung aus Kultur und Kommerz unterbringen. Egal, wie das zu errichtende Gebäude in Zukunft genutzt wird: Auf jeden Fall ist dort eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die von den Nazis abgefackelten Synagoge unterzubringen. Die Stadt Bruchsal handelte in der Wiederaufbauphase nach dem Krieg nicht gerade sensibel, ausgerechnet auf dem Gelände der Synagoge das Feuerwehrhaus zu errichten.

Die Fragen stellte Margrit Csiky